Rubrik

«Im Auge der Literaten»: Autor Jürg Halter schreibt Simonetta Sommaruga einen Brief aus der Zukunft

Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller sinnieren in dieser Rubrik über die Coronakrise. Diese Woche schreibt Jürg Halter Simonetta Sommaruga einen Brief aus der Zukunft.

Jürg Halter
Drucken
Teilen
Jürg Halter, 39, ist Schriftsteller und Spoken-Word- Artist. Früher war er bekannt als Rapper Kutti MC.

Jürg Halter, 39, ist Schriftsteller und Spoken-Word- Artist. Früher war er bekannt als Rapper Kutti MC.

Bild: Rob Lewis

Weshalb ich mich an Sie wende? Sie sind Bundespräsidentin im für die Schweiz schwierigsten Jahr seit 1945. Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich versuche es trotzdem: Durch eine, wie ich vermute, kosmische Verrücktheit hat es mich unvermittelt ins Jahr 2027 verschlagen. Und da ich glaube, dass es für Sie vielleicht von Interesse sein könnte, wie es in Zukunft um unser Land und die Welt steht, schreibe ich Ihnen.

Nun halte ich mich schon seit fünf Tagen hier auf. Die Welt ist kaum wiederzuerkennen. Gerade betrete ich einen Supermarkt und erkundige mich nach der Fleischabteilung.

«Fleisch?»

, fragt mich die Verkäuferin erstaunt,

«Sie sind gut! Das haben wir vor Jahren aus dem Sortiment genommen. Das gibt’s nur noch in wenigen, tierethisch geprüften Spezialgeschäften.»

Als ich ungläubig nach Biogemüse frage, schaut sie mich an, als käme ich aus einer anderen Zeit (was ja stimmt, aber das kann ich ihr so nicht erklären, sonst hält sie mich für komplett verrückt). «Bio? Alles ist bio. Alles andere wurde längst verboten. Selbstverständlich ist das Angebot so auch kleiner geworden. Verkauft wird, was hier geerntet oder per Bahn transportiert werden kann», erklärt sie mir nun langsam, damit ich es auch ja verstehe.

Später in einem Park frage ich eine Joggerin, die sich neben mir auf der Bank ausruht, wer denn damals, also 2020, die wirtschaftlichen Schäden durch die Coronakrise bezahlt hätte, um verlegen nachzuschieben, dass ich eben eine längere Amnesie gehabt hätte. Sie erzählt mir dann, dass es nach anfänglichen Konflikten, die fast in einem Weltkrieg endeten, zu einer neuen Stunde null gekommen sei und plötzlich alle wirklich merkten, dass unser Planet früher oder später für niemanden mehr lebenswert gewesen wäre. Im Rückblick ist es schwierig nachzuvollziehen, wie es in so kurzer Zeit zu einer solch fundamentalen internationalen Besinnung bis in die Gipfel der Macht gekommen ist.

Nach einem historischen Schuldenschnitt wurde zuerst der 200 Billionen Dollar schwere «Save the Earth»-Fonds geschaffen, unter anderem finanziert durch eine neue globale Erbschafts- und Vermögenssteuer. Bald gab’s keine Schnösel mehr, die sagten: «Für meinen Erfolg habe ich hart geerbt.» Und die Banken kamen nicht erneut ungeschoren davon. Auch Grossunternehmen wurden nur zu Bedingungen der ganzen Gesellschaft gerettet.

Ein internationales, dezentral organisiertes Gremium aus Expertinnen und Experten und zufällig ausgewählten Menschen bestimmte, welche Wirtschaften nach der Coronakrise überhaupt wieder hochgefahren wurden. Profitgier zu Ungunsten der Allgemeinheit ist seitdem zum Tabu schlechthin geworden. Löhne glichen sich an. Einige Berufe starben aus; so gibt’s zum Beispiel keine Hedgefonds-Manager mehr, die gegen überschuldete Staaten wetten.

Durch die geschrumpfte Ungleichheit sanken die Geburtenraten, Kriege hörten fast auf, das führte wiederum dazu, dass Migrationsbewegungen stark abnahmen und Nationalismus zum Randphänomen wurde. Nebenbei demokratisierten sich so die Religionen. Alternative Energien wurden alternativlos, und neue Technologien machten wasserstoffangetriebene Fortbewegungsmittel zu einer Selbstverständlichkeit. Der Tourismus wurde kontingentiert. Kleider wurden weniger, nachhaltiger und also teurer produziert.

Die «Wegwerfgesellschaft» ist zu einem historischen Begriff geworden. Nebenbei wurden die Klimaziele 2025 gerade noch erreicht. Und da die Menschen der Wissenschaft, den Behörden und den Medien heute vertrauen wie zuvor, ist die Totalüberwachung versiegt. Open Data hat sich durchgesetzt. Selbstverantwortung prägt die Menschen. Global wurden grosse Teile der Armeen zu Gesundheitstruppen umgewandelt, die bei neuen Pandemien eingreifen können. Aber seit wir wieder zur Erde schauen, sind auch ihre Rachegelüste kleiner geworden.

In all dem ging die Schweiz international voraus und wurde ihrem Selbstbild endlich gerecht; nämlich ein fortschrittliches und humanitäres Land zu sein.

Ich hoffe sehr, dass ich nicht in einer Parallelzukunft gelandet bin, sondern in der Zukunft, nach der sich schon heute Millionen Menschen weltweit sehnen.  Ich glaube daran, dass auch Sie von ihr träumen. Ich bin da und warte auf euch alle!

Herzliche Grüsse,
Jürg Halter

Weitere Artikel aus dieser Rubrik finden Sie hier: