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«Im Auge der Literaten» mit Milena Moser: Wer jetzt seinen Teil nicht tut, geht über Leichen

Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller schreiben in dieser Rubrik über die Coronakrise. Diese Woche erinnert sich Milena Moser an die Worte ihrer Mutter, als ebenfalls Zusammenhalt gefragt war.

Milena Moser
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Milena Moser, 56, lebt in San Francisco. Ihr Partner gehört allen erdenklichen Risikogruppen an.

Milena Moser, 56, lebt in San Francisco. Ihr Partner gehört allen erdenklichen Risikogruppen an.

Bild: Claudio Thoma

Vor meinem Fenster geht das Leben weiter. Als wäre nichts. Die Strassenbahn quietscht vorbei, ich höre Stimmengewirr, Zurufe, Lachen. Ich stehe auf und schaue hinaus. Eine Kinderwagenkarawane zieht vorbei, Jugendliche dribbeln einen Basketball die Strasse hinauf, ein Kleinbus lädt eine Gruppe von Senioren mit Einkaufstüten an der Ecke ab. Dabei wurden in San Francisco, wo ich lebe, letzte Woche ähnliche Massnahmen ausgerufen wie in der Schweiz. Wir sind aufgefordert, zu Hause zu bleiben, unsere Wohnungen nur im Notfall zu verlassen und dann einen Sicherheitsabstand einzuhalten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es noch irgendeine Seele gibt, die diese Nachricht nicht gehört hat.

Und dann denke ich an den Geschichtsunterricht, früher, in der Schule. Wie einfach damals alles schien, wie klar es aus der Distanz vergangener Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte ist: Welches die richtige Seite war und welches die falsche. Das richtige Verhalten, das falsche. Die Guten und die Bösen. Ich erinnere mich, wie empört ich manchmal war – ich war voller Leidenschaft und Idealismus. Ich konnte mir nicht erklären, wie jemand «das Falsche tun», sich auf die falsche Seite schlagen konnte. Und ich war mir sicher, dass ich in einer derartigen Situation selbstverständlich zu den «Guten» gehören würde. Auch wenn das Opfer verlangte. Denn auch das machte der Geschichtsunterricht klar. Das Richtige zu tun, hatte immer seinen Preis. Das konnte mich in der unermesslichen Arroganz meiner Jugend nicht abschrecken.

Und natürlich kam es nie zum Test. Ich wuchs in der Schweiz auf, von Kriegen und wirtschaftlichen Katastrophen verschont, von einem Netz sozialer Einrichtungen gesichert, ein bisschen weltfremd, behütet. Ohne mir dessen bewusst zu sein, entwickelte ich eine Mischung aus Überheblichkeit und Unschuld, die mich glauben liess, mir könne nichts passieren. Und wenn, dann würde ich vom System aufgefangen.

Und nun das. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich in einer Situation, in der mein Verhalten ganz direkt über das Leben und Sterben anderer Menschen bestimmt. In der es auf mich ankommt. Und ich muss nicht einmal ein echtes Opfer dafür bringen. Ich riskiere mein Leben nicht im Untergrund oder im Widerstand, ich verhungere nicht, weil ich mein letztes Stück Brot verschenkt habe, ich werde nicht enteignet oder vertrieben.

Nein, ich muss nur zu Hause bleiben. Mit meinem gefüllten Kühlschrank, meinen Bücherstapeln und meinem Netflix-Account. Mit den Blumen vor den Fenstern, mit meinen Katzen und dem Mann, den ich liebe (und der ganz nebenbei jeder denkbaren Risikogruppe angehört). Für meine idealistische Teenagerseele keine wirkliche Herausforderung.

Das findet auch meine 86-jährige Mutter – nicht alle «Alten» widersetzen sich den Schutzmassnahmen.

«Was ich persönlich glaube, ist vollkommen egal»

, sagt sie.

«Jetzt müssen wir einfach alle mitmachen, wir müssen zusammenhalten.»

Im Krieg und in der Nachkriegszeit sei das schliesslich auch so gewesen. Als ich vor fünf Jahren die Schweiz verliess, versprach ich ihr, sofort ins nächste Flugzeug zu steigen, wenn sie mich brauchte. Das wäre jetzt. Doch ich kann das Versprechen nicht halten. «Ich bin nie davon ausgegangen, dass du das wirklich tun würdest», sagt sie. «Man weiss schliesslich nie, was auf der Welt passiert.»

Das unterscheidet sie von mir: Sie war schon einmal mit der Tatsache konfrontiert, dass sich das Leben nicht nach ihren Vorlieben und Wünschen richtet. Sie ist gelassener als die meisten, mit denen ich mich in den letzten Tagen unterhalten habe. Sie beklagt sich nicht. Überhaupt scheinen die am wenigsten zu jammern, die am meisten gefährdet sind. In Zeiten wie diesen zeigen wir unser wahres Gesicht. Wie kann man sich jetzt, wo die Spitäler und ihr Personal schon am Anschlag sind, Pflegefachleute und Ärzte sich anstecken, weil nicht mehr genügend Schutzmasken da sind, und so weiter, wie kann man sich jetzt über die Schutzverordnungen hinwegsetzen? Wer tut so etwas? Und warum? Es ist nicht viel, was die Gemeinschaft von uns verlangt.

Wer jetzt seinen Teil nicht tut, geht über Leichen. Ganz wörtlich. Mir schwant, dass die «Bösen», die ich im Geschichtsunterricht so klar bestimmen konnte, einfach die «Bequemen» sind. Das macht es noch viel schlimmer.

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