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Theater Ballenberg: Bewegendes Drama erfolgreich entstaubt

Kaum ein Ort ist als Freilichtbühne so geeignet wie der Ballenberg. Das berührende Stück «Steibruch» wird derart entstaubt, sodass sogar der heimelige Schauplatz als Kulisse eine neue Wirkung erzielt.
Romano Cuonz
Hanspeter Müller-Drossaart als Murer (links) vor der beeindruckenden Kulisse. (Bild: Alexandra Wey / Keystone, 4. Juli 2018)

Hanspeter Müller-Drossaart als Murer (links) vor der beeindruckenden Kulisse. (Bild: Alexandra Wey / Keystone, 4. Juli 2018)

Eine schäbige Baracke, ein Gärtchen mit Lauch, Kartoffeln und einer darin verirrten Königskerze, der Kaninchenstall und die Feuerstelle, dazu zwei rostige Loren und Bruchstücke von Gleisen, die ins Nichts führen: Dies ist die Ausstattung des Bühnenbilds für das in die Jahre gekommene Schweizer Drama «Steibruch» (1939 von Albert J. Welti).

Erstaunlich ist, dass im Hintergrund all dieser eher trostlos wirkenden Gegenstände nicht das eine oder andere jener traulichen alten Häuser des Schweizer Freilichtmuseums steht. Vielmehr wurde in der Senke unterhalb der Kapelle von Raron ein alter, sichtlich heruntergekommener Steinbruch kreiert.

Die Ausstatterin Anna Maria Glaudemans veranschaulicht damit Einsamkeit, Abgeschiedenheit, Enge und Ausweglosigkeit. Und all dies dazu noch in so beklemmender Nähe zur Tribüne und zum Publikum, dass Zuschauerinnen und Zuschauer sich schon schier unwohl fühlen. Sozusagen in der Haut des verschrobenen Aussenseiters Murer, noch bevor dieser erstmals auftritt.

Gut überlegte Bearbeitung und einfühlsame Regie

Bestärkt wird die düstere Stimmung durch die Verse der «Dorfer». In Töne umgesetzte Gefühle sind es, bedrückend im Rhythmus und oft in monotonem Singsang. All dies zu nachgerade lyrischen Texten, die der Hauptdarsteller Hanspeter Müller-Drossaart geschrieben hat. Etwa dort, wo die «Friedlichwiler» dem vermeintlichen Mörder Murer unbarmherzig einen Spiegel vor Augen halten: «Jietz isch er elei, kene trout em me, im eigete Chefi gfange, vernaglet.»

Hanspeter Müller-Drossaart als Murer (sitzend) und das Laienensemble ergänzen einander ausgezeichnet. (Bild: Alexandra Wey / Keystone, 4. Juli 2018)

Hanspeter Müller-Drossaart als Murer (sitzend) und das Laienensemble ergänzen einander ausgezeichnet. (Bild: Alexandra Wey / Keystone, 4. Juli 2018)

«Steibruch – Zrugg us Amerika» wurde vor dem Zweiten Weltkrieg geschrieben und an der Landi in Zürich uraufgeführt. Unvergesslich auch die Verfilmung mit Heinrich Gretler und der jungen Maria Schell. Im digitalen Zeitalter aber wirken viele Dialoge alt, verstaubt gar. Dass das alte Drama mit dem fast kitschig berührenden Happy End wieder spielbar und sogar attraktiv wird, verdankt es der gut überlegten Überarbeitung von Hanspeter Müller-Drossaart und der sorgfältigen, farbig kostümierten und vor allem einfühlsamen Regie des Luzerners Livio Andreina.

Gegen 40 Spielerinnen und Spieler treten auf. Viele Rollen sind neu. Etwa die skurrilen Greise, die das Geschehen wie alte Eidgenossen laufend kommentieren. Oder fast schon schockierend die Mädchen der «7-fräch-Bandi», die das «Meitschi» schlimmer mobben und quälen, als es die Buben tun.

Andreina, Müller und das ganze Team «meisseln Schicht um Schicht weg, bis unter der verkrusteten Oberfläche der Dorfgeschichte die Wahrheit aufleuchtet und man den Menschen näher rückt». Grosses Können zeigt Andreina auch mit einer klugen und variantenreichen Bespielung des engen Raums. Der Zuschauer wird immer wieder überrascht.

Es ist selten, dass ein Profi mit Laienspielern so gut harmoniert wie hier. Hanspeter Müller-Drossaart mimt den Einzelgänger Murer ohne jede Brutalität. Eher als Mitleid erregend tragische Figur. Von den «Dorfern» wird die Geschichte erzählt, wie er als junger Mann zwei uneheliche Kinder gezeugt und dann nach Amerika geflüchtet und dort unschuldig im Gefängnis war.

Unterschiede zwischen Profis und Laien als Qualität

Eigentliche Stärke des Stückes aber ist, dass die ganze Tragik dann augenscheinlich wird, wenn ihn seine Kinder – ohne etwas zu ahnen – im Steinbruch besuchen. Larina Jessica Amacher als «Meitschi» und Julian Kobler als geistig behinderter «Näppu» spielen diese doppelt besetzten Rollen bei der Premiere frisch und glaubwürdig, dass sie immer wieder Szenenapplaus erhalten.

Die Fremdheit der übrigen Dorfbewohner zu Murer erhält gerade dadurch Konturen, weil es zwischen Laien und dem einzigen Profi in der Spielweise tatsächlich Unterschiede gibt. Gegensätze werden sicht- und hörbar, die vielen farbigen Figuren gewinnen an Kraft und Profil. Stellvertretend seien hier Rolf Zumbrunn als verständiger Gemeindeammann, Urs Althaus als hartherziger neuer Lehrer oder Pia Aplanalp als für diese Neuinszenierung so typische komische Fotografin genannt. Die diesjährige Produktion ist für den Ballenberg ebenso neu wie das vom Staub befreite Stück.

Landschaftstheater Ballenberg: «Steibruch – Zrugg us Amerika» Aufführungen bis zum 18. August. Infos: www.landschaftstheater-ballenberg.ch

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