Spinnerei Nylon-6: Im «Gedächtnispalast» wird ausgemistet

Ende Juni war Schluss. Nun rückt der «Gedächtnispalast» zurück ins Bewusstsein – mit schwarzen Zahlen.

Regina Grüter
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Viel Arbeit: Die Spinnerei Nylon-6 wird langsam leergeräumt. (Bild: PD)

Viel Arbeit: Die Spinnerei Nylon-6 wird langsam leergeräumt. (Bild: PD)

Ein ganzer Sommer liegt dazwischen. Wochen ist es her, seit in der Spinnerei Nylon-6 in der Viscosistadt in Emmenbrücke die letzte Aufführung des Theaterstücks «Gedächtnispalast» über die Bühne ging. Und er ist schon wieder ein bisschen aus dem Gedächtnis verschwunden, dieser Hort der Erinnerung.

Und Hort von Sachen. Das Licht und die Bar waren Anfang Juli bereits abgebaut, bevor alle in die Sommerpause rauschten. Was passiert mit dem Rest? Wie lebt es sich ohne «Gedächtnispalast», der das Leben vieler Beteiligter über eine ganz lange Zeit fest im Griff hatte?

Und was machen sie jetzt?

Nun ist es Anfang September, und das «Gedächtnispalast»-Team kam zusammen, um zu feiern. Ebenda, am Ort des Geschehens in der Viscosistadt. Regisseurin Annette Windlin wirkt höchst zufrieden und gelöst. Kann sie auch sein. Eben hat sie erfahren, dass sie schwarze Zahlen schreiben, obwohl wegen bau- und feuerpolizeilichen Vorschriften pro Aufführung weniger Zuschauer als geplant zugelassen waren. «Insgesamt haben gegen 6000 Zuschauerinnen und Zuschauer unseren ‹Gedächtnispalast› besucht», sagt Produktionsleiter Urs Zürcher. «Dies entspricht einer beachtlichen Auslastung von 74 Prozent.»

Und was machen sie jetzt? «Wir sind am Aufräumen», antwortet Annette Windlin schlicht. Sie hat die 60 Szenen von Autorin Martina Clavadetscher inszeniert. All die Sachen aus dem Nachlass dreier Messies, die die Ausstattung des «Gedächtnispalasts» so speziell machten, müssen wieder weg. «Wir machen eine Triage. Fragen uns, was werfen wir weg? Was behalten wir für eine allfällige spätere Verwendung? Was sortieren wir aus für den Flohmarkt von Fidea Design im Dezember?» Aber unter Zeitdruck stünden sie nicht. Bis jetzt gibt es kein Datum, wann sie draussen sein müssten. Mit «Morgarten – Der Streit geht weiter» oder «Stadt der Vögel» hatte Windlin in letzter Zeit grosse Projekte, aber der «Gedächtnispalast» war rein schon vom räumlichen, zeitlichen und personellen Volumen her ihr bisher grösstes: 5000 Quadratmeter, 4 Jahre, 110 Mitarbeiter.

Wehmut ist beim Aufräumen keine dabei. «Es gab unglaublich viele positive Rückmeldungen», sagt Annette Windlin. «Das Stück hat in den Leuten wirklich etwas ausgelöst. Es gab natürlich auch die, die sagten, sie könnten nichts damit anfangen. Aber dass es ein kompletter Mist sei, das hat niemand gesagt.» Um es zu einem persönlichen Erlebnis werden zu lassen, musste man sich darauf einlassen können. «Bei vielen hat es Erinnerungen, einen persönlichen Prozess ausgelöst und wurde so zu einem sehr individuellen Theatererlebnis», erzählt Windlin weiter. So mancher Besucher hat sich selber aufs «Rittiseili» gesetzt und ist tief in eigene Erinnerungen abgetaucht.

Nein, der «Gedächtnispalast» erzählte keine lineare Geschichte, war kein Erzähltheater im klassischen Sinn. «Leuten, die vom Landtheater her kamen, fehlte der rote Faden», meint Rolf Schumacher, «die konnten nichts damit anfangen.» Für ihn wie auch für Irène Kuhn oder Werner Sameli, die ehrenamtlich als Guides arbeiteten, also dem Publikum die sich über fünf Etagen erstreckende «Bühne» erklärten, war die Begegnung mit Künstlern etwas völlig Neues. Während Kuhns und Schumachers Ehepartner als Laiendarsteller auftraten, trauten sie sich das nicht zu, wollten aber doch etwas zu diesem einmaligen Projekt beitragen. Werner Sameli hat früher in der Fabrik gearbeitet, war also für die «Rolle» als Orientierungshilfe prädestiniert.

Kopf schon gefüllt mit Neuem

Ausstatterin Ruth Mächler hatte unzählige Tee- und Ovi-Dosen auf dem Boden aufgestapelt, mit Taschentuchboxen oder auch Ikonen die Fabrikwände tapeziert. «Ich gebe immer viel von mir rein», sagt sie, «aber die Menge an Material war schon aussergewöhnlich.» Und sie sei völlig frei gewesen, wo ihre Arbeit bei anderen Projekten doch mehr an die Vorgaben der Regie gebunden ist.

Regisseurin, Ausstatterin, Guides, in ein Loch ist niemand gefallen Ende Juni, als der sprichwörtlich letzte Vorhang gefallen war. «Früher war das schon so», meint Mächler. «Heute wünschte man sich manchmal, da wäre ein Loch.» Eine kleine Verschnaufpause. Für sie und Annette Windlin geht es gleich weiter: Nächsten Sommer zeigen sie in Altdorf den «Wilhelm Tell» als Freilichtspiel. Und die Guides? So sehr sie die neue Erfahrung genossen haben, waren sie doch auch froh, als es vorbei war und sie wieder mehr Zeit für sich hatten. Was bleibt, sind ganz viele schöne Erinnerungen für die Ausstattung des Gedächtnispalasts im eigenen Kopf.