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Theater in Emmenbrücke: Im Kaleidoskop der Erinnerungen

Der Gedächtnispalast bringt in der Viscosistadt den verrückten Nachlass dreier Messies mit 60 Szenen von Martina Clavadetscher zusammen zu einer unglaublichen Verblüffungswelt.
Valeria Heintges
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Skurrile Theaterperformance in der Viscosistadt in Emmenbrücke

Man mag es nicht glauben: All das Zeug, das jetzt in der Spinnerei Nylon-6 der Viscosistadt in Emmenbrücke drapiert ist, stammt aus einem Gebäude. Aus einem Haus in Küssnacht, in dem drei Geschwister bis zu ihrem Tod lebten und das sie vollgestopft bis unters Dach hinterlassen haben.

Alle diese Sachen sind jetzt hier, im «Gedächtnispalast», wie der Verein Big Bang seine Inszenierung nennt. Auf 5000 Quadratmeter über fünf Etagen dienen sie als Requisiten für eine Vorstellung, die tief in die Erinnerung abtaucht. Das Ergebnis ist – ja was? Eine Inszenierung? Eine Installation? Auf jeden Fall: Überwältigung, Überraschung, Verirrung, Verwirrung, Verblüffung.

War es so oder doch ganz anders? In den Winkeln des Gedächtnispalasts kann man sich schön verlieren. (Bilder: Beat Allgaier/Verein Big Bang)

War es so oder doch ganz anders? In den Winkeln des Gedächtnispalasts kann man sich schön verlieren. (Bilder: Beat Allgaier/Verein Big Bang)

Überbordendes Sammelsurium in alter Fabrik

Die Spinnerei Nylon-6 war ja nicht leer. Im Gegenteil: Sie zeigt deutlich, dass hier Polyamid 6 im Dreischichtbetrieb durch Spinndrüsen gepresst, auf Spulen gewickelt und als «Nylsuisse» in die Welt exportiert wurde. Da ragen Tanks über zwei Stockwerke hinweg, da winden und krümmen sich Rohre, unter und neben denen sich die Besucher vorbeidrücken müssen. Da sind Überwachungsräume mit zig Armaturen an den Wänden, Maschinenräume, riesige Zahnräder.

Dazwischen das Sammelsurium der Geschwister. Ein ausgestopftes Reh ruht auf einer Leitung, Vogelnester thronen auf Rohren, eine Schaukel schwingt an einem Haken, Globen in Form von Wasserbällen rollen aus Schränken. Und mittendrin in diesen Traumstationen spielen neun Profi- und 35 Laienschauspieler 60 Szenen eines Stücks von Martina Clavadetscher.

Ein Labyrinth auf fünf Etagen.

Ein Labyrinth auf fünf Etagen.

Da wird ein Metallgeflecht zur Trennwand zwischen Priester und Beichtendem oder drei spielen in der Erde, die als Vorgarten aufgeschüttet wurde. Sie spielen einmal in dieser Ecke, einmal an jenem Tisch, einmal auf grösseren freien Flächen und verschwinden dann wieder.

Regisseurin Annette Windlin, Ausstatterin Ruth Mächler und Video-Frau Valentina Maria Mächler stiessen auf das Vermächtnis, hatten eine Idee und setzten sie mit 100 Mitwirkenden im «Gedächtnispalast» um. Clavadetschers Szenen sind kurz, prägnant, fantasievoll und auf den Punkt geschrieben. Sie folgen keiner Reihenfolge; vielmehr werden die Zuschauer in Gruppen gestaffelt hineingelassen in diese Wunderwelt – jeder setzt sich beim Durchgehen selbst zusammen, was passiert sein könnte. Jeder sieht seine Auswahl von Dingen und bastelt sich seine eigene Geschichte zusammen.

Essen, streiten, Welten erfinden

Zwei zentrale Szenen sollen das illustrieren. Erstens die «Sammelstelle des episodischen Gedächtnisses». Weissglitzernde, leuchtende Wesen, nicht von dieser Welt, ziehen auf goldenem Boden um einen Schrank herum und zeigen, was sie finden. Sie sagen:

«Alles, was je gedacht wurde, ist hier gespeichert.»

Zweite Szene: Ein langer, festlich gedeckter Tisch, drei geschmückte Weihnachtsbäume. Hier kommen sie zusammen, hier essen sie, hier streiten sie, die Familien Brandt und Fist, deren Geschichte zersplittert erzählt wird. Mutter Brandt mit Beni, Jonas und Marga. Und die Eltern Fist mit Sohn Hannes. Marga hat sich in Hannes verliebt, doch da knallen Welten aufeinander. Margas Fantasie, ihre Kreativität, ihre Liebe zum Detail. «Meine Spezialität ist das Erfinden von Welten», verkündet die Schauspielerin in einem der Videos, die es irgendwo auch noch zu sehen gibt. Und Hannes’ Karrierestreben, sein Leben und Leiden als Manager, als Firmenleiter. Er sagt in einem Video, wie unglücklich er damit letztlich geworden ist, trotz seiner «motivierten Mitarbeiter».

Einer von mehreren Hannes.

Einer von mehreren Hannes.

Drei Schauspieler spielen je Marga und Hannes. Weil ihre Geschichte auf allen fünf Etagen erzählt wird, laufen sie alle drei in Margas gelber oder in Hannes’ rostroter Kleidung herum. Alle Margas sind voller Fantasie, alle erzählen ihrem leicht behinderten Bruder Beni, dass er ein König im Walnussschloss sei. Und alle bekommen von ihrer Mutter nicht die Wahrheit serviert über den Vater, der sich in der Wäscherei zu Tode soff.

War es so oder doch ganz anders? Man kann nicht alle Szenen sehen, nicht alle Videos schauen, nicht allen Hörstationen lauschen. Man wird nicht alles verstehen, egal, ob man zwei Stunden bleibt oder länger oder kürzer. Marga und Hannes werden sich trennen, aber warum? Wohin verschwindet Marga? Wer ist die Hexe, die im Friseursalon residiert?

Es ist nicht wichtig, die Überforderung ist programmiert und gewollt. Man kann ja ohnehin soviel rätseln, soviel schauen, soviel staunen in diesem Erinnerungs-Kaleidoskop. Über das Bett, das mit Eierschalen bedeckt ist. Über die Kompagnie Gartenzwerge und das Album mit gesammelten Saatheftchen. Über die über hundert Koffer und die über siebzig Paar Schuhe. Man kann auch den gestickten Schriftzug auf dem Sofa lesen und rätseln, ob der nicht das verlogene Motto der Familie Brandt auf den Punkt bringt:

«Frohes Schaffen, treues Lieben, / ist das Beste stets geblieben.»

Der Gedächtnispalast läuft noch bis am 29. Juni. Infos: www.gedaechtnispalast.ch

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