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Im Landesmuseum gibt es einen neuen wundersamen Spaziergang durch die Jahrhunderte

Das Landesmuseum Zürich hat seine historischen Prunkräume renoviert und mit Kunsthandwerk aus 1000 Jahren neu eingerichtet. So macht Geschichte Freude.
Sabine Altorfer
Heinrich Lochmann liess sich den Festsaal/Barocksaal mit Gemälden zeitgenössischer Herrscher 1667 in Zürich bauen. Der Barocksaal kam 1898 telquel ins Landesmuseum. Auf Knopfdruck erzählen Puppen vom Leben damals. (Bild: SNM)

Heinrich Lochmann liess sich den Festsaal/Barocksaal mit Gemälden zeitgenössischer Herrscher 1667 in Zürich bauen. Der Barocksaal kam 1898 telquel ins Landesmuseum. Auf Knopfdruck erzählen Puppen vom Leben damals. (Bild: SNM)

Es war eine geniale Vision, die Architekt Gustav Gull vor 120 Jahren beim Landesmuseum umsetzte: In seinen Neubau in Zürich baute er historische Originalräume ein, damit Besucherinnen und Besucher die Objekte aus 1000 Jahren im passenden Ambiente erleben konnten.

Aus Klöstern und Palazzi, aus reichen Bürgerhäusern und Bauernstuben suchte er sich beispielhafte Einrichtungen für die Epochen vom Mittelalter bis ins 17. Jahrhundert – und entwarf den Grundriss des schlossähnlichen Baus exakt für sie.

Seine Vision passte bestens in seine Epoche des Historismus. Doch im 20. Jahrhundert fanden manche Museumsleute die historischen Räume und vor allem Gulls Nach-Erfindungen von alten Baustilen eher lästig. Man baute weisse Wände vor, Zwischendecken und neutralere Böden ein. In den letzten Jahren kränkelte der Bau: Der (nicht armierte) Beton bröckelte, Elektrizität, Licht, Sicherheit, Heizung und Isolation waren grenzwertig geworden, die Tragfähigkeit galt als fragil. Den schlechten Zustand nutzte man als Chance, den Altbau in Etappen grundlegend zu sanieren.

Die Sanierung ist fast unsichtbar

Heute Abend wird der renovierte Westflügel eröffnet – mit der neu gestalteten Dauerausstellung zum Schweizer Handwerk und Kunsthandwerk. Nur ein Flügel, mag sich mancher denken. Doch das heisst 7000 Objekte aus fast 1000 Jahren auf 2000 Quadratmetern, verteilt über drei Stockwerke und 35 Räume.

Welche Pracht ist hier zu entdecken. Vom Gewölbe der gotischen Kapelle strahlen die dekorativen Blumengirlanden und Kreuzrippen in frischer Farbigkeit, das edle Holz des Lochmannschen Festsaals aus dem Barock ist frisch poliert, der farbige, wieder freigelegte und ergänzte Fliesenboden des Lichthofes überrascht mit seiner zeitlosen Musterung, die geschnitzten Friese in den Äbtissinnenzimmern sind geputzt, im Mellinger Trinkzimmer riecht es nach Politur statt nach Schnaps, und die Hunderten von Wappenscheiben in Korridoren und Kreuzgängen leuchten.

Ziel der Sanierung war es, den alten Zustand wiederherzustellen, den Bau und insbesondere die zwölf historischen Prunkräume in neuem Glanz und alter Pracht wiederherzustellen.

Ein Puzzle auf 2000 Quadratmetern

Um den Kern des Gebäudes zu sanieren, mussten alle Einbauten Brett für Brett demontiert und nach Untersuchung und Restauration wieder montiert werden. Ein Riesenpuzzle! Neue Leitungen wurden in Hohlräumen und die Heizungen unter den alten Kachelöfen versteckt.

Einzig im «Oetenbachzimmer» von 1521 hat man einige der grossen Täferplatten nicht wieder montiert, so kann man als Besucherin hinter die Kulisse und auf die Tragstruktur blicken und bekommt anhand von Fotos eine Vorstellung von der Renovation.

Die Prunkstube aus dem Palazzo Pestalozzi wurde ab- und wieder aufgebaut. (Bild: Roman Keller)

Die Prunkstube aus dem Palazzo Pestalozzi wurde ab- und wieder aufgebaut. (Bild: Roman Keller)

Neu ist das Lichtsystem: Ringförmige Leuchter und bügelförmige Wandleuchten haben die Basler Architekten Christ und Gantenbein für ihren Neubau wie für die von ihnen verantwortete Renovation des Altbaus entworfen. Der Bund hat sich die Sanierung insgesamt 95 Millionen Franken kosten lassen, davon 35 Millionen für den Westflügel.

Mit Schnellzug, Kutsche oder U-Boot

Man kann Ausstellung und Bau in verschiedenen Tempi und Intensitäten erkunden. Im Schnellzug kann man von der Gotik über Barock ins Heute fahren, sich auf Bau und Einbauten konzentrieren und sich von Tafeln Basis-Informationen abholen.

Wer mehr Zeit hat, kann sich in geschnitzte Fabeln, Wandteppiche und Porträts vertiefen, im Spiegelboden bequem die feine Kassettendecke im Pestalozzi-Palazzo erkunden oder sich auf einem interaktiven Bildschirm vor der Klosterapotheke über Heilmittelchen beraten lassen, die in Schubladen und Döschen gelagert wurden. Die Gefahr ist allerdings gross, dass man bei dieser Kutschenfahrt schon bald hängen bleibt.

Mittelalterfans werden sich nicht so schnell vom Miniatur-Hinterglas-Flügelaltärchen losreissen können, oder sie werden vergnügt die Reihe der Heiligen abschreiten. Denn wo sonst begegnet man ihnen auf Augenhöhe? Auf einem mobilen Tablet lassen sich zu jedem Objekt zusätzliche Informationen und Geschichten abholen. Wer auf U-Boot-Tauchgang geht, erfährt beispielsweise, was es mit der Schweizergarde auf sich hat oder warum es Pistolen immer im Zweierpack zu kaufen gab.

Ein Prunkstück: Vergoldeter Himmelsglobus, hergestellt von Jost Bürgi, 1594. (Bild: SNM)

Ein Prunkstück: Vergoldeter Himmelsglobus, hergestellt von Jost Bürgi, 1594. (Bild: SNM)

Wie eng Kunsthandwerk und Wissenschaft einst verbandelt waren, zeigen reich dekorierte Sextanten. Welch ein Ereignis, vor dem St. Galler Globus zu stehen, ohne trennendes Glas. In Vitrinen gesteckt hat man einzig Klein-Preziosen und heikle Textilien.

Nicht ganz echt sind die weiss gekleideten Papierpuppen im Barocksaal, dafür können sie auf Wunsch und Knopfdruck sprechen und Episoden aus der Zeit um 1667 in Zürich erzählen.

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