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Im Kunstmuseum Luzern wird wertvolle Fracht angeliefert

Die ersten Bilder für die millionenschwere Ausstellung «Turner. Das Meer und die Alpen» sind unbeschadet im Kunstmuseum Luzern eingetroffen. Fast wie Royals werden sie eskortiert und empfangen. Auch ein steckenbleibender Lift bringt niemanden aus der Ruhe.
Céline Graf
Im Kunstmuseum Luzern nimmt Technikchef Tobias Oehmichen die Leihgaben in Empfang. (Bild: Jakob Ineichen, Luzern, 25. Juni 2019)

Im Kunstmuseum Luzern nimmt Technikchef Tobias Oehmichen die Leihgaben in Empfang. (Bild: Jakob Ineichen, Luzern, 25. Juni 2019)

Die Restauratorin hat ihren Hut im Lastwagen vergessen. Neun Personen und drei Holzkisten mit wertvollen Aquarellen drin fahren wieder ins Erdgeschoss des Kunstmuseums Luzern, wo der Warenlift gerade herkam. Doch nach ein paar Sekunden bleibt die Fahrgemeinschaft stecken.

«Vernissage abgesagt. Wichtigste Personen der Turner-Ausstellung im Lift stecken geblieben», scherzt Fanni Fetzer. Die Museumsdirektorin und Co-Kuratorin, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, zwei Fotografen, ein Texter von Luzern Tourismus, eine Journalistin und zwei Restauratorinnen warten. Der Technikchef telefoniert. Nach fünf Minuten setzt sich der Lift wieder in Bewegung. Es ist ja nichts Schlimmes passiert, aber jede kleine Panne jagt den Puls hoch. «Die Spannung ist schon sehr gross, ein wenig wie bei einer Maturaprüfung», sagt Fanni Fetzer. «Wir haben ein paar Jahre auf diesen Moment gewartet.»

Die Restauratorinnen (links Anita Hoess, rechts Ursula Sattler) prüfen die wertvollen Bilder ganz genau. (Bild: Jakob Ineichen, Luzern, 25. Juni 2019)

Die Restauratorinnen (links Anita Hoess, rechts Ursula Sattler) prüfen die wertvollen Bilder ganz genau. (Bild: Jakob Ineichen, Luzern, 25. Juni 2019)

Noch nie war der Rummel so enorm um eine Ausstellung im Kunstmuseum Luzern wie «Turner. Das Meer und die Alpen». Es ist eine Einzelschau über William Turner, den britischen Starmaler der Romantik, der neben den Transformationen der Industrialisierung vor allem Naturgewalten meisterlich festhielt.

Zusätzliche Sicherheitsmassnahmen

Damit leistet sich das Kunstmuseum zum 200-Jahr-Jubiläum seiner Trägerin, der Kunstgesellschaft Luzern, die bisher teuerste Ausstellung. Sie umfasst rund 100 Werke, grösstenteils Leihgaben des Turner-Nachlasses in der Tate Britain in London. Zusammen kommen die Bilder auf eine Versicherungssumme von über 700 Millionen Franken. Entsprechend hoch sind die Sicherheitsvorgaben für den Transport der Werke aus England. Pro Tag darf nur ein Lastwagen unterwegs sein. Die gesamte Versicherungssumme pro LKW darf 150 Millionen Pfund (zirka 186 Millionen Franken) nicht übersteigen.

Die Mitarbeiter einer spezialisierten Transportfirma sind zu zweit und übernachten in Brüssel in einem Hotel mit alarmgesicherter Tiefgarage. Am nächsten Tag soll die Ware möglichst vor dem Feierabendstau durch den Zoll. Für das Ausladen reserviert das Kunstmuseum Luzern ausnahmsweise die Einfahrt zum KKL-Gebäude, damit die Lastwagen nicht warten müssen.

Am Tag, an dem der Lift steckenbleibt, treffen drei der wenigen Turner-Bilder von Schweizer Leihgebern ein: je eins aus dem Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, dem Kunsthaus Zürich und einer Genfer Privatsammlung. Beim Ausladen fragen zwei Arbeiter von nebenan belustigt die Runde, die sich um die Ladefläche des Lieferwagens schart: «Was ist hier so interessant?»

Turner hätte es genossen

Wie faszinierend Turners Blick und Handwerk bis heute wirken, ist bei der Bestandesaufnahme zu spüren. Nachdem der Lift wieder gefahren ist, befreit Tobias Oehmichen, Leiter Ausstellungs- und Museumstechnik, im Museum das Bild der Schaffhauser Sturzenegger-Stiftung aus der Kiste. Mit Handschuhen löst er sachte jedes Klebeband der Bildhülle einzeln. Dann legt er Turners Aquarell «Der Rheinfall bei Schaffhausen» von 1841 auf eine Art Seziertisch.

Mit Lupe und Lampe beugen sich die Restauratorinnen Ursula Sattler vom Museum zu Allerheiligen Schaffhausen und Anita Hoess vom Kunstmuseum Luzern darüber. Abgereist sei es in «sehr gutem Zustand», sagt Ursula Sattler. Ebenso ist es in Luzern angekommen, wie die Expertinnen feststellen. Bis zur Eröffnung am Freitag nächste Woche untersuchen drei Teams parallel alle Werke für die Ausstellung.

Die Bilder werden nur mit Handschuhen angefasst. (Bild: Jakob Ineichen, Luzern, 24. Juni 2019)

Die Bilder werden nur mit Handschuhen angefasst. (Bild: Jakob Ineichen, Luzern, 24. Juni 2019)

Bis zur Verschiebung des Brexit von Juni auf Oktober 2019 habe man noch etwas gezittert, ob der Transport rechtzeitig erfolgen würde, sagt Fanni Fetzer. Doch seither laufe alles nach Plan. So heikel sei zudem der Transport von «nur» Bildern im Gegensatz zu dreidimensionalen Werken gar nicht, wie die wissenschaftliche Mitarbeiterin Laura Breitschmid sagt. «Fast ein bisschen langweilig», findet Tobias Oehmichen – im Verhältnis zur grossen Aufmerksamkeit. Diese wiederum hätte William Turner genossen. Der Maler der Royal Academy, Englands Kunstzentrum, galt schon jung als eitel.

So reagierte er bei königlichen Absagen auf Bildangebote beleidigt. Und bei einer Leihgabe, die beschädigt von einem europäischen Kunstkongress zurückkam, ohne ausgestellt worden zu sein, war er «fury as a hen» – «wütend wie ein Huhn». Dagegen herrscht im Lift geradezu britische Coolness.

Die Ausstellung «Turner. Das Meer und die Alpen» eröffnet am 5. Juli und dauert bis am 13. Oktober. Tickets: www.turner2019.ch

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