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Liebe ohne Fleisch: Der neue Roman von Simone Meier

Liebesfantasien aller Art in einer genderdestabilisierten Welt: Die Zürcher Journalistin Simone Meier zieht in ihrem dritten Roman «Kuss» tief hinein in einen spleenigen Schlund.
Anne-Sophie Scholl
Simone Meier beschäftigt sich in ihrem neusten Buch mit Liebe ohne Berührungen. Bild: André Wunstorf

Simone Meier beschäftigt sich in ihrem neusten Buch mit Liebe ohne Berührungen. Bild: André Wunstorf

Über Simone Meier gibt es einiges zu sagen. Sie hat jüngst an einem weiblichen Bildungskanon mitgearbeitet, seit eine neue Initiative Wikipedia-Einträge über Frauen forciert, hat sie einen eigenen Eintrag, sie wurde auf den Schweizer Seiten der «Zeit» als eine von 19 Frauen vorgestellt, die im Jahr 2019 Grosses vorhaben. Die frühere stellvertretende Leiterin des Kulturressorts und Frauenbeauftragte beim «Tages-Anzeiger» arbeitet seit fünf Jahren beim schrillen Online-News­portal «watson», bewegt sich geschmeidig zwischen E und U und schreibt schmissige, scharfe Texte. Nun ist ihr dritter Roman erschienen. Genug Themen für ein Gespräch.

Ein Kind ist gendertechnisch schwierig

Beginnen wir mit den Geschlechterrollen in ihrem Buch. «Das stand für mich nicht im Vordergrund», sagt Simone Meier entschieden. Nicht? «Kuss» erzählt von Yann und Gerda. Die beiden sind in ihren Dreissigern. Der Zufall will es, dass Gerda ihren Job verloren hat. Der Zufall will es auch, dass die beiden gerade in ein Haus in einem Einfamilienquartier gezogen sind. Und – ist das auch Zufall? – beide fühlen sich eigentlich ganz wohl, Yann sehnt sich gar nach einem Kind – nur wissen sie, dass diese Situation gendertechnisch gesehen inakzeptabel ist.

Symbiotische Verschmelzung von Haus und Frau

Das sei etwas, was sie bei ihren jüngeren Redaktionskollegen beobachte, sagt die 48-jährige Autorin: Die sogenannte Generation «Schneeflöckli» sei sehr sensibel, gerade was Geschlechterrollen angehe. Gleichzeitig sehe sie bei ihnen eine rückwärtsgewandte Sehnsucht nach traditionellen Werten.

«Viele wollten früh eine Familie gründen, ein Nest bauen, weil die Welt so hart und ruppig geworden sei.»

Gerda im Buch entwickelt eine eigentliche «Objektliebe» zum Haus und macht es nach ihren Vorstellungen hübsch und wohnlich. Als es nichts mehr hübsch und wohnlich zu machen gibt, zerstört sie es langsam und fängt wieder von vorn an – ganz in der Art des «Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms», um die Liebesbeziehung hinauszudehnen.

Die symbiotische Verschmelzung von Frau und Haus ist nicht Gerdas einziger Spleen. Noch durchgeknallter ist ihre wachsende Obsession für den Arbeitskollegen und Freund ihres Mannes, für Alex – ihn und seine WG-Kolleginnen und vor allem den Obermacker F. hat Simone Meier aus dem Vorgängerroman «Fleisch» wiederbelebt, doch dazu später mehr. Was für Projektionen entwickeln Leute, die sich nur in der Imagination begegnen?

Liebe in Zeiten von Online-Chats

Die Autorin hat einiges über virtuelle Liebe im Zeitalter von Facebook, Dating-Chats und Onlineplattformen recherchiert. «Im Grunde stricken diese Leute an einem Roman», sagt sie. Ihre Liebe finde nur im Kopf statt. Sie sei eine Übersteigerung ohne reale Basis, häufig aber mit fatalen Auswirkungen auf die Realität. In der ­Literaturgeschichte gibt es dafür Vorbilder: das Andersen Märchen «Die kleine Meerjungfrau», Goethes «Werther», in gewisser Weise auch «Anna Karenina» und «Madame Bovary».

Gerda begegnet Alex, ihr romantischer Spleen entzündet sich aber vor allem an Textnachrichten – und an dem titelgebenden Kuss, von dem man allerdings nicht so genau weiss, wieweit er tatsächlich stattgefunden hat. Doch Gerda ist nicht die einzige Figur im Roman, die sich von ihren Träumen davontragen lässt. Auch der gute und korrekte Yann lässt sich plötzlich auf Fantasiewelten ein. Und dann ist da noch die alternde Journalistin Valerie, die Simone Meier, wie sie sagt, «nah» an ihrer eigenen Person gezeichnet hat. «Sie hatte eine genaue Vorstellung davon, was einst auf ihrem Grabstein stehen sollte: ‹Dirty old woman›», liest man im Roman. Sie kommt mit ihrer zynischen Distanz einigermassen souverän durchs Leben.

«Alles, was mit Sprache zu tun hat, fasziniert mich»

Simone Meier geniesst die quirlige Welt auf der Redaktion ebenso wie den Rückzug ins literarische Schreiben. «Alles, was mit Sprache zu tun hat, ist enorm flexibel und dehnbar. Man kann unendlich viel ausprobieren mit dem Sound oder dem Rhythmus und Atmosphären verschieben, indem man ein Wort weglässt oder ändert. Das ist grossartig.» Im Roman «Kuss» schafft Simone Meier ein Netz von Figuren, die sich unterschiedlich recht und schlecht in einer genderdestabilisierten Welt durchschlagen. Wenn man an dem kolumnenartig temporeichen Roman etwas kritisieren kann, dann vielleicht, dass er ein wenig unentschieden zwischen Psychogramm und Gesellschaftspanorama schillert.

Simone Meier: «Kuss», Kein&Aber, 256 Seiten.

Buchtaufe: 5. 3., Kaufleuten, Zürich

Lesung: 11.3. Kellerbühne, St.Gallen

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