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Im Sturm der Geschichte - eine Retrospektive zeigt Oskar Kokoschkas Werk

Erst vor den Originalwerken offenbart sich Oskar Kokoschkas malerische Wucht. Im Kunsthaus Zürich bietet eine Retrospektive fast den ganzen Künstler: klug und grosszügig präsentiert.
Sabine Altorfer
Oskar Kokoschka: Liebespaar mit Katze, 1917 (Bild: Fondation Oskar Kokoschka)

Oskar Kokoschka: Liebespaar mit Katze, 1917 (Bild: Fondation Oskar Kokoschka)

Wilde Pinselwirbel, die kreisend und kreischend Figuren verzerren und freilegen: So kennen und lieben wir Oskar Kokoschka. Wir bewundern diese Pinselhiebe, die so heftig wie gezielt auf die Leinwände klatschen und die bei jedem Auftreffen die Farbe an den Pinselrändern überquellen lässt, die flachen Bilder zu dreidimensionalen Ereignissen machen. Ein solches Wunderwerk etwa ist «Liebespaar mit Katze». Erst vor dem Original kann man bewundern, wie sich aus einzelnen dicken Farbklecksen Gesichter herausschälen oder die Schriftsteller und Damen der Wiener Gesellschaft aus einem magischen, dunklen Raum vor unseren Augen auftauchen.

Mit solchen Malereien, scharfkantigen Zeichnungen und mit bitterbösen Illustrationen in der expressionistischen Zeitschrift «Der Sturm» katapultierte sich Kokoschka zwischen 1905 und 1918 selber ins Scheinwerferlicht. Sie machten ihn berühmt wie auch zur Zielscheibe von Ablehnung bis hin zur Ächtung als «entarteter» Künstler durch die Nazis 1937.

Ein sehr umfangreiches Gesamtwerk

Zeigt man Kokoschka, dann mit Vorliebe dieses Frühwerk. Redet man von ihm, dann sehr gerne ebenfalls von dieser Zeit, von seiner Amour fou zu Alma Mahler, die sein Schaffen antrieb – bis hin zu «Die Windsbraut», seiner Ikone mit dem Liebespaar im Sturm des Schicksals. Ausgerechnet dieses Bild fehlt in der Zürcher Ausstellung. Schade, aber man kann es ja im Kunstmuseum Basel anschauen. Und wird im Zürcher Kunsthaus durch 90 andere Gemälde und über 100 Zeichnungen, Grafiken, Dokumente genug – und grandios – beschäftigt.

Ziel des Kunsthauses ist es, den ganzen Kokoschka zu zeigen. Das ist mehr als ehrgeizig. Denn er lebte sehr lange – von 1886 bis 1980. Er war überaus fleissig: Tausende Gemälde, unzählige Zeichnungen und Grafikblätter, Theaterstücke, Skizzenhefte sind erhalten. Und Kokoschka veränderte auch immer wieder seinen Stil: von quirlig-expressiv über flache Farbteppiche und dünn-nervöse Lineaturen bis zur wilden Gestik. Sein Werk ist deshalb nicht nur ein Spiegel des 20. Jahrhunderts, sondern selber ein Jahrhundertwerk. Der Ehrgeiz von Kuratorin Cathérine Hug war es, nicht nur den ganzen Kokoschka zu präsentieren, sondern vor allem auch das unbekanntere Spätwerk in den Fokus zu rücken. Etwa den acht Meter breiten Dreiteiler «Thermopylae» und «Die Prometheus Saga» (1950). Nur schon diese beiden Werke (zusammen) zu sehen, lohnt den Gang ins Kunsthaus.

Die Schau ist logisch-chronologisch aufgebaut, erzählt in acht Kapiteln von 80 Jahren Kokoschka. Interessant ist ein Gang rückwärts durch dieses Labyrinth: Quasi von heute aus immer tiefer in die Vergangenheit einzu­tauchen, zeigt eindrücklich, wie das 20. Jahrhundert Kokoschka durchgeschüttelt hat.

Und immer diese Sehnsucht nach Liebe

Nach den goldenen Jahren des Wiener Aufbruchs war er im Ersten Weltkrieg an der Front. In Dresden wollte er sich ab 1917 von den Schussverletzungen, den psychischen Erschütterungen und von der Trennung von Alma Mahler erholen, bekam eine Professur, Support durch Galeristen und Sammler. Doch kaum wieder bei Kräften, wurde er zum Reisenden, im Zweiten Weltkrieg zum Flüchtenden mit Stationen in Prag und London. 1947 fand erstmals eine grosse Schau in ­Zürich statt, und 1952 feierte er an der Biennale Venedig Erfolge. In Villeneuve fand er ab 1951 bis zu seinem Tod 1980 ein ruhiges Domizil. Doch die Zeitumstände liessen ihn nicht nur mit seiner Frau Olda im Liegestuhl sitzen oder das Matterhorn malen.

Mit Kröten, Kötern und Krabben und mit wild-wütendem Pinsel griff er in den Kriegsjahren wie in den 1960er-Jahren blindes Mitläufertum und politischen ­Fanatismus an.

Den inneren roten Faden bildete stets die Sehnsucht nach Liebe. Und Selbstzweifel. Anders sind seine Selbstporträts mit den aufgerissenen Augen, den harten Händen nicht zu deuten. «Time, Gentlemen Please» nannte er sein Selbstbildnis von 1971/72. Mit diesem Aufruf mahnen englische Pubbesitzer zur letzten Runde. Der 85-Jährige spielte ­damit wohl ironisch auf sich selber an – in der Ausstellung der ­furiose Schlusspunkt. Emotional, farbig, expressiv – Kokoschka.

Kunsthaus Zürich, bis 10.3.2019

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