Klassik
«Seeklang» in Hergiswil: Von imaginären Reisen bis Buenos Aires

Am Seeklang-Festival spielten die jungen, internationalen Musiker Werke von Schumann bis Fazil Say auf durchweg hohem Niveau.

Gerda Neunhoeffer
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Wussten am Festival-Wochenende vollends zu überzeugen: Die jungen Musiker um Jesper Gasseling (zweiter von links): Miao-Yu Hung an der Violine, Bas Bartles und Hayaka Komatsu an der Viola und Urska Horvat am Cello - hier am Eröffnungsabend vergangenen Donnerstag.

Wussten am Festival-Wochenende vollends zu überzeugen: Die jungen Musiker um Jesper Gasseling (zweiter von links): Miao-Yu Hung an der Violine, Bas Bartles und Hayaka Komatsu an der Viola und Urska Horvat am Cello - hier am Eröffnungsabend vergangenen Donnerstag.

Bild: Manuela Jans-Koch (Hergiswil, 15. Juli 2021)

Langanhaltender Beifall, viele Bravorufe und standing ovation – so endete das Abschlusskonzert des zweiten Seeklang-Festivals in Hergiswil am Sonntagabend. Was Jesper Gasseling and friends in vier Tagen unter dem Programmtitel «Imagine!» dem Publikum präsentierten, war vielseitig, neuartig, anregend. Das gefiel den insgesamt etwa 300 Besuchern in den drei Konzerten in der Aula Grossmatt hör- und sichtbar sehr gut.

Auch im «Surprise» Spaziergangskonzert hatten sich am Samstagvormittag trotz unsicheren Wetters über 50 Musikliebhaber eingefunden. In der Reformierten Kirche gab es Barockes für zwei Celli, es wurde Telemann und Tango auf zwei Violinen gespielt. Als dann Jesper Gasseling den Raum überstürzt verliess und Miao-Yu Hung die Noten nicht fand, wunderte man sich. Dann erklang – ziemlich falsch und mit Augenzwinkern – eine bekannte Melodie: «La Cucaracha». Das wurde zum skurrilen Zwiegesang, von Aleksey Igudesman komponiert und hier bestens in Szene gesetzt. Es folgte ein kurzer Spaziergang zum Singsaal vom Schulhaus Matt.

Mit Filmmusik von Schostakowitsch

Die Pianistin Marija Bokor spielte ein Werk des israelischen Komponisten Benjamin Yusupov. Und es gab Filmmusik von Dmitri Schostakowitsch. Auch das dritte Kurzkonzert fand im Singsaal statt, da es nicht möglich war, wie geplant draussen am See zu spielen: Beethoven für Viola und Cello, Gershwin für Quintett. Einmal mehr konnte man die Wandelbarkeit der jungen Musikerinnen um den gerade eben 30-jährig gewordenen Jesper Gasseling bewundern.

Am Freitagabend hiess das Motto «Mind Palace». Man soll den Gedanken freien Lauf lassen, meinte Gasseling. Das ging bei Anton Weberns Streichquartett ebenso gut wie bei Schumanns Klavierquintett Es-Dur op. 44, in dem Marija Bokor, Jesper Gasseling und Lucie Koci (Violinen), Hayaka Komatsu und Lanka Bonaventurova (Bratschen) und die Cellistin Elodie Théry so temperamentvoll wie einfühlsam den Seelenregungen des Komponisten nachspürten. Ein besonderes Klangerlebnis aber wurde die Sonate für Cello und Klavier «Dört Sehir» («Vier Städte») von Fazil Say. Man tauchte tief in die Musik ein, die mal melancholisch, mal aufbrausend, virtuos, jazzig und tiefgründig war. Marija Bokor und Elodie Théry spielten sich in wilde Tänze, reizten rhythmisch scharfe Akzente krass aus. Spezielle Effekte am Klavier, von Say erfunden, ergaben exotische Klänge, die lange nachhallten.

Von rau kratzig bis träumerisch weich

Im Abschlusskonzert am Sonntag wurde man in eine weitere ferne Stadt entführt. «The Four Seasons of Buenos Aires» von Astor Piazzolla wurden mit Bokor, Gasseling und Théry zu einem Feuerwerk an Klängen, die mit den roten Kleidern der Pianistin und Cellistin die Funken auch optisch in den Raum versprühten. Wenn Violine und Cello rau kratzige Töne spielten, dann wieder träumerisch weiche Klänge die Ohren umschmeichelten, konnte man sich mit in die Weite träumen. Von Buenos Aires ging die imaginäre Reise dann nach Florenz, zu Tschaikowskys Streichsextett «Souvenir de Florence». Hier schienen sich alle Kräfte der befreundeten, internationalen Streicher zu nochmals gesteigerter Kraft und Ausdrucksstärke zu bündeln.

Es gelang Gasseling und Miao-Yu Hung (Violinen), Hakaya Komatsu und Bas Bartels (Violen) und den beiden Cellistinnen Urska Horvat und Elodie Théry eine dichte, klangstarke und mutige Interpretation. Orchestral, düster, dann spritzig leicht, geradezu übermütig am Ende. Sie gingen an die Grenzen spielerischer Möglichkeiten, und das Zusammenspiel war klanglich wie optisch sensationell. Ein Souvenir, das im Gedächtnis bleibt. Und mit dem sich Jesper Gasseling, Initiator von Seeklang, ein besonderes Geburtstagsgeschenk machte.