IMPROSANTE SARNEN: Grossartige Freaks und Betty-Bossi-Flirt

Ein verhinderter Pizzaiolo mit Mutterkomplex gibts auch im echten Leben. Auf der Bühne kriegt er dafür sogar Applaus.

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Improtheater für einmal ohne Worte: Auftritt der Theatergruppe Lamuns am Eröffnungsabend des Festivals Improsante in Sarnen. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)

Improtheater für einmal ohne Worte: Auftritt der Theatergruppe Lamuns am Eröffnungsabend des Festivals Improsante in Sarnen. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)

Julia Stephan

Es gibt Naheliegenderes, als in der Urschweiz eine Urzelle des Schweizer Improvisationstheaters zu vermuten. Aber ausgerechnet damit liegt man längst richtig: Die Theaterform, die auf Inszenierung verzichtet und stattdessen auf die spontanen Einfälle der Schauspieler setzt, hat ausgerechnet in Sarnen seit neun Jahren ein festes Zuhause.

2007 gründete das Theater «OhneWiederholung» dort das erste Improtheater-Festival der Schweiz. Seither finden sich hier jährlich 30 bis 40 Teilnehmer aus dem In- und Ausland ein für Show-Auftritte, Workshops und Fachgespräche. Während vier Tagen logieren sie im Hotel Krone und üben in diesem abgeschiedenen Provisorium, von Profis angeleitet, wie man in grosse und kleine Dramen schlittert und den Fuss rechtzeitig wieder herauszieht.

Hausverbot für Theatersport

Weil keine Stadt mit vollem Event-Kalender lockt, bleibt man unter sich. Für den Esprit des Improsante sei das förderlich, sagen die Organisatoren Rachel Röthlin und Lars Bianchi. Und noch eine Rahmenbedingung fällt aus dem Rahmen: Ausgerechnet die beliebteste Spielart des Improtheaters, der in den meisten Städten durchgeführte Theatersport, bei dem üblicherweise zwei Gruppen gegeneinander antreten, hat in Sarnen Hausverbot. Vom Wettbewerbsdruck entlastet, zielen die Gruppen deshalb nicht nur mit billigen Gags auf die niederen Instinkte des Publikums, sondern lassen auch mal Raum für leisere Töne, wenn sie ihre Figuren durch Stolperfallen des Lebens schicken.

Am Donnerstagabend kamen für die Talentshow «Küss den Frosch oder friss die Kröte» drei Nachwuchsgruppen aus Bern, Zürich und dem bündnerischen Malans nach Sarnen. Die meisten Sympathien konnte die Zürcher Gruppe «anundpfirsich» verbuchen, der inzwischen auch Lokalmatadorin Gabriela Renggli angehört. Das ehemalige Gründungsmitglied von Improsante hatte sich kürzlich aus beruflichen Gründen aus der Improtheatergruppe «OhneWiederholung» zurückgezogen.

Bibliothekarin vermutet Störung

In der neuen Formation teilte ihr das Bühnenschicksal die Rolle der gestrengen Oberbibliothekarin zu, die bei ihrer Untergebenen eine psychische Störung vermutet, seit die während der Znüni-Pause aufs Gipfeli verzichtet. Die graue Maus, grossartig verkörpert durch Melanie Baumann, konterte die Angriffe mit psychologischen Binsenweisheiten, welche das Magazin «Psychologie heute» nicht besser formulieren könnte, und stach bei Stiefbruder Achmed Trütsch, hauptberuflich Masseur, hobbymässig Ahnenforscher, mitleidlos in seine offene Wunde: seine Ahnenlosigkeit.

Urkomische Referenzen

Wie man sich in dieser Gruppe gegenseitig herausforderte, provozierte und aus heiklen Situationen hinausrettete, war grossartig. Melanie Baumann gelang dabei mit Sätzen wie «Manchmal muss man die Dinge einfach umkehren» auf der Bühne urkomische Referenzen auf die Techniken des Improtheaters.

Den Bernern von der Gruppe Planlos fehlte diese Verspieltheit, obwohl ihre Spielanordnung genau das versprach: Ihr Programm «Plan B» stellte dem Publikum die «Was wäre wenn ...?»-Frage. Was wäre gewesen, wenn der Chef Friedl das Du verweigert hätte? Wäre Friedl Amok gelaufen? Oder doch endlich Pizzaiolo geworden? Planlos beliessen es nicht beim Konjunktiv, sondern spielten auf Publikumswunsch hin einzelne Episoden aus dem Leben des italienischen Muttersöhnchens nochmals durch. Der mehr baslernde als bernernde Friedl bügelte dabei so manche Aussetzer seiner Mitspieler aus.

Theater ohne Worte

Mit poetischem Mimenspiel mit einfachsten Mitteln hob sich die Bündner Gruppe Lamuns aus Malans ab. Hier lieferte ein Bücherhaufen Stichworte für ein Theater ohne Worte, in dem schon ein «Kartoffel-Rüebli-Auflauf-Rezept» aus einem Betty-Bossi-Buch ausreichte, um einen Flirt anzuregen.

Die Bündner gaben mit ihrer sinnlichen Performance womöglich einen Vorgeschmack auf die heute Abend auftretende französische Gruppe Combats Absurdes aus Lyon. Die stehen für körperbetontes Improtheater und setzen im Improtheater, das von der Überrumpelung lebt, eher ungewöhnlich – auf die Entschleunigung.

Hinweis

Improsante, Hotel Krone, Sarnen. Heute 20 Uhr: «Slow Impro» mit Combats Absurdes, Lyon.