IMPROSANTE SARNEN: Rachel Röthlin und Lars Bianchi: «Es ist wie beim Fussball»

Das Improtheaterfestival Improsante in Sarnen war das erste seiner Art in der Schweiz. In diesen Tagen findet es zum zehnten Mal statt. Die Organisatoren Rachel Röthlin und Lars Bianchi über die Lust am Durchbrechen von Erwartungen.

Julia Stephan
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Rachel Röthlin und Lars Bianchi. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 2. Mai 2017))

Rachel Röthlin und Lars Bianchi. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 2. Mai 2017))

Interview: Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Rachel Röthlin und Lars Bianchi, Sie sind Improvisationsprofis. Angenommen, ich käme komplett unvorbereitet zum Interview. Welche Tipps hätten Sie zur Hand?

Rachel Röthlin: Beim Zuhören beim Gegenüber bleiben. Lars Bianchi: Das grösste Hindernis ist, wenn man von seiner Idee derart eingenommen ist, dass man sie nicht loslassen kann. Dann wird sich auch nichts entwickeln. Manchmal muss man alles über Bord werfen.

Bilden sich bei einer so langen Bühnenkarriere eigentlich Paraderollen heraus, die man sich in brenzligen Situationen überstülpt? Etwa die böse Schwiegermutter, weil man die am besten beherrscht?

Röthlin: Nein, das sind dann eher Charakterzüge. Bianchi: Bei Rachel ist das die Naive und die Hyperaktive. Sie hat ein Talent für Slapstick und Clownerie. Röthlin: Lars arbeitet über die Sprache, den Dialekt. Da spielt es keine Rolle, ob er einen Banker oder einen Gärtner spielt.

Ist es ein Vorteil oder ein Nachteil, wenn man sich so gut kennt wie Sie beide? Beim Improtheater will man ja aus Mustern ausbrechen ...

Röthlin: Ein fremder Mitspieler würde mich in Situationen reinmanövrieren, für die ich meine Komfortzone verlassen müsste. Ich könnte dann nie auf gleichem Level spielen wie mit Lars. Es ist wie beim Fussball. In deiner eigenen Mannschaft bist du besser als in einer fremden. Du kannst die Bälle werfen im Vertrauen, dass sie auch abgefangen werden. Wenn du dich verändern willst, wechselst du besser den Trainer, nicht die Mitspieler – in unserem Fall die Regie.

Wie schafft man es, Erwartungen zu durchbrechen?

Bianchi: Hierarchieverhältnisse umzudrehen, ist eine wirkungsvolle Strategie. Wenn Rachel Chef spielt und ich ihr Angestellter bin, ist das heute noch für viele überraschend. Wenn dieser Chef sich dann auch noch unterwürfig verhält, ist die Verwirrung perfekt.

Im Internet findet man ganze Enzyklopädien mit Improtheater-Techniken. Was muss man beachten?

Bianchi: Es gibt ungefähr zehn Punkte, die man als Impro­schauspieler beachten muss. Der wichtigste: zu den Inputs deiner Mitspieler erst mal Ja zu sagen. Wenn ich zu Ihnen sage: «Schauen Sie mal, diese Maus da», und Sie antworten mir, «Nein, das ist ein Tausendfüssler», dann ist das Spiel von Anfang an blockiert.

Gibt’s Momente, in denen man denkt: Jetzt hab ich’s vergeigt?

Bianchi: Das ist ja gerade das Schöne am Improtheater. Es ist immer ein Gegenüber da, das dich aus jeder brenzligen Situation wieder rausholt. Du bist nie allein.

Ihr Festival führt seit zehn Jahren die Improszene nach Sarnen. War nie die Idee da, den bescheidenen Festivalrahmen mal auszubauen?

Röthlin: Die Diskussion ist immer wieder aufgeflammt. Aber wir sind inzwischen der Ansicht: Es soll klein, aber fein bleiben. Bianchi: Allein schon die Stimmung, die entsteht, wenn über mehrere Tage sich Improschauspieler auf engstem Raum austauschen, ist einmalig.

Das Publikum ist ein wichtiger, aber unberechenbarer Mitspieler. Hat Sie es jemals in grössere Nöte geführt?

Bianchi: Bei einem Auftritt im Luzerner Madeleine, einen Tag nach dem Anschlag auf «Charlie Hebdo», warf jemand aus dem Publikum das Stichwort Charlie Hebdo in den Raum. Wir schauten uns an und wussten sofort, das kriegen wir in einer anständigen Form nicht hin. Das haben wir dem Publikum auch gesagt.

Färbt Ihre Arbeit auf den Alltag ab?

Bianchi: Ja, ich bin kreativer geworden beim Lösen von Problemen. Und auch etwas gelassener. Röthlin: Man lernt, den Menschen zuzuhören. Und ist offener gegenüber Neuem.