Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

IN DER FREMDE: Mutige junge Englandfahrerinnen

Als Haushalthilfe konnten sich auch mittellose junge Schweizerinnen einen Sprachaufenthalt leisten. Was sie dabei erlebten, erzählen sie Simone Müller in deren Buch über «die vergessenen Emigrantinnen».
Marie-Louise Zimmermann
Mina Rui-Oppliger wäre gerne in England geblieben. (Bilder: Mara Truog)

Mina Rui-Oppliger wäre gerne in England geblieben. (Bilder: Mara Truog)

Marie-Louise Zimmermann

«Alljährlich im Frühjahr schwärmen unsere jungen Mädchen nach England», schrieb 1956 die Thurgauer Zeitung. So betitelt Simone Müller ihre Porträts von elf betagten Frauen aus der Deutschschweiz oder dem Tessin, die zwischen 1938 und 1961 für Familien in England arbeiteten. In manchen Schweizer Familien erinnert man sich an eine Grosstante, die jung den Sprung über den Ärmelkanal wagte. Es brauchte Mut, ohne Englischkenntnisse allein per Zug und Schiff nach Grossbritannien zu reisen und dort in oft schwierigen Umständen durchzuhalten. Doch für manche dieser tapferen jungen Frauen wurde aus dem geplanten Jahr ein ganzes Leben.

Weg aus dem Berner Oberland

Berta Salt-Bhend wird 1919 geboren auf einem Hof im Kandertal, den ihre Mutter nach dem Tod des Vaters allein bewirtschaftet. Sie macht die klassische Ausbildung mittelloser Mädchen: ein Haushaltslehrjahr und ein Welschlandaufenthalt, dann 1938 der Aufbruch nach England. Auf einem Herrschaftssitz betreut sie die Kinder des britischen Gouverneurs in Nigeria und arbeitet nach Kriegsausbruch in einer Londoner Hutfabrik. Trotz der Bombenangriffe will sie nicht zurück und fährt Lastwagen für die Royal Airforce, rettet sogar zwei ins Meer abgestürzte Militärpiloten. 1946 heiratet sie den Bordschützen William Salt, nach dessen frühem Tod sie sich und ihre Zwillingstöchter mit einem Fish-and-Chips-Laden durchbringt. In vorgerücktem Alter lernt sie noch fliegen und macht die britische Matura.

Rebellisch und unerschrocken sei sie gewesen, sagen ihre Schwester und ihre Tochter, bei der die heute 98-Jährige in Abingdon bei Oxford lebt. Dort hat sie Simone Müller besucht. Die Berner Journalistin stiess bei einem längeren Englandaufenthalt auf das Thema und behandelte es erstmals in einer Biografie von Claire Parks-Bärfuss. («Über London und Neuseeland nach Eggiwil», 2015).

Die Zahlen lassen sich wegen der fehlenden historischen Aufarbeitung nur schätzen: Ab 1930 verdingten sich jedes Jahr Hunderte, von 1945 bis Anfang der Sechzigerjahre dann jährlich 5000 bis 7000 junge Schweizerinnen, oft aus ländlichen Gebieten, nach Grossbritannien. Die damals teure Reise wurde meist von den Vermittlungsagenturen oder den zukünftigen Arbeit­gebern bezahlt. Trotz der Warnungen vor dem nasskalten ­Klima, vor Mädchenhandel, Geschlechtskrankheiten und unerwünschter Schwangerschaft entflohen so viele der heimatlichen Enge. Anfänglich arbeiteten sie vorwiegend als Dienstmädchen bei der reichen Oberschicht, später auch als Au-Pair in Mittelklassefamilien.

Einsamkeit, Heimweh und Heirat

Manche litten in der englischen Klassengesellschaft unter Einsamkeit und Heimweh; andere heirateten einen Briten, oft aus den Kolonien. Ihre heutigen Adressen bekam die Autorin unter anderem von der Londoner Swiss Church, Heimat in der Fremde für die jungen Schweizerinnen. «Doch leider wollten einige interessante Gesprächspartnerinnen Privates nicht öffentlich machen», sagt sie, «vor allem, wenn das Erlebte schmerzlich war.»

Auch Anna Noel-Roduner, 1939 als Tochter eines SBB-Arbeiters in Wil geboren, hatte es nicht leicht: Als Dienstmädchen fror sie in der zugigen, nur mit Kaminfeuern heizbaren Villa einer reichen Fabrikantenfamilie in Northhampton und hatte kaum Gelegenheit, Englisch zu sprechen. So machte sie in der nahen Klinik eine Lehre als Psychiatrieschwester und arbeitete gerne in ihrem Beruf, bis sie krankheitshalber frühpensioniert wurde. Gegen fünfzig Jahre war sie – mehr oder weniger glücklich – verheiratet mit dem Magaziner Jean Noel aus Trinidad. Seit seinem Tod bleibt lebt sie allein in ihrem Häuschen, strickt unverdrossen und liest die Bibel.

Die 1919 geborene Mina Rui-Oppliger aus Rohrmatt LU wäre ebenfalls gerne in England geblieben. Ihre Familie konnte sich ein Lehrgeld für ihre zehn Kinder nicht leisten, also ging die Zwanzigjährige als Dienstmädchen nach London. «Eine so schöne Stelle hatte ich nachher nie mehr», erinnert sie sich. Ihre Arbeitgeberin nahm sich sogar jeden Tag Zeit, ihr Englisch beizubringen. Doch dann brach der Zweite Weltkrieg aus und die Schweizerinnen wurden zwangsweise repatriiert. Anna arbeitete im Laufental als Serviertochter, dann heiratete sie dort den italienischen Fischer Hans Rui und zog fünf Kinder gross. Durch ihre Heirat hatte sie ihr Schweizer Bürgerrecht verloren, und sie wie ihr Mann mussten viele Jahre auf die Einbürgerung warten. Davon erzählt sie aber nicht viel in ihrem selbst verfassten Lebenslauf, umso mehr von ihrer Kindheit im Luzerner Hinterland und von der schönen Zeit in England.

Simone Müllers Buch ist ein anschauliches Zeitdokument, gemischt aus persönlichen Erinnerungen, historischen Fakten und feinfühligen Fotografien. Und das Thema bleibt aktuell: Bis heute «schwärmen junge Frauen aus», um Sprachkenntnisse zu ­erwerben. Dank gewachsenem Wohlstand haben sie es komfortabler: Viele können sich einen reinen Schulaufenthalt oder ein Austauschjahr leisten. Für die andern vermitteln Agenturen wie Pro Linguis «Au Pair Light» mit täglichem Unterricht. Und dank Frühenglisch muss sich niemand mehr sprachlos ins Auslandabenteuer stürzen.

Simone Müller: «Alljährlich im Frühjahr schwärmen unsere jungen Mädchen nach England», Limmatverlag, 255 S., mit vielen Farbfotos von Mara Truog.

Fotos aus dem Leben der Luzernerin Mina Rui.

Fotos aus dem Leben der Luzernerin Mina Rui.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.