Performance im Neubad Luzern: In der Musik übernachten

Das Ensemble Nachhall lädt zu einer 24-Stunden-Konzert-Performance ins Neubad. Das Publikum kann kommen und gehen. Oder auch bleiben und schlafen.

Pirmin Bossart
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Das Ensemble Nachhall bei einem früheren Konzert im Luzerner Neubad. Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 16. April 2016)

Das Ensemble Nachhall bei einem früheren Konzert im Luzerner Neubad. Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 16. April 2016)

«Wir hatten schon länger die Idee, mal während der Nacht zu spielen», sagt Saxophonistin Silke Strahl, die mit Raphael Loher (Klavier), Sara Käser (Cello) und Léa Legros-Pontal (Viola) das Ensemble Nachhall bildet. Die Gelegenheit kam, als die Albert Koechlin Stiftung (AKS) das Innerschweizer Kulturprojekt «Die Andere Zeit» ausschrieb. «Das motivierte uns, ein Konzept für ein 24-Stunden-Konzert einzureichen. Ein solches Format, das den üblichen Konzertrahmen sprengt, ist nicht nur für uns spannend. Auch das Publikum wird ein anderes Zeitempfinden erleben können.»

Improvisation mit Taschenlampen

Die 24-Stunden-Konzert-Performance hat einen genauen Ablauf mit einem Fahrplan. Das Ereignis beginnt am Samstag, 27. April, um 11 Uhr im Neubad und dauert bis um 11 Uhr am anderen Tag. Für Abwechslung ist gesorgt. Alle 30 oder 45 Minuten wechselt das Geschehen. Mal spielt das Ensemble, mal sind es Duos oder Soli. Gespielt werden eigene Kompositionen sowie Kompositionen von Scelsi, Stockhausen, Lachenmann, Shlomowitz, Hertig, Saariaho oder Harvey. Mindestens so viel an Zeit wird frei improvisiert.

«Wir haben nach Komponistinnen und Komponisten gesucht, die sich spezifisch mit Zeit auseinandergesetzt haben», sagt Silke Strahl. Zwischen die Musik werden phasenweise «Lectures about Silence» eingeschoben, in denen Texte von John Cage oder der Performerin Marina Abramovic gelesen werden. Auch mit Taschenlampen wird improvisiert. Und was das Stichwort «15 m Drahtseil» im Fahrplan der 24-Stunden-Performance bedeutet, sei hier nicht verraten. Bespielt wird nicht nur die eigentliche Pool-Bühne des Neubads, sondern der ganze Pool-Raum.

Kissen und Decken für das Experiment

Das Publikum, das sich gewohnt ist, sich während ein bis zwei Stunden ein Konzert «reinzuziehen», bekommt an diesem Anlass die Gelegenheit, alte Zeitmuster aufzubrechen und sich nach eigenem Ermessen auf ein frei fliessendes Abenteuer einzulassen. Es kann kommen und gehen, ganz kurz oder länger bleiben, sich einen bestimmten Abschnitt aussuchen oder zufällig reinsitzen/reinliegen, das ist alles total offen. Natürlich würde sie es schon cool finden, meint Strahl mit einem Lächeln, «wenn Leute auch mal länger bei uns bleiben und das Experiment vielleicht sogar ganz mitmachen würden». Vielleicht eine der schwierigsten Herausforderungen für Leute von heute: Man muss sich Zeit nehmen dafür!

Das Publikum kann seine Lieblingskissen, Decken, Schlafsack mitnehmen und sich so zum Sound betten. Vielleicht ein wenig dösen, vielleicht eine Zeit lang durchschlafen. Alles ist möglich. Das Ensemble wird stoisch weiterspielen, mal als Quartett, dann wieder in kleineren Einheiten. «Wir haben schon mal einen 12-Stunden-Testlauf in einem Museum in Le Locle gemacht», sagt Strahl. Nach etwa vier Stunden habe sie einen Tiefpunkt erlebt. «Ich dachte, dass ich nicht bis zum Schluss durchhalte. Aber dann geriet ich wie in ein andere Zeitwahrnehmung – und es ging.»

Grenzen durchlässig machen

Die vier Mitglieder des Ensembles Nachhall sind alles Absolventen der Musikhochschule Luzern. Silke Strahl, Sara Käser und Léa Legros-Potal haben Klassik und Neue Musik studiert, Raphael Loher Jazz und Komposition.

«An der Schule gab es interdisziplinäre Projekte. Dort haben alle vier mitgemacht und sich kennen gelernt.» Seitdem bewegen sie sich auch in ihrem künstlerischen Alltag in den Zonen von Klassik, Jazz, Neuer Musik und Improvisation, deren Grenzen sie immer wieder neu durchlässig machen.

Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben. Eine 24-Stunden-Konzert-Performance.

27.–28. April 2019, 11 Uhr bis 11 Uhr, Neubad, Luzern