Kino: Eine Familie wird in die Enge getrieben

In seinem preisgekrönten Débutfilm «Jusqu’à la garde» erzeugt Xavier Legrand Spannung mit ­ einfachsten filmischen Mitteln. Und zeigt, wie häusliche Gewalt zu purem Horror führen kann.

Regina Grüter
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Mit dem französischen «Jusqu’à la garde» läuft nun nach «The Children Act» ein zweiter Spielfilm in unseren Kinos, der sich mit dem «Kindeswohl» beschäftigt – wenn auch auf ganz andere Weise. Eine Familienrichterin hat bei Fragen der Sorge für ein Kind immer zu dessen Wohlergehen zu entscheiden. Beide Filme zeigen die Auswirkungen eines Entscheids. Doch während bei «The Children Act» die Person der Familienrichterin im Zentrum steht, zeigt «Jusqu’à la garde», was passiert, nachdem diese ihr Urteil gefällt hat. Das Drama fokussiert voll und ganz auf die Betroffenen.

Die Eingangssequenz, in Echtzeit gefilmt, gibt die kurze Sorgerechtsverhandlung wieder, in der die beiden Parteien, von ihrem jeweiligen Anwalt vertreten, ihre Argumente vorbringen. Die Seite der Mutter Miriam und der beiden Kinder Joséphine und Julien schildert den Exmann und Vater als gewalttätig der Partnerin, aber auch einmalig der Tochter gegenüber. Als Zuschauer findet man sich in der Position der Richterin wieder, die sich nicht nur in etwa 20 Minuten ein Bild einer komplexen Familiensituation machen, sondern auch aufgrund der widersprüchlichen Aussagen ein Urteil finden muss. Als oberste Richtschnur hat ihr das Kindeswohl zu dienen.

Auch der Vater, Antoine (Denis Ménochet), merkt an, es gehe ihm ums Wohl seiner Kinder. Sie bräuchten auch den Vater, nicht nur die Mutter. Ist ein gewalttätiger, unzumutbarer Partner zwangsläufig ein schlechter Elternteil? Das ist die Frage, die sich die Richterin stellen muss. Josephine, bald volljährig, kann selber wählen, ob sie den Vater sehen will. Im Falle des 12-jährigen Julien entscheidet die Richterin auf ein Besuchsrecht des Vaters.

Spannung ­ à la Hitchcock

Julien muss nun also gegen seinen Willen «den Alten», wie die Geschwister ihn nennen, jedes zweite Wochenende besuchen. Mutter und Kinder sind traumatisiert von der erlebten Gewalt und leben in ständiger Angst vor Antoine, der sie mit seiner unerwünschten Anwesenheit terrorisiert. Er kann und will einfach nicht akzeptieren, dass er nicht mehr Teil der Familie ist, und missbraucht seinen Sohn dazu, wieder irgendwie in Kontakt mit der Ex zu kommen.

Wie der Regisseur Xavier Le­grand das nun filmisch umsetzt, ist stark. Aus Juliens Augen sprechen Wut, Schmerz, Ohnmacht und Verzweiflung; er kann nicht verhindern, dass sich das Netz immer enger um seine Mutter, seine Schwester und ihn spannt. Legrand betrachtet das Geschehen aus allen Perspektiven und zeigt, wie die Betroffenen damit umgehen: Julien stellt sich als Puffer zwischen sich und seine Mutter, Joséphine will nur noch ausbrechen, und Miriam ist peinlich darauf bedacht, Antoine in keinster Weise zu provozieren. Es gibt keine Filmmusik, keine Aufnahmen, die nicht im Dienst der Geschichte ständen. Der Film baut eine konstante Suspense à la Hitchcock auf, sodass sich der ­Zuschauer den Ereignissen nicht entziehen kann, sondern unter unerträglicher Anspannung steht. Für sein Spielfilmdébut wurde Xavier Legrand letztes Jahr bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet.

Eindringlich und beklemmend

Dass sich der französische Schauspieler und Regisseur Xavier Le­grand nach seinem Oscar-nominierten Kurzfilm «Just Before Losing Everything» («Avant que de tout perdre») erneut mit häuslicher Gewalt beschäftigt, begründet er so: «In Frankreich stirbt alle zweieinhalb Tage eine Frau an den Folgen häuslicher Gewalt.» Es sei ein Thema, das von den Medien zwar aufgegriffen, in der Gesellschaft aber immer noch weitgehend tabuisiert werde. Nun ist erwiesen, Statistiken zu häuslicher Gewalt und Gewalt an Frauen im Allgemeinen zeigen immer nur die Spitze des Eisbergs; die Dunkelziffer ist hoch. Und genau hier setzt «Jusqu’à la garde» an. Das Drama rüttelt auf und nimmt jeden Einzelnen – Familie, Freunde, Nachbarn – in die Pflicht: Schaut nicht weg!