In die Welt gevögelt worden, aber flugunfähig

Oliver Klucks Stück «Warteraum Zukunft» begleitet einen gut ausgebildeten, aber erfolglosen Nörgler einen Tag lang durchs Leben. Das Luzerner Theater hat die preisgekrönte Satzgeröll-Lawine erfolgreich zur Schweizer Erstaufführung gebracht.

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Szene aus Oliver Klucks Stück. (Bild: PD / Ingo Höhn)

Szene aus Oliver Klucks Stück. (Bild: PD / Ingo Höhn)

Aussehen tut der «Warteraum Zukuft» wie ein mit ein- und aussetzender Neonröhren-Beleuchtung kaum erhelltes U-Bahn-Perron (Bühnenbild: Martina Mahlknecht). Der langgezogene Schacht verengt sich gegen hinten, was den klaustrophobischen Eindruck verstärkt.

Drei Männer und zwei Frauen spielen - neben kleineren Rollen wie der Sekretärin oder dem Kollegen «Zwiebelmettbrötchen-Fresser» - alle Daniel Putkammer. Der ist 30, promovierter Ingenieur, und hat im Gegensatz zu vielen anderen Akademikern sogar eine feste Stelle. Seine Beförderung steht unmittelbar bevor. Was will er mehr?

Trotzdem meckert er, wo er nur kann. Schon auf dem Weg zur Arbeit regt er sich auf, unter anderem über LKWs aus dem Osten, diese «Russenärsche». 450 Stunden jährlich verbringt er für die Firma auf der Autobahn. Doch die dankt es ihm mit nicht-ergonomischen Bürostühlen und miesen Mietwagen.

Daniels Sätze beginnen dabei oft «brav», um dann plötzlich ins Gegenteil zu kippen, so wie die Höflichkeitsregel «Freundlich sein, grüssen, lächeln, nachfragen, zuhören, ihnen mit Eisenstangen auf die Fingergelenke schlagen, ihnen von hinten in den Nacken boxen, in die Knie treten».

Nur ein Steigbügelhalter

Etwas moderater tönt sein Einwand «Das habe ich mir anders vorgestellt. Das lasse ich nicht mit mir machen». Zu dieser Ansicht war er schon als Schüler gekommen, als er Segelfliegen lernen wollte, aber dann doch nur Segler an den Haken hängen und in die Luft hochziehen musste.

Seine Arbeit in der Firma ist ähnlich: Er rackert sich ab, damit ihm irgendwelche Nieten vor die Nase gesetzt werden. «Wir werden in die Welt gevögelt, aber wir können nicht fliegen», sagt er nicht ganz stringent. Und dass die «open door» aus dem Song «I believe I can fly» doch nur die Tür ins Jenseits sein kann.

Das Beförderungsgespräch öffnet Daniel zwar eine Tür, aber der Posten als Abteilungsleiter betrifft die Filiale in Rumänien. Ein als Trost gedachtes Besäufnis nach Feierabend mündet in einen tödlichen Unfall mit Fahrerflucht. Doch alles, was Daniel aufregt, sind Beulen in der Karosserie.

Wortkonzert

Die in Kroatien geborene und in der Schweiz aufgewachsene Regisseurin Ivna Zic inszeniert Klucks Textkonvolut - das wie die Dramen von Elfriede Jelinek keine Rollen vorsieht - wie ein Satzballet: Die Darsteller wechseln zwischen einstimmigen Monologen und mehrstimmigen Wortkonzerten, 'mal synchron, 'mal versetzt wie ein Kanon.

Das ist kunstvoll gemacht und ermöglicht, die dem Text inhärente Kraft zu vergegenwärtigen. Für die Spieler - Samuel Zumbühl, Marie Ulbricht, Jörg Dathe, Jürg Wisbach und Wiebke Kayser - ist das eine ungeheure Herausforderung, die sie aber tadellos meistern.

«Gespielt» wird relativ wenig. Einmal ziehen alle emsig wie Maschinen ihre Bahnen durch den Bühnenraum, ein andermal «sitzen» sie anlässlich einer Besprechung pantomimisch an der Rückwand, wieder andere Male pflanzen sie sich anklagend vor den Zuschauern auf.

Nicht alles macht auf den ersten Blick allerdings soviel Sinn wie die beiden Bürolisten, die der Sekretärin unters elastische Kleid kriechen und mit ihren Köpfen einen Monsterbusen bilden.

sda