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Syrische Familie zieht bei Schweizer Ehepaar ein – der neue Dok-Film der Luzernerin Maria Müller weckt Empathie

Die Luzernerin Maria Müller präsentiert in Solothurn ihren Film über die Privatplatzierung einer syrischen Familie.

Regina Grüter
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Szene aus «Unter einem Dach»: Bei Tisch werden mal lockere, mal ernstere Gespräche geführt.

Szene aus «Unter einem Dach»: Bei Tisch werden mal lockere, mal ernstere Gespräche geführt.

Bild: Mira Film

Kathrin und Daniel leben in einem Dorf in der Nähe von Winterthur. Seit die Kinder ausgezogen sind, ist das Haus zu gross für sie allein. Sie wollen den oberen Stock vermieten, am liebsten an eine Familie. Warum nicht an eine geflüchtete Familie?

Die Privatplatzierung von geflüchteten Menschen ist das Thema des neuen Dokumentarfilms «Unter einem Dach» der 60-jährigen Luzernerin Maria Müller («Hüllen»). Konkret ist es eine syrische Familie – Iman, Ghassan und ihre fünf Kinder zwischen sieben und neunzehn Jahren –, die 2016 beim Schweizer Ehepaar einzieht.

Das Zusammenleben birgt Chancen und Konflikte

Die Familie hatte in Syrien ein gutes Leben. Ghassan führte ein eigenes Geschäft, wie Kathrin und Daniel lebten sie in einem Haus. Ein Leben, das sich gar nicht so sehr von dem unsrigen unterscheidet. «Ich wollte Empathie erzeugen durch diese Vergleichbarkeit», sagt Maria Müller im persönlichen Gespräch. «Auch uns könnte es passieren, dass wir von einem Tag auf den andern fliehen müssen. Und der Film stellt die Frage, wie der Integrationsprozess verläuft, wenn man so nah zusammenlebt; wie man mit kulturellen Differenzen umgeht, wenn eine persönliche Beziehung besteht.»

Zu Drehbeginn leben Iman, Ghassan und die Kinder seit einem halben Jahr dort. Die Kamera (Severin Kuhn) fängt Alltagssituationen ein – Ahmad, der Jüngste, hilft Kathrin beim Wäscheaufhängen, Ghassan nimmt zusammen mit ihr das Laub auf. Und immer wieder wird gemeinsam gegessen am grossen Tisch, vollbedeckt mit syrischen Gerichten. Die Diskussionen sind nicht immer entspannt. Die Stellung der Frau in der arabischen Gesellschaft bereitet Kathrin Mühe.

Umgekehrt ruft das Schweizer Verständnis von Nachbarschaft beim syrischen Ehepaar Irritation hervor. Die Regisseurin fragt:

«Wie zeigen sich Probleme, die wir zum Teil von der Bühne der Weltpolitik kennen, im Kleinen, Alltäglichen?»
Die Luzerner Regisseurin Maria Müller.

Die Luzerner Regisseurin Maria Müller.

Bild: PD

Über drei Jahre hinweg haben sie und ihr Team das Zusammenleben beobachtet.

Kathrin und Daniel müssen einen gesunden Mittelweg finden zwischen Nähe und Distanz. Sie ziehen Gretta, eine aus dem Libanon stammende Freundin, hinzu, um ohne Sprachbarrieren über sich anbahnende Konflikte sprechen zu können und dabei Missverständnisse zu vermeiden.

Die syrische Kriegsrealität dringt über Fernsehnachrichten ins Wohnzimmer; die Schweizer Asylpolitik über Plakate. Ghassan sagt vor der Kamera nichts zur politischen Situation in seiner Heimat. «Für seine Verwandten in Syrien könnte das gefährlich sein», sagt Maria Müller. Und in welcher Unsicherheit vorläufig Aufgenommene leben, bricht einmal förmlich aus ihm heraus. Ein unhaltbarer Zustand auch für die Regisseurin.

Der Film lässt Raum für eigene Gedanken

«Unter einem Dach» ist ein ­beobachtender, unaufgeregter Film mit einem Rhythmus, der den Zuschauer nicht abschweifen und gleichzeitig Raum für eigene Gedanken lässt (Schnitt: Corina Schwingruber Ilić, Kathrin Plüss). Ein Film, der zur Verständigung beiträgt, Verständnis und Empathie weckt.

Bild: PD

Iman und Ghassan haben, als der Krieg in der Heimat immer näher rückte, rechtzeitig die Koffer gepackt. Wegen der Kinder, damit sie eine Zukunft haben. Sie hatten das Glück, mit dem Flugzeug in die Schweiz einreisen zu können; haben weder in der Heimat noch auf der Flucht Gewalt erlebt. Sie lernen die Sprache, und die Kinder gehen zur Schule oder können eine Ausbildung beginnen. Wie ungleich noch härter muss die Integration für schwer traumatisierte Migranten aus einfachsten Verhältnissen sein? Auch das eine wichtige Frage, die der Film aufwirft.

«Unter einem Dach», Premiere an den Solothurner Filmtagen (22. bis 29.1.) in Anwesenheit aller Protagonisten und der Crew: Freitag, 15 Uhr, Landhaus; weitere Vorführung: Montag, 15 Uhr. www.solothurnerfilmtage.ch