Nigel Kennedy im KKL: In der Endlosschleife der eigenen Klischees

Konzert im KKL – Nigel Kennedy meets George Gershwin: Er hätte ihn besser nicht getroffen.

Roman Kühne
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Nigel Kennedy im KKL, hier mit Cellistin Beata Urbanek-Kalinowska.

Nigel Kennedy im KKL, hier mit Cellistin Beata Urbanek-Kalinowska.


Eveline Beerkircher
(26. Januar 2020)

Am Konzertende mag man es kaum glauben. Dieser Mann soll für die erfolgreichste Klassik-­CD verantwortlich sein? Vivaldis «Die vier Jahreszeiten», fünf Millionen Mal verkauft?

Vor 30 Jahren war er der junge Wilde. Der Schüler, der nur selten übt und sein Talent mit wilden Auftritten kombiniert. Brillant, wild, klanglich und technisch am Limit. Und heute?

Gezielt auffällig ist Nigel Kennedy immer noch bei seinem Auftritt vom Sonntag im KKL: Lederjacke, gelbe Turnschuhe, graue Trainerhosen und die Haare hochgestellt. Ein paar lockere Sprüche zum Anfang. Hie und da lustig. «Ich komme aus dem Land des Brex-Shit». Manchmal einfach platt. «Entschuldigt die lange Pause, wir standen im Verkehr.»

Es gibt sie durchaus, diese Musikmomente, wo das Genie Nigel Kennedy seine Spuren setzt. Die Eigenkomposition «The Magician of Lublin» beginnt spannend und vielversprechend. Elektronisch verfremdet steigen die Geigenklänge Richtung Orgel. Luftig und mit Hall lässt der Künstler die Töne in­einanderfliessen. Eine akustische Blase, die immer weiter geht. Loops in welche die Band – Cello, Bass, Gitarre und Schlagzeug – ihre Rhythmen streut. Oder später im Stück, wenn die Musik kompakter wird. Dicht und mitreissend. Ein Gewebe aus pulsierenden Rhythmen und rotierenden Violinen-Phrasen.

Die Melodien klingen immer ähnlicher

Doch irgendwann geht der Faden verloren. Die Steigerungen, die diversen Soli und Melodien tönen immer ähnlicher. Das Improvisationstalent von Nigel Kennedy ist nicht ganz so gross, wie seine auf der Bühne zur Schau gestellte Coolness. Sicher, der Gershwin-Teil nach der Pause hat durchaus seinen Reiz. «The man I love» oder «Oh, Lady be good» sind Klassiker, die alleine aufgrund der Kraft ihrer Melodie überzeugen.

Aber die stete Wiederholung ähnlicher Phrasen ist mit der Zeit sehr ermüdend. Kennedy jagt seine Figuren durch die Akkorde, Formeln werden repetiert, zur Steigerung einfach die Fettheit des Rhythmus erhöht. Immer wieder. Teils wähnt man sich mehr in einer Etudenstunde denn in einer kreativen Improvisation. Dann schmiert Kennedy auch mal auf den Saiten von unten nach oben und zurück. Stampft auf den Boden, schüttelt den Kopf. Natürlich sorgt dies für Momente mit dampfender Stimmung. Und am Ende des Stückes kurz Beethovens 5. Sinfonie anzuspielen mag ein paar Lacher generieren. Für ein nachhaltiges Konzerterlebnis reicht es nicht.

Bei seinen Pianoeinlagen ist es ähnlich. Zu simpel sind die Soli. Zur Steigerung werden die Akkorde einfach etwas intensiver angeschlagen und gefächert. Im Luzerner Saal spielt gleichzeitig die Big Band der Hochschule Musik (siehe Seite 15). Wer sich ernsthaft für Jazz und Improvisationen interessiert, hätte sich dort wohl besser amüsiert. Trotz der anständig begleitenden Band ist es nicht mehr als eine lustige Dixi-Combo.

Will er nicht mehr? Kann er nicht mehr?

Das Konzert ist ein Rätsel. Will er nicht mehr? Kann er nicht mehr? Ist sein Witz «My playing is not, what it was» – «Mein Spiel ist nicht mehr, was es einmal war» – ernst gemeint? Seine theatralische Gestik und seine (aufgesetzte?) Energie stimmen nicht mit seiner Musik zusammen. Er scheint, als ob er sich unermüdlich an das Klischee seiner Wildheit, seines Aussenseitertums klammert. Ob selbstfabriziert oder mediengemacht.

Wo ist der Musiker, der mit seinen Konzerten stören und wecken wollte? Am Sonntagabend ist es eher einfach langweilig. Vielleicht trifft Kennedys Schlussaussage das Zentrum des Abends. Er sei damals in New York an eine sehr mittelmässige Hochschule gegangen. Sein Auftritt in Luzern ist an diesem Abend ebenfalls allerhöchstens Mittelmass.