Interview
In Luzern wird in diesen Tagen fleissig improvisiert – Musiker und Dozent Urban Mäder im Interview

An der Musikhochschule wird improvisiert. Dozent und Musiker Urban Mäder hat vor 30 Jahren die Fundamente dafür gelegt.

Pirmin Bossart
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Sie haben in den 1980er- Jahren am Konservatorium Luzern in der Musikausbildung die Improvisation ins Spiel gebracht. Warum war das für Sie eine relevante musikalische Sprache?

Urban Mäder: Ich habe früh auf dem Klavier improvisiert. Persönlichkeiten wie Cecil Taylor, der Free Jazz und auch die Entwicklungen in der Neuen Musik haben mich als Jugendlicher interessiert. Im Kulturwandel Ende der 1960er-Jahre begann plötzlich die Autonomie der Interpreten eine Rolle zu spielen. Das alles ist in die Auffassung und die Entwicklung von Freier Improvisation eingeflossen und hat mein eigenes musikalisches und pädagogisches Verständnis geprägt.

Improvisation, Freie Improvisation, was ist für Sie der Unterschied?

Improvisation ist ein allgemeiner Begriff für ganz unterschiedliche Spielarten. Für uns an der Hochschule Luzern – Musik ist Freie Improvisation das Spielen ohne vorausgehende Vereinbarungen. Die Freie Improvisation ist an der Hochschule ein Pflichtfach für alle Studierenden, während eines Semesters. Im Bachelor kann die Freie Improvisation neben Volksmusik und Komposition zusätzlich als Schwerpunkt gewählt werden.

«Es gibt keine Dogmen», sagt Urban Mäder. Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 22. September 2019)

«Es gibt keine Dogmen», sagt Urban Mäder. Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 22. September 2019)

Es darf auch harmonisch und melodisch sein?

Ja, es gibt keine Dogmen oder manifestartige «No-Gos». Es muss auch nicht in jedem Fall experimentell sein respektive wie zeitgenössische Neue Musik klingen. Es ist, was es wird. Freie Improvisation ist kein Stil, wie das manchmal verstanden wird. Es ist eine Herangehensweise. Natürlich steht den Spielenden viel Spielmaterial verschiedenster Stile zur Verfügung und sie sollen davon auch Gebrauch machen. Dies, ohne dass nun grade Stücke im Kollektiv entstehen, wie sie in der Jazz- und Klassikabteilung gespielt werden. Es gibt viele Möglichkeiten, Herkömmliches in offene Formen zu integrieren. So können neue Umsetzungen neue Horizonte öffnen.

Was bringt die Freie Improvisation für das musikalische Verständnis?

Die Freie Improvisation ist eine Herausforderung für die Persönlichkeit, die künstlerische Kompetenz, den eigenen musikalischen Weg. Die klassische Musik hat über Jahrhunderte einen grossen Teil der Musiker zu Ausführenden gemacht. Ich erwähne oft, dass Mozart komponiert, interpretiert und improvisiert hat. So wird den Studierenden jeweils bewusst, dass beim ­klassischen Musiklernen die ­Improvisation auf der Strecke blieb. In der klassischen Ausbildung müssen das Komponieren und Improvisieren die interpretatorische Arbeit ergänzen.

Die Freie Improvisation war in den 1970er-Jahren ein Bruch mit allen Konventionen, heute wird sie an der Hochschule gelernt. Ist das nicht seltsam?

Das ist ein ganz normaler Vorgang. Jede neue Entdeckung ist anfänglich frisch, provoziert und fordert die Gesellschaft heraus. Irgendwann etabliert sie sich und wird Inhalt der Hochschulbildung. Mozart wollte und konnte die damalige aktuelle komponierte Musik improvisieren. Heute ist die experimentelle Improvisation der Ausdruck unserer Zeit.

Was würden Sie als unerlässliche Faktoren bezeichnen, um ein guter Improvisator zu werden?

Die Freude am Experimentieren. Die unbedingte Lust, mit Musik zu gestalten, etwas sagen zu wollen. Eigene Vorstellungen in Frage zu stellen, etwas zu entdecken, neue Wege zu gehen. Vielleicht auch wachrütteln zu wollen, provozieren, verführen, Fragen stellen mit Klang. Es sind alles Eigenschaften, wie sie jeder Künstler braucht.

Wann ist eine Freie Improvisation stimmig, gelungen, aussagekräftig – wann ist sie Musik?

Wenn es in mir als Hörer aufhört zu denken oder zu analysieren und es mich reinzieht. Wenn die Improvisation provoziert, überrascht, eine Einmaligkeit hat. Auch hier: Das gilt – bei mir – für jede Musik. Egal welcher Herkunft. Es ist der Moment, wenn es klingt und knistert.

Wie erleben Sie ihre Entwicklung als performender Improvisator? Wo haben Sie am meisten profitiert?

Manchmal merke ich, dass ich Mut für Sachen habe, den ich vor 20 Jahren vielleicht noch nicht hatte. Ich spüre weniger Grenzen. Manchmal vergesse ich mich beim Improvisieren, habe ein gutes Gefühl und keine Angst, dass etwas passiert, zu dem ich nicht stehen könnte.

Wann fühlt sich ein freier Improvisator am freisten?

(lacht). Das ist die Kernfrage des Lebens. Wenn dein Denken dich nicht mehr dominiert und du dich mit Vertrauen dem hingeben kannst, was geschieht. Und wenn du merkst, dass du Einfluss nehmen kannst auf einen Prozess und etwas bewegen kannst, in dir selber und bei anderen.

27. Sep., 15.30–22 Uhr, 28. Sep. 9.30–15.30 Uhr. Theaterpavillon Luzern. www.hslu.ch/freieimpro Mäder, Meyer, Unternährer: Vermittlung Freier Improvisation – Ein Kompendium. (Wolke Verlag)

Neues Buch und Impro-Tagung Veranstaltung


Wie man heute Freie Improvisation an der Hochschule oder in einem anderen schulischen Bereich vermitteln kann, zeigt ein neues Buch. Die Publikation ist das Resultat einer Forschungsarbeit an der Hochschule Luzern – Musik und wurde von Urban Mäder, Thomas Meyer und Marc Unternährer verfasst. Das Buch ist nicht eine herkömmliche Forschungsarbeit mit Statistiken und Diagrammen, sondern eine gut strukturierte und verständlich geschriebene Beschreibung dessen, was sich methodisch in den letzten 30 Jahren getan hat. Dazu werden Dutzende von Übungen und Ideen vorgestellt. Im Zusammenhang mit der Buchveröffentlichung wird auch die Tagung «Freie Improvisation» organisiert. Mit Workshops, Referaten, Podiumsgesprächen und Konzerten werden die Zielsetzungen und Vermittlungsmethoden der Freien Improvisation theoretisch und praktisch ausgelotet. (pb)