Biennale Venedig

In Venedig wird gekämpft - mit den Waffen der Kunst

Die Biennale Venedig zeigt: In der Kunst dominieren zwar die Probleme der Gegenwart. Aber sie ist technisch raffiniert und politisch aufgeladen.

Sabine Altorfer
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Grossformatige Porträts von Zanele Muholi begleiten uns durch die Ausstellung.
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Biennale Venedig 2019
Christoph Büchel liess das gesunkene Flüchtlingsschiff von Lampedusa an die Biennale bringen. Die «Barca Nostra» ist Mahnmal für die über 700 Opfer und für alle Flüchtlinge.
Hito Steyerl erfindet zwischen venezianischen Laufstegen wunderbare Zukunftsbilder.

Grossformatige Porträts von Zanele Muholi begleiten uns durch die Ausstellung.

KEYSTONE

Der künstlerische Leiter der Biennale, Ralph Rugoff, wünscht uns «interessante Zeiten». Das mag banal klingen. Aber wir leben wahrlich in bewegten Zeiten. Politische Machtkämpfe, Klimaerwärmung, gesellschaftlicher Wandel, Globalisierung und Digitalisierung halten uns auf Trab.

In Venedig kämpft man vor allem mit einem Problem: Es gibt zu viele Touristen. In der Stadt wie an der Biennale. Vor der Eröffnung diesen Samstag drängten die internationale Kunstschickeria sowie Tausende Museums- und Medienleute in die Ausstellungen. Gigantomanisch ist die Biennale: Im riesigen Gelände des Arsenale, des ehemaligen Militärhafens, in den Pavillons in den lauschigen Giardini und verstreut über die ganze Stadt zeigen Rugoff sowie 90 Nationen, was die Kunst heute bewegt. Man steht Schlange – in der Hoffnung, wenn man erst drin ist, werde es besser.

Doch was heisst besser? Gleich drei heisse Themen knallen uns im Arsenale zu Beginn in die Augen und um die Ohren: Angst, Krieg und Ruinen. Die Künstlerinnen und Künstler rapportieren dabei nicht News. Die Porträtserie «Angst» von Soham Gupta aus dem nächtlichen Kalkutta zeigt uns verletzliche, aber liebevoll gezeichnete Menschen. Ihre Umgebung blendet sie aus. Anthony Hernandez gegenüber fokussiert darauf: In Rom hat er Strassen und Häuser fotografiert, dreckig, bröckelnd, aber in schillernden Farben. Gewaltigen Lärm verursacht Christian Marclay. Der in den USA lebende Schweizer hat aus 48 Kriegsfilmen ein so vielschichtiges wie verstörendes Gesamtwerk gesampelt.

Starke Frauen

Grossformatige Porträts schwarzer Frauen – Lesben, Feministinnen und die südafrikanische Künstlerin Zanele Muholi selber – begleiten uns programmatisch fortan durch die Schau. Martine Gutierrez dagegen entblösst Frauen. Ihre erotischen Pin-ups entpuppen sich als Vexierspiel zwischen lebendigen Models und Schaufensterpuppen. Nicht nur die Amerikanerin findet mit Dollys und Doppelgängerinnen einen Weg, menschliche Wesen zu entlarven oder gar neu zu erfinden. In künstlich generierten Filmen – oft geprägt durch die Ästhetik von Games – werden uns gruselige wie schöne Geschichten erzählt.

Wenn in Jon Rafmans «Dream Journal» die einsame Bodybuilderin ein Mischwesen aus Mann und Seehund an die Leine nimmt und durch eine kaputte Grossstadt-Kulisse stapft, wird der technisch raffiniert umgesetzte Traum allerdings zum dystopischen Albtraum. Hito Steyerl dagegen kreiert in einem dunkeln Laufsteg-Ambiente künftige, paradiesische Gärten und Landschaften, die gleich wieder zerfliessen. Die Zukunft lässt sich nicht fassen.

Umso präsenter ist die Gegenwart: Die Palästinenserin Rula Halawani zeigt in unheimlichen Schwarz-Weiss-Bildern die Trennmauer der Israeli, in einem dazwischengeschobenen Korridor tobt auf kleinen Bildschirmen und mit privaten Video-Schnipseln der Protest der Palästinenser auf den Golanhöhen. Lawrence Abu Hamdans Werk versteht man schnell. Eindeutig wirkt auch die Wucht eines Roboters, der wie ein menschlicher Berserker in einem Glaskäfig wütet – bestaunt vom Publikum. Warum muss man ihm aber in zwei Varianten begegnen?

Doppelspiel

Rugoffs Trick, alle Künstlerinnen und Künstler zwei Mal zu präsentieren – sowohl im Arsenale als auch im zentralen Pavillon der Giardini –, funktioniert nur bedingt. Oft ist es blosse Verdoppelung oder der beabsichtigte Perspektiven- und Medienwechsel bleibt unbemerkt, weil man sich nicht alle Namen merken kann.

Der Zentralpavillon hat traditionelles Museumsambiente. Welch ein Unterschied war das früher zur Schäbigkeit und rohen Wucht der Arsenale-Bauten. Schade, dass Rugoff sie mit Holzwänden aufgehübscht und verharmlost hat. Alexandra Bircken rückt mit Leitern (voller schlaff-schwarzer Puppen) bis unters Dach die Architektur ins Blickfeld.

Im Vorfeld für Aufsehen gesorgt hatte Rugoffs Künstlerliste: Frauen und Nicht-Weisse sind in der Mehrheit. Ein Novum. «Sie machen im Moment die interessantere Kunst», sagte er. Dass viele von ihnen in den Kunstmarkt-mächtigsten Ländern – in den USA, Deutschland oder Frankreich – leben und vermarktet werden, sei aber doch erwähnt. Njideka Akunyili Crosby etwa ist in Nigeria geboren und lebt in den USA. Ihre Collagen über ihr Leben, gemixt mit Bildern aus Magazinen, gehören zu den Highlights.

Die Kategorie «gut gemeint, hübsch, aber harmlos» bietet Basteleien übers Korallensterben und globale Ladenketten, Teppiche mit Stöckelschuhmuster oder einen kubistisch gebastelten Marktstand. Jeppe Heins «soziale Bänke» erfüllen immerhin einen guten Zweck.

Damit wir, eingelullt und geblendet von Venedigs schöner Kulisse, die Probleme der Gegenwart nicht verdrängen, hat der Schweizer Christoph Büchel das wohl grösste Projekt der diesjährigen Biennale realisiert. Im Arsenale hat er die «Barca Nostra», das Wrack des 2015 gesunkenen Flüchtlingsschiffs, aufstellen lassen. Es wurde geborgen mitsamt den Hunderten im Schiffsbauch eingeschlossenen, toten Flüchtlingen, die man versucht hat zu identifizieren. Die «Barca Nostra» steht als rostiges Mahnmal für alle Flüchtlinge, die ihr Leben riskieren, am Hafenbecken des Arsenale. Bekommt Rugoffs Slogan «May You Live In Interesting Times» hier einen zynischen Beigeschmack? Mit dem Gratis-Kaffee, den eine italienische Firma nebenan anbietet, lässt er sich – nicht – hinunterspülen.

58. BIENNALE ARTE DI VENEZIA

Dauer: 11. Mai bis 24. November
Ort: Arsenale, Giardini und diverse Schauplätze in der ganzen Stadt
Offen: Di bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Fr/Sa bis 5. Oktober: bis 20 Uhr.
Eintritt: 25 Euro
Dauerkarte: 85 Euro

- Internationale Ausstellung mit 79 Künstlern, kuratiert von Ralph Rugoff

- 90 Länderbeiträge

- Rahmenprogramm (u. a. mit dem Salon Suisse)

- Short Guide «Biennale Arte 2019 – May You Live in Interesting Time» (englisch), 304 S., 18 Euro.

Daten und Infos:
www.labiennale.org