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In zwei Welten daheim

Die Ostschweizerin Thi My Lien Nguyen setzt sich mit ihren vietnamesischen ­Wurzeln auseinander. Drei Generationen ihrer Familie spürt sie für ihre erste Ausstellung und ihr erstes Buch nach.
Dieter Langhart
Familienausflug zum Seealpsee, um 2004. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Familienausflug zum Seealpsee, um 2004. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Ihr Gesicht spricht eine Sprache, ihre Lippen sprechen zwei Sprachen: deutsch und vietnamesisch. Woher stamme ich? Wer bin ich? Was alles macht mein Wesen aus? Diese Fragen sind Thi My Lien Nguyen noch wichtiger als uns, denn sie ist in zwei Welten daheim. Ihre Grosseltern waren aus Laos geflohen. Sie wurde 1995 in St. Gallen geboren, ist in Amriswil aufgewachsen, lebt jetzt in Winterthur. Und ihre Freunde nennen sie Mili.

Peter Stohler, Direktor des Kunstzeughauses Rapperswil, hat sie in Biel entdeckt. Sie war eine von achtzehn Künstlern, die im Rahmen des «Prix Photo­forum» im Centre Pasquart ausstellten. Stohler hat sie eingeladen, ihr Projekt «Hieu Thao – With love and respect» im «Seitenwagen» zu zeigen.

Der Beginn eines ­Lebensprojekts

Hatte sie Bammel? Sie bejaht, sie war die jüngste in Biel und ist die bisher jüngste Künstlerin in Rapperswil. «Hieu Thao – With love and respect» ist autobiografisch, und es war ihr Bachelorprojekt an der Hochschule Luzern. «Ich wusste, dass es schwierig sein wird, das Persönliche und Emotionale vom Professionellen zu trennen», sagt sie, «aber dieser Herausforderung wollte ich mich stellen.»

Sie erzählt, wie ihre Grosseltern Ende der 70er-Jahre nach Thailand in ein Flüchtlingslager geflohen sind: mit sechs Kindern in der Dunkelheit zu Fuss durch den Dschungel, manche Strecken in einem Lastwagen, und das wenige Geld im Kleidersaum eingenäht. Grossvater wurde unterwegs von der Familie getrennt, die Grossmutter war dann allein mit ihren sechs Kindern zwischen vier und elf, Thi My Liens Mutter war die älteste. Grossvater stiess im Flüchtlingslager in Thailand wieder zur Familie. «Es war nicht einfach für meine Grossmutter, darüber zu reden.»

Zeigen, was von Generation zu Generation ändert

Thi My Lien Nguyens Grosseltern flohen 1979, nach dem Vietnam-Krieg, in die Schweiz, nach Steinegg AI. Die Geschichte ihrer Familie ist für die junge Frau ebenso beeindruckend wie nicht fassbar, nicht greifbar. Durch ihr Projekt wurde die Beziehung zu ihren Eltern und Grosseltern wieder intensiver. «Sie verstanden, was ich mache und warum.» Es geht ihr um Fragen, die alle betreffen, sie will mit der Geschichte ihrer Familie etwas Allgemeingültiges zeigen – als Geschichtenerzählerin, nicht als Tochter und Enkelin. «Alles geht mir oft sehr nah», sagt sie. «Da ist ein Schmerz, eine Traumatisierung über Generationen hinweg, und das betrifft nicht nur mich, sondern sehr viele andere Secondos und Terzos in der Schweiz.»

Chronik und Zeitverlauf sind wichtig, auch wenn sie von sich, von der Gegenwart ausgeht. «Ich will aufzeigen, was sich von einer Generation zur nächsten ändert.» Wie sieht sie sich selbst? «Ich bin vietnamesisch aufgewachsen, mitsamt den Werten unserer Kultur. Wenn ich mich mit Kollegen unterhalte, spüre ich die Unterschiede.»

«Die Appenzeller wollten uns kennen lernen»

«Ich bin froh, im Thurgau aufgewachsen zu sein», sagt Thi My Lien Nguyen. Und erzählt eine Anekdote. Für die «Thurgauer Zeitung» war sie letzten September als Fotografin unterwegs zum Eidgenössischen Schellen- und Trychlertreffen in Märstetten, das Bundesrat Ueli Maurer eröffnete. Sie verpasste ihn knapp und musste ein Bild stellen. «Er war erstaunt über meinen Dialekt.»

Wie geht Thi My Lien Ngu­yen mit ihren vietnamesischen Wurzeln um? Es gehe darum, die Angst vor dem Fremden zu verlieren, das sie klar als Bereicherung sieht. «Die Appenzeller wollten unsere Kultur kennen lernen und uns etwas von sich geben. Meine Eltern, ihre Geschwister und meine Grosseltern sind nach vierzig Jahren immer noch Vietnamesen, auch wenn fast alle perfekt deutsch sprechen.» Keine Frage: «Ich möchte eines Tages die vietnamesische und die Schweizer Kultur an meine Kinder weitergeben.»

In ihrer Arbeit sind die Begriffe Liebe und Respekt gegenüber Eltern und Grosseltern zentral. Sie befragte ihre Mutter und Grossmutter über ihre Vorstellungen von Schweizer Kultur und verglich sie mit ihren eigenen. Aus Familienfotografien und neuen Fotografien, aus Dokumenten, Geschichten und Er­innerungen hat Thi My Lien Ngu­yen eine Bilderzählung geschaffen. Sie ist stolz: Das vom Berliner Grafikstudio Lindhorst-Emme gestaltete Künstlerbuch ist ein authentisches Buch voller Ehrfurcht und Dankbarkeit. «Es hat mich meiner Mutter und Grossmutter sehr viel näher gebracht, auch wenn die intimen Gespräche manchmal schwierig waren und beiden Seiten auch weh taten.»

Vernissage: heute Sonntag, 11.30 Uhr, Kunstzeughaus Rapperswil; Ausstellung bis 5.8.

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