INDIE: Die heimlichen Superstars

Die Mitglieder von The National können an den meisten Orten unerkannt Brot kaufen. Dabei steht die amerikanische Band inzwischen nicht nur bei den eigenen Festivals zuoberst auf dem Plakat.

Hanspeter Künzler
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«Wenn man mal die Songs beisammen hat, ist es langweilig in einer Rockband zu sein», heisst es bei The National. Deshalb organisieren sie auch Festivals – aber keine normalen. (Bild: PD)

«Wenn man mal die Songs beisammen hat, ist es langweilig in einer Rockband zu sein», heisst es bei The National. Deshalb organisieren sie auch Festivals – aber keine normalen. (Bild: PD)

Hanspeter Künzler

Statt den Journalisten eine halbe Stunde lang mit dem Bassisten in ein Hotelzimmer zu sperren, verlangt The National, dass man alle fünf Mitglieder trifft. Und das in Kopenhagen. Reden sollen sie na­türlich über ihr neues Album, ihr siebtes. Es heisst «Sleep Well Beast». Früher waren es die feisten, melancholisch vernebelten Melo­dien und der sonore Bariton von Matt Berninger, die einen in ihre Klangwelt hineinzogen. Der Bari­ton und die Melodien sind geblieben. Aber auf einmal flimmern im Hintergrund Feuerwerke von ungewöhnlichen Klängen und Geräuschen auf. «Der Sound hinter dem Sound», nennt es Gitarrist und Co-Produzent Aaron Dessner. Wahrscheinlich zum ersten Mal je gönnt man sich gar ein dreckiges Gitarrensolo. Es zuckt durch die Rocknummer «Turtleneck».

Barack Obama ist treuer Fan

Die Geschichte von The National beginnt vor dreissig Jahren in Cincinnati, Ohio. Bryan Devendorf und die Zwillingsbrüder Bryce und Aaron Dessner lernten sich an der Schule kennen und formierten allerhand Jugendbands. Aus der gleichen Stadt stammte Matt Berninger, der mit Scott ­Devendorf, dem Bruder von Bryan, ebenfalls eine Band führte. 1999 standen die Sterne endlich richtig. Die zwei Brüderpaare sowie Berninger verlegten sich nach Brooklyn und nannten sich fortan The National. Die Musik klang nicht auf Anhieb spektakulär: es war solider, melodischer Singer-Songschreiber-Rock, der seine Reize – dazu gehörten die oft rätselhaften und doch stimmigen Texte – nur langsam preisgab. Insbesondere in England, wo literarisch angehauchte Bands immer wieder Gehör finden, sprach sich The National herum. Mit dem hervorragenden dritten Album «Alligator» (2005) bekamen sie zum ersten Mal einen Hauch Chart-Luft zu spüren. Der nächste Wurf («Boxer» im Jahr 2007) war als Film- und TV-Soundtrack beliebt.

Vor allem aber war auch ein gewisser Barack Obama auf den Geschmack gekommen. Derweil die Band die demokratische Partei im Vorfeld der Wahlen von 2008 lautstark unterstützt hatte, war vor der Siegesrede des neuen Präsidenten im Saal «Fake Empire» von The National zu hören. Die nächsten Alben «High Violet» (2010) und «Trouble Will Find Me» (2013) landeten in den US-amerikanischen Top 3, eine aus­sergewöhnliche Errungenschaft für fünf keineswegs auf eingängigen Pop oder pfundigen Hip-Hop eingestellte Männer in mittlerem Alter.

«Ich wäre wohl kaum mehr in dieser Band»

Der Grund dafür, dass das Interview in Kopenhagen stattfindet, ist ein Mitgrund dafür, dass es die Band noch gibt. Denn man befindet sich in dieser Stadt, weil das hiesige «Haven»-Festival genauso wie andere Veranstaltungen in Europa und Nordamerika von den Dessners mitorganisiert wird. «Wenn wir nicht Herausforderungen schaffen würden wie dieses Festival, wäre ich kaum mehr in der Band dabei, es wäre mir viel zu langweilig», erklärt Aaron Dessner mit einer Stimme, die erstaunlicherweise eine Oktave tiefer reicht als die von Matt Berninger. «Haven» ist kein gewöhnliches Festival: Es umspannt von Architektur über Performance-Art bis hin zur Kunst des Bierbrauens verschiedenste Disziplinen. Am Freitag ist die Bühne für ein besonderes Ereignis reserviert: «Wir werden allerhand Musiker, die sich nicht kennen, sanft auf die Bühne schieben und sehen, was passiert», sagt der inzwischen in Paris lebende Bryce Dessner. Als Künstler, so pflichtet ihm sein Bruder bei, hätten sie in solchen Situationen am meisten gelernt.

Die neuen Klänge, die auf «Sleep Well Beast» zu hören sind, sind auf ein solches kollaboratives Projekt der Dessners zurückzuführen. Vor einem Jahr erschien im Rahmen der Aids-­Charity Red Hot Organisation das von ihnen kuratierte Grateful-Dead-Tribut­album «Day of the Dead». Die Be­schäftigung mit einer Lieblingsband aus der Jugend habe ihnen gezeigt, was herauskommen ­könne, wenn man sich nicht um Perfektion kümmere, erklärt Aaron Dessner. Matt Berninger meint, durch ­diese Arbeit sei bei Dessner ein Knopf aufgegangen: «Regeln? Pffft!»

The National: «Sleep Well Beast», 4AD/MV, ab heute erhältlich.