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Pianostar Khatia Buniatishvili in Luzern: Tiefe Emotionen und Seelenschwere

Die immer noch junge Pianistin Khatia Buniatishvili und das noch jüngere Orchestra Sinfonica di Milano sorgen für erste grosse Sinfonieabende dieses Jahres in Luzern. Und werden grossen Komponisten gerecht.
Roman Kühne
Ausdrucksstark: Pianistin Katja Buniatishvili mit dem Orchestra Sinfonica di Milano. (Bild: Boris Bürgisser, 4. Januar 2019)

Ausdrucksstark: Pianistin Katja Buniatishvili mit dem Orchestra Sinfonica di Milano. (Bild: Boris Bürgisser, 4. Januar 2019)


Das einstige Wunderkind Khatia Buniatishvili ist einen weiten Weg gegangen. Vor neun Jahren war es, als die georgische Pianistin zuerst am Boswiler Sommer und dann in der Debut-Reihe des Lucerne Festival ihre Aufwartung machte. Und sie servierte eine virtuose Visitenkarte, präsen­tierte ungestüm ihre technische Überfliegerei. Doch schon damals war es nicht nur reine Kraftprotzerei, sondern auch ihre innere Intensität, die das Publikum begeisterte.

Heute, mit immer noch sehr jungen 31 Jahren, ist sie längst diesem Virtuosenkäfig entstiegen und hat ihr eigene Welt an Interpretation und Auslegung ­geschaffen. Schon im letzten Jahr zeigte sie ihre Sensibilität bei einer vorsichtigen, persönlichen Interpretation von Schumanns Klavierkonzert.

Rachmaninoff ohne Technikprahlerei

Und jene Deutungskraft bereichert auch den Freitagabend im KKL. Zusammen mit dem Orchestra Sinfonica di Milano Guiseppe Verdi spielt sie Sergei Rachmaninoffs Klavierkonzert Nr. 2. Isoliert betrachtet, ist es ­natürlich vor allem ein Werk für Tastenakrobaten. Im Zusammenhang gesehen, formt es aber eine sinnende, aus den Selbstzweifeln des Komponisten entstandene Musik.

Nachdem seine ersten beiden Grosswerke, eine Sinfonie und das erste Klavierkonzert, beim Publikum nicht besonders gut ankamen, zog sich Rachmaninoff zurück, ja erlag einer regelrechten Schaffenskrise. Erst die Konsultation eines Nervenarztes brachte ihn auf die Spur zurück, und er schrieb das Werk, das ihm international den Durchbruch brachte.

Khatia Buniatishvili spielt diese Komposition nun in ihrer ganzen Innerlichkeit und Seelenschwere. Ihre überragende Technik stellt sie eher hintan, lässt mehr das Tiefe und Unbestimmte sprechen. Es ist ein phasenweise schattenhafter Rachmaninoff, der sich hier formt. Wie Phantasmen zieht die Solistin ihre Spuren durch das Orchestergewebe. Verwoben und eins pendeln die Solistin und das Orchester durch das emotionelle Wogen.

Gewiss ist Buniatishvili das Virtuose nicht fremd. Doch selbst das rasende «Allegro Scherzando» musiziert sie leicht und neckisch, formt und spielt auch hier hinter einem leichten Schleier. Verwehte Schritte im Staub des kreisenden Saales. Als dazu passende Zugabe gibt sie das introvertierte, sinnliche «Claire de lunes» von Claude Debussy.

Und Italien bewegt sich doch

Am Anfang in der Begleitung gar etwas dominant, entwickelt das Orchester später ein hochklassiges dialogisches Wechselspiel. Denn das Orchestra Sinfonica ­ di Milano Guiseppe Verdi ist, zum Glück, auf dem Weg, seinen Geheimtipp-Status in Luzern zu verlieren. Schon im letzten Jahr begeisterte das klangvolle Ensemble mit einer überzeugenden Version der 5. Sinfonie von Tschaikowski.

Und das Orchester ist der eindrückliche Beweis, dass auch im vielgeschmähten Italien – glaubt man gewissen Kritikern, so liegt das Land kulturell in Schutt und Asche – Neues möglich ist. Erst vor 25 Jahren entstanden, konnte das Ensemble sogar seinen eigenen Konzertsaal, das Auditorium de Milano, begründen. Dies unter der Leitung Riccardo Chaillys, der ja heute dem Lucerne Festival Orchestra seine Ideen gibt.

Am Donnerstagabend spielten die Italiener unter ihrem Chefdirigenten Claus Peter Flor die «Bilder einer Ausstellung» von Modest Mussorgski. Sie interpretieren das bunte Sammelsurium mit Couleur und Klang. Ihre herausragende, fast schon deutsche Erdung in Bass und ­Cello, die Flexibilität der ­hohen Streicher und die hervorragenden Bläsersolisten geben den Stücken Schattierung und Variation. Überzeugend ist die ­finale Steigerung, die brillante Farbentfaltung im tosenden Blech, ohne dass der Gesamtklang je aus den Fugen gerät. Und doch fehlt in dieser Interpretation etwas der ultimative Gestaltungswille, sind viele der Bilder brav gezeichnet.

Vorwärtsdrängende pure Romantik

Ganz aus dem Vollen schöpfen die Musiker erst in der 9. Sinfonie von Beethoven am Samstagabend. Hier sitzt das Orchestra Sinfonica von Anfang an zuvorderst auf der Stuhlkante. Komplett der Romantik zugeneigt, entwickelt Claus Peter Flor eine vorwärtsdrängende Lesart. Dies nicht im Sinne eines beschleunigten Tempos, wie es heute bei vielen historischen Aufnahmen der Fall ist. Mit über 15 Minuten für den ersten Satz geht der Dirigent es eher gemächlich an. Dafür entwickelt er eine Dramatik und eine Gefühlsdichte, die packen und mitreissen. Wie natürlich fliessen die Noten. Nichts wirkt aufgesetzt oder exaltiert.

Herrlich ist etwa, wie die Viola beim ersten «Freude, schöner Götterfunken» dem Fagott den klanglichen Vortritt lässt. Einzig die Sänger vermögen nicht ganz an diese Brillanz anzuknüpfen. Der Chor ist – bei aller Wucht und Strahlkraft – teils etwas hart und «sopranlastig». Bei den Solisten überzeugt der Bariton Jochen Kupfer mit einem glänzenden Auftakt. Doch vermag die Mischung zwischen den Stimmen nicht recht zu überzeugen. Übers Ganze gesehen sind es jedoch zwei reichhaltige Abende, ein hervorragender Startschuss für Luzerns Kulturjahr.

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