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Der Film «Nach dem Sturm» zeichnet die Bewusstseinsexplosion in der inneren Schweiz nach

Der Kino-Dokumentarfilm «Nach dem Sturm» beleuchtet das Klima der Rebellion, das nach 1968 auch die Innerschweiz erfasst und geprägt hat. Beat Bieri und Jörg Huwyler führen eine Zeit und ihre Protagonisten vor Augen, ohne sie zu verklären.
Pirmin Bossart
Szenenbild aus dem Film «Nach dem Sturm»: Jugendliche belagern am Abend des 4. Januar 1969 die Hauptwache der Stadtpolizei in Luzern. (Bild: PD)

Szenenbild aus dem Film «Nach dem Sturm»: Jugendliche belagern am Abend des 4. Januar 1969 die Hauptwache der Stadtpolizei in Luzern. (Bild: PD)

1968 fand in Luzern 1969 statt: Hunderte von Jugendlichen versammeln sich am Abend des 4. Januars 1969 vor der Hauptwache der Luzerner Stadtpolizei und machen Krawall (siehe «Luzerner Zeitung» vom 4. Januar 2019). Die «Schmier» drinnen hat Angst. Das erfahren wir 50 Jahre später, als die beiden ehemaligen Polizisten Jules Bucher und Heiri Hüsler im Stadtarchiv durch die Akten und Fotos blättern und sich an diese Nacht erinnern. Die beiden wirken besonnen. Und manchmal erstaunt, wenn sie ein Foto vom Krawall betrachten: «Das haben wir damals nicht gesehen. Wir waren ja drinnen.»

Es sind die Eingangssequenzen eines Films, der sich nach diesem ersten Fokus «Krawallnacht Luzern» sukzessive auf andere Schauplätze in der Innerschweiz verlagert. Kapitel um ­Kapitel wird aufgezeigt, wie Ende der 1960er-Jahre auch die konservativ-bürgerliche Innerschweiz mit ihren Grundfesten Katholizismus, Militär und allgemeiner Autoritätsgläubigkeit von den Wellen des rebellierenden Denkens zunehmend erschüttert wurde.

Von der Schule verwiesen

Im Kollegi Sarnen wird der spätere linke Nationalrat Joe Lang wegen «fremder Weltanschauung» von der Schule verwiesen, um bald darauf in Zug gegen die «Rohstoffhändler-Mafia» (Jean Ziegler) ins Feld zu ziehen. Im Kollegi Engelberg begegnen wir Agnes Barmettler, der Tochter des Klosterkäsers, die in der ganzen Innerschweiz nicht ins Gymnasium konnte, weil das für Frauen nicht vorgesehen war. Der heutige Psychotherapeut Roland Müller, Gründer der Revolutionären Marxistischen Liga Luzern (RML), erzählt, wie er wegen eines armeekritischen Beitrags in der Schülerzeitung am Alpenquai fast von der Schule geworfen wurde.

Schriftsteller Thomas Hürlimann gründete in der Klosterschule Einsiedeln einen Atheisten-Club. Er erlebte das Klima als extrem katholisch – «wir sind religiös abgefüttert worden» – und schwor, sich nie mehr in seinem Leben indoktrinieren zu lassen. Es gehört zu den eindrücklichsten Szenen dieses Films, wie der nach langen Auslandaufenthalten in seine Heimat zurückgekehrte Hürlimann bekennt, dass er heute so etwas wie eine transzendente Welt nicht ausschliesse und auch das Kreuz auf den Gipfeln oder Kirchtürmen verteidige. «Insofern bin ich am Schluss doch wieder der fromme Klosterschüler.» In Göschenen begegnen wir Reto Gamma, Gründer der kritischen Zeitschrift «Alternative» in Uri, der als Militärgegner im Armeekanton Uri mindestens so exponiert war wie ein Zürcher Globus-Kämpfer. Regula Odermatt-Bürgi, neben der früh emanzipierten Judith Stamm eine der wenigen Frauen im Film, schildert das turbulente Wiener Festival im Chäslager Stans.

Staatsfeind Nr. 1 der Zentralschweiz

Der bekannte Opernregisseur Beat Wyrsch liess sich von dieser Stanser Zeit für seine kreative Inszenierungsarbeit inspirieren, während Otto Odermatt sich an der «destruktiven Kraft» störte, «zum Sinnsucher» wurde und seine geistige Heimat bei der transzendentalen Meditation auf dem Seelisberg fand. Zu den Hauptprotagonisten gehört der Luzerner Otti Frey, der nach der (unpolitischen) Krawallnacht 1969 die Junge Linke ­Luzern (JLL) gründete und fortan zum «Staatsfeind Nr. 1 in der Innerschweiz» wurde (siehe Interview unten). Bis 1983 wurde er fast lückenlos überwacht. Mit Thomas Trüb lancierte er den FC Inter Altstadt, den linken Ableger von Sport und Kultur. Thomas Trüb machte später im Ringier-Verlagsgeschäft Karriere und Millionen. 2002 rief er eine Stiftung ins Leben, die Kindern und Jugendlichen in Asien eine gute Schulbildung und bessere Lebensbedingungen ermöglicht. Die Filmer haben Trüb in Vietnam aufgesucht. Seine Devise: «Capitalism with a human face».

Am Schluss landen wir im Sedel beim Schlagzeuger Fredy Studer und seinen Kollegen vom OM, die ihrerseits eine Musikgeschichte geschrieben haben, die im Klima der Endsechziger entstanden ist. Christy Doran trägt den Sound zum Film bei, am Schluss intonieren Doran und Studer mit ihrer Hendrix-Band «Hey Joe». Und ja, denkt man: Genau hier könnte nochmals eine Story beginnen, nämlich diejenige der musikalischen Subkultur und ihrer Geister, die mindestens so viel bewegt hat wie der politische 1968er K(r)ampf.

Die bunte Aufzählung macht es deutlich: Der Film beleuchtet zahlreiche ­interessante Protagonisten, von denen man oft gerne noch mehr erfahren hätte. Aber die Perspektive des Films ist eine andere. Beat Bieri spricht von einem «filmischen Zeitgemälde aus dem bewegten Innern der Schweiz». Der Film geht in die Breite, nicht in die Tiefe. Er gibt einen Überblick, macht ein Klima fassbar, lässt interessante Zusammenhänge aufblitzen. Und macht so nebenbei auch bewusst, wie verdammt schnell die Zeit vergeht und wie Rebellen alt werden. «Nach dem Sturm» ist kein 1968er-Nostalgiefilm, sondern zieht den Bogen über die 1980er-Unruhen und Sedel bis zum Kulturkompromiss unter Stadtpräsident Franz Kurzmeyer, dem wir als altem, würdevollem Politiker des Ausgleichs im KKL Luzern nochmals kurz begegnen können. Die beiden Filmer haben in den anderthalb Jahren der Produktion «eine Schwemme von Material und Anekdoten» zusammengetragen. Mit gegen 50 Personen wurden Gespräche geführt, die Transkriptionen der Interviews umfassen über 300 Seiten. Viele «darlings» mussten gekillt werden: Die Herausforderung war, die Breite des Materials dramaturgisch schlüssig zu verbinden. Den roten Faden bilden die zwei ehemaligen Polizisten Bucher und Hüsler und der Aktivist Otti Frey, die immer wieder auftauchen, oft auch in verblüffendem Kontext.

Intensive Recherchierarbeit

Entstanden ist ein wunderbares Dokument über eine Zeit, die auch die beiden Filmemacher mitgeprägt hat. Er sei apolitisch aufgewachsen, sagt Jörg Huwyler. «Im Zuge der Recherchen habe ich realisiert, was diese Leute erkämpften und wie viel sie letztlich zu den heutigen kulturellen Errungenschaften und Freiheiten beigetragen haben.» Für Beat Bieri war die damalige Umbruchzeit vor ­allem eine «Bewusstseinsexplosion» (Otti Frey). «Das hat, unabhängig von der politischen Ausrichtung, Fenster und ­Türen geöffnet. Es war ein Befreiungsschlag für das Denken und Handeln und für ein selbstbestimmteres Leben. Das erachte ich als die Qualität dieser Zeit.»

Der Film «Nach dem Sturm» läuft ab Donnerstag, 25. April (Premiere um 18 Uhr), im Bourbaki in Luzern sowie in Kinos in Zug, Altdorf, Schwyz, Einsiedeln und Engelberg. Das Chäslager in Stans zeigt den Film am Freitag, 26. April, um 20 Uhr.

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