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INNOVATIV: Handyfilm goes Hollywood?

Nach der Jugend haben auch Filmemacher den Handyfilm für sich entdeckt. Denn bei manchen Dingen blickt die Handykamera einfach besser durch.
Szene vom Dreh des Films «Tangerine». Der Film wurde aus Kostengründen nur mit dem iPhone gedreht. (Bild: PD)

Szene vom Dreh des Films «Tangerine». Der Film wurde aus Kostengründen nur mit dem iPhone gedreht. (Bild: PD)

Julia Stephan

Als ein Kind der Neunziger drehte die Autorin dieses Textes einen Film mit Stofftieren vor einer sehschwachen und tauben Webcam. Die markigen Sprüche der deutschen Synchronisationsstimme von Bruce Willis aus einem Computerspiel mussten als Tonspur ausreichen.

Aus Sicht von heute wirkt diese Bastelei absurd. Seit 1999 sind Mobiltelefone mit integrierter Fotokamera auf dem Markt. Seit 2003 kann man mit ihnen auch filmen. Heute gehört die Handykamera zur Standardausrüstung eines Jugendlichen. Dessen Leben ist ein mit Freunden gemeinschaftlich gedrehter Episodenfilm. Und weil besonders gute Episoden auf Internetportalen wie Youtube und Vine landen, wachsen diese zu riesigen Archiven der Alltagskultur an.

Hauptsache, authentisch

Die Wissenschaftler Ute Holfelder und Christian Ritter haben für ein Forschungsprojekt private Handyfilme von Jugendlichen untersucht. Ihre Aussagen über die Ästhetik geben uns eine Vorstellung davon, was mit diesem Format im professionellen Filmschaffen alles möglich wäre. Die verwackelten Filme von Livekonzerten und nächtlichen Streifzügen sollen nach Holfelder und Ritter vor allem eines vermitteln: Authentizität. Während junge Menschen beim Selfie ästhetisch denken und sich ihrem Wunsch-Ich mit Nachbearbeitungen annähern, begründen sie das Filmen dokumentarisch und verzichten auf eine aufwendige Postproduktion. Wobei sich dies mit dem Zuwachs technischer Möglichkeiten und dem selbstverständlicher werdenden Umgang mit Filmen gerade zu ändern beginne, wie Holfelder vermutet.

Geht man davon aus, dass die Jugend bei technischen Entwicklungen die Rolle von Visionären spielt, ist es kein Wunder, dass der «authentische» Handyfilm auch im Dokumentarfilm- und im Medienbereich inzwischen auf Akzeptanz stösst.

Seit dem 11. September 2001 sind verwackelte Handyfilme von Lesern auf Reportermission auch in Formaten wie der «Tagesschau» kein Tabu mehr. Denn die «laienhafte Ästhetik» hält man als Zuschauer inzwischen für glaubwürdiger als aufwendig produzierte Medienberichte, sagt Ute Holfelder.

Der Charme des Handgemachten

Neu ist dieser Reiz des vermeintlich Authentischen nicht. Mit ihm spielte schon der US-Kult-Horrorfilm «The Blair Witch Project» (1999). Mit einer Handkamera gefilmt, glaubt man sich als Zuschauer vor einem verwackelten Amateurvideo. Den Charme des Handgemachten besitzen auch die ersten Handyfilme: Der deutsche Filmemacher Max Schleser filmte mit dem Handy vor rund zehn Jahren die Zentren japanischer Grossstädte. Schleser suchte für den damals noch kleinen Bildschirm nach einer neuen Bildsprache. Die schummrigen Skylines sind begleitet von längst museal gewordenen Handy-SMS-Klingeltönen und einem Rauschen, das noch an die Gründerzeiten des Handys erinnert. Schleser feiert in seinem Film diese körnige Bildsprache als neue Ästhetik.

«New Love Meetings» (2006) der italienischen Filmemacher Marcello Mencarini und Barbara Seghezzi ist eine Wiederaufnahme von Pier Paolo Pasolinis Dok-Film «Gastmahl der Liebe». Der Italiener hatte seinen Landsleuten in den 1960ern Statements zum Thema Liebe und Sexualität entlockt. Mencarini und Seghezzi wiederholten das Experiment mit dem Handy. Das schien ihnen weniger aufdringlich als die Filmkamera.

Günstiger als ein Filmset

Man musste schon verrückt sein, um in jener dunklen, verwackelten Handy-Ära einen Film auf Spielfilmlänge zu realisieren. Dass auch das möglich war, zeigt der Kultfilm «SMS Sugar Man» (2007) von Aryan Kaganof. Der Südafrikaner hatte ihn aus Kostengründen auf seinem Sony Ericsson W900i gedreht. Kaganof, der sich in seinen provokativen Filmprojekten noch nie um den Unterschied zwischen Sub- und Hochkultur geschert hatte, hat mit dem Format weniger Berührungsängste als viele seiner Kollegen. Im Gegensatz zur Schweiz, wo der Handyfilm laut Andrea Holle, Leiterin des ersten Schweizer Handyfilmfestivals Mobile Motion Filmfestival in Zürich (Momo), von professionellen Filmschaffenden immer noch belächelt werde, haben ausländische Filmemacher einen pragmatischeren Umgang. Malik Bendjelloul drehte das Ende seines Dok-Films «Searching For Sugarman» auf dem Handy ab, weil ihm schlicht das Geld ausging. Die Oscar-Jury hielt das nicht davon ab, dem Film 2013 den Preis für den besten Dokumentarfilm zu verleihen.

Eine ähnliche Karriere machte der Film «Tangerine» über eine transsexuelle Prostituierte, der Hit am diesjährigen Sundance Film Festival. Dass der Film ressourcensparend mit dem iPhone abgedreht wurde, darf man als Annäherung an die Filmindustrie deuten.

«Tangerine» sieht man, anders noch als älteren Handyspielfilmen wie «Olive» (2011), das «Handgemachte» nicht mehr zwingend an. Schliesslich lassen sich Spezialeffekte mit einfachsten Mitteln nachstellen. Der Spanier Luis Mieses brachte mit 37 seinen ersten iPhone-Kurzfilm «The Fixer» an die Handyfilmfestivals dieser Welt. In seinem mit Spezialeffekten und Filmzitaten durchdrungenen Opus werden fliegende Schusspatronen gefreezt und umgelenkt. Ohne Filmstudio.

In Gesellschaften, wo Filmemachen Luxus ist, demokratisiert der Handyfilm diese Kunstform auf revolutionäre ­Weise. Nicht einmal Flüge zu Drehorten sind zwingend nötig. An Max Schlesers Filmprojekt «24 frames, 24 hours» arbeiten 112 Filmemacher weltweit an Filmporträts über ihre Lebenswelt.

Festivalleiterin Holle bestätigt, dass viele der Einsendungen, die sie erreichen, aus Indien, Asien oder Afrika kommen. Knappe Mittel provozieren eine Notkreativität, die zu ungewöhnlicher Ästhetik führt. Ute Holfelder hat selbst schon Menschen im Alltag dabei beobachtet, die den Selfie-Stick als Stativ benutzen. Auf solche Tricks greifen auch Handyfilmemacher zurück. Für den Dreh rekrutiert man Freunde – beim diesjährigen Gewinnerfilm am Momo in Zürich («Horseface») gehört sogar die Grossmutter des Regisseurs zum Cast.

Neue Perspektiven

Der deutsche Filmemacher Wim Wenders soll einmal gesagt haben, Handykamerabilder könne man mit normalen Filmkameras «ums Verrecken nicht eingefangen bekommen». Tatsächlich wäre das kollektive Gedächtnis von den Maidan-Protesten heute ein anderes. Aber auch oft Gesehenes sieht eine Handykamera neu: Ob das Handy aus einem Wasserglas dem Menschen beim Trinken zuschaut oder am Luftballon spektakuläre Aussichten zulässt, in die Luft geschossen wird oder mit einem Biker Berge runterrast: Die ungewöhnliche Perspektive ist mit dem Handy einfacher und kostengünstiger zu haben. Intime Momente werden beim Dreh noch intimer.

Letztere Erfahrung machte der New Yorker Filmer Tristan Pope. Für den Dreh seines Films «Romance In New York» montierte er sich eine Handykamera auf Augenhöhe. Dank einer Handykamera, die wie ein verlängertes Körperteil den Dreh begleitet, erleben wir den Filmkuss mit der Filmpartnerin hautnah mit. So könnte die Zukunft des Kinos aussehen.

Hinweis

Die Ausstellung «Handyfilme. Jugendkultur in Bild und Ton» ist von 29. April bis 8. Mai 2016 an der Luga in Luzern zu sehen.

Mobile Motion Filmfestival (Momo) am 28. Mai 2016 im Arthouse Uto in Zürich.

Und so sieht der fertige Film aus: Szenenbild aus «Tangerine». (Bild: PD)

Und so sieht der fertige Film aus: Szenenbild aus «Tangerine». (Bild: PD)

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