Inspiration für ein neues Konzertformat

Viel Livemusik, eingebunden in einen Gottesdienst: Eine Bach-Kantate in der Matthäuskirche Luzern erhielt spontan Publikumsapplaus.

Urs Mattenberger
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Der Start zum Bach-Kantatenzyklus von Stephen Smith, im Rahmen des Gottesdienstes.

Der Start zum Bach-Kantatenzyklus von Stephen Smith, im Rahmen des Gottesdienstes.

Bilder: Manuela Jans-Koch (Luzern, 17. Januar 2021)

Taugen in der Coronazeit Gottesdienste mit Musik als Ersatz für Konzerte? Die Probe aufs Exempel konnte man am Sonntag in der Matthäuskirche an einem prominenten Beispiel machen. Denn eröffnet wurde ein neuer Zyklus von «Kantatengottesdiensten», in denen Kantor und Organist Stephen Smith regelmässig Kantaten von Johann Sebastian Bach aufführen wird. In seinen zwei verbleibenden Jahren im Amt steht jeden Monat eine davon auf dem Programm.

Aussergewöhnlich war allein schon die stattliche Besetzung und der breite Raum, den die Musik einnahm – mit der integral aufgeführten Kantate BWV 155 im Zentrum, einer Eingangs- und Schlussmusik von Bach sowie den ebenfalls von den Musikern gesungenen und begleiteten Kirchenliedern. Dass vor den zugelassenen 50 Besuchern vier Sänger und sieben Instrumentalisten musizierten, entsprach einer normalen Konzertsituation, zumal die Beschränkung auf ein Vokalquartett (statt eines verbotenen Chors) der Praxis von Bach entspricht.

Der balsamische Wohlklang der Livemusik

Also doch ein Konzert unter dem Deckmantel eines Gottesdienstes? Dafür sprach auf den ersten Blick, dass die Besucher am Schluss den Aufführenden lange applaudierten. Und tatsächlich konnte man hier endlich einmal wieder Livemusik in sich aufsaugen wie ein ausgetrockneter Schwamm.

Bezaubernd schwang sich im Kyrie aus Bachs Missa G-dur der Sopran von Gunhild Alsvik aus dem vielstimmig verschlungenen Chorsatz glanzvoll in die Höhe. In der Kantate verschmolzen der Alt von Ursina Patzen und der Tenor von Remy Burnens im Duett «Du musst glauben» zu balsamischem Wohlklang, dem das tänzelnde Fagott von Rhoda Patrick ein konzertantes Element beimischte. Das Cello von Beate Schnaithmann überglänzte das Rezitativ des Bassisten Auke Kempkes mit betörendem Schmelz. Und im Schlusschoral verbanden sich die vier Stimmen trotz der Dämpfung durch die Masken zu einem so transparenten wie volltönenden Gesamtklang.

All das machte deutlich, wie sehr schon Bachs Musik mit ihrer Rhetorik überraschend aktuell Gottesdienst ist. Die Aufforderung des Chorals, an Jesus Wort zu glauben, auch wenn sich die Leiderfahrung mit «lauter Nein» dagegen sträubt, war gleichsam auch an die Gotteszweifler im Publikum gerichtet. Und wenn der Sopran die Aufschwünge im Kyrie in eine sich nach unten windende Schmerzfigur zurücknahm, war das weit weg von harmloser Sonntagschulfrömmigkeit.

Die Bestuhlung eines Konzertes in Coronazeiten.

Die Bestuhlung eines Konzertes in Coronazeiten.

Ein Gottesdienst für Sinnsucher und Zweifler

Dass damit die Musik selber Teil des Gottesdienstes war, verdeutlichten die Wortbeiträge von Pfarrer Maximilian Paulin. Er bezog nicht nur die Anfangsworte der Kantate «Mein Gott, wie lang, ach wie lange?» auf die Aktualität von Corona oder die Ereignisse in den USA. Er machte grundlegend die damit zusammenhängende Ungewissheit zum Thema, die sich auch auf Glaubensfragen bezieht.

Dass Gott angesichts des Leids «verborgen» bleibt, wie es in der Kantate heisst, führte Paulin aus mit einer Schriftlesung aus dem Buch Mose. Da bewahrt Gott den Menschen davor, sein Angesicht zu sehen, weil man Gott nicht sehen «und am Leben bleiben kann». In der Predigt interpretierte er das dahin gehend, dass es in Glaubensfragen keine Gewissheit gibt, die man mit «Händen greifen» und «begreifen» kann.

Damit gehöre der Glaube in die urmenschliche Tradition einer Sinnsuche, die von Ungeduld und Klage geprägt ist. Wie Bach in dieser Tradition steht, zeigte Paulin mit Hinweisen auf Textstellen der Kantate wie auch die Musik. Und so war am Schluss keine Frage mehr, ob das nun mehr Gottesdienst oder Konzert war. Vielmehr hörte man in diesem Kontext selbst Bachs Kantate anders. Und man kann sich gut vorstellen, dass das künftig umgekehrt Konzertveranstalter inspiriert. So, wie jetzt die Musik Heimrecht hat in Gottesdiensten, könnten Wortbeiträge zur Sinnsuche wie hier künftig in geistliche Konzerte integriert werden. Das wäre dann nicht ein neues Gottesdienst-, sondern ein neues Konzertformat.

Nächster Kantatengottesdienst in der Matthäuskirche Luzern: Sonntag, 7. Februar, 10 Uhr. Anmeldung: www.reflu.ch