Im Neubad wird aus geheimnisvollen Klängen bedrohliches Dröhnen

Neue Medien könnten der zeitgenössischen Musik den Weg zu einem neuen Publikum öffnen. Zwei Ensembles bearbeiteten dafür auch akustische neue Musik von Dieter Ammann.

Urs Mattenberger
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Die Ensembles Sargo und Nomads bei ihrem gemeinsamen Auftritt im Pool des Neubads. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 8. Mai 2019))

Die Ensembles Sargo und Nomads bei ihrem gemeinsamen Auftritt im Pool des Neubads. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 8. Mai 2019))

Auf den ersten Blick denkt man an die staksigen Beine von Insekten, die kurz vor dem Verenden noch einmal aufzucken oder sich zur Seite drehen. Sie tun es auf der Leinwand, die auf der Bühne im Neubad-Pool aufgespannt ist, zunächst fast unmerklich, später zu bedrohlich sich steigernden Krabbelgeräuschen und auch mal zu einem ratternde Knall. Gesteuert wird der Überlebenskampf vom Laptop-Musiker am Bühnenrand: Er ist es, der die winkelförmig verbogenen Büroklammern auf ein Magnetfeld legt und am Laptop mit Stromstössen in Bewegung setzt.

Der faszinierende Beitrag zum Gemeinschaftskonzert der Ensembles Sargo und Nomads im Neubad entsprach damit so gar nicht den Vorstellungen, die sich die meisten von zeitgenössischer Musik machen dürften. Der Abend war vielmehr ein Beispiel dafür, wie sich diese weiter entwickelt hat hin zu Formen, die nicht nur für Spezialisten attraktiv sein können. Und die im Gegenteil mit Multimedia speziell ein junges Publikum ansprechen.

Comichafte Pop-Kultur

Die Idee des Gemeinschaftskonzerts lag darin, akustische Musik, wie sie das Ensemble Sargo spielt, der Multimedia-Elektronik gegenüberzustellen, mit der das Ensemble Nomads experimentiert. Schliesslich sollte beides auch zur Einheit gebracht werden: In Bearbeitungen von Werken von Gary Berger und Dieter Ammann, bei denen die Originale bearbeitet und mit Elektronik angereichert wurden.

Aber die Frage, wie ein Stück komponiert ist, bleibt unabhängig von der Wahl der technischen Mittel entscheidend. Auch das illustrierte der eingangs geschilderte Büroklammern-Krimi. In dem Mass, in dem hier die kleinen Metallgestänge zum dichten Haufen aufgetürmt wurden, ­kamen die feinen Bewegungen kaum noch zur Geltung und wirkte das auch akustisch laute Ende doch etwas plump.

Die Nähe zu einer comic-haften Popkultur suchte Daniel Zeas «Swallow» für vier Performer, die von der Seite her mit ihren Laptops die Videos auf der Leinwand steuerten. Auch das war ein Stück, an dem man ohne Vorkenntnisse einfach Spass haben konnte. Vier Köpfe schwimmen und versinken fast in knallfarbigen Hintergründen, bis ein Strichcodemuster sie hinter Gitterstäben einzusperren droht. Die zunächst schaurig-geheimnisvollen elektronischen Klänge steigern sich zum Dröhnen wie von bedrohlichen Flugobjekten, wenn die Köpfe in freudiger Erwartung ihre Mäuler aufreissen und umherschwirrende Tabletten, Pistolen oder Menschen verschlucken. Die Konsumwut und Reizflut unterstreichen die Wörter, die über die Leinwand rattern. «Trump Putin», «curvy girls», «wetoo»: Das entwickelt einen Sog, aus dem auch das Stück nicht mehr herausfindet, wenn es linear auf das Ende – die Gesichter werden zu Totenköpfen – zusteuert.

E-Gitarre im Streichtrio

Führende Komponisten aus dem Bereich Elektronik und neuen Medien unterrichten solches Komponieren in Workshops an der Musikhochschule Luzern, aus der Mitglieder der beiden Ensembles hervorgegangen sind. Auch wenn die Technologien hier nicht ausgeschöpft werden wie man das einst in Stefan Prins’ «Generation Kill» gesehen hat, sah man hier, dass diese neue Generation des Komponierens auch in Luzern den Weg aus Musikhochschulfestivals in den Alltag findet.

Die stärksten Eindrücke hinterliessen dennoch die Werke, die stärker akustische Instrumente einbezogen. Emilio Guims spielte mit der wechselnden Körnigkeit des Klangs der elektrischen Gitarre und eines Streichtrios. Victor Colteas «(Un(i)son(s)» für zehn Musiker verzahnte vielschichtige Klangfelder und rhythmisch getriebenen ­Drive zu spannenden Formverläufen, die die sieben beteiligten Musiker zu einem intensiven Musizieren hinrissen, wie es an Laptop-Reglern nicht zu erreichen ist. Das galt auch für die Adaption von Dieter Ammanns «Presto Sostinato» durch Victor Coltea. Coltea reduzierte zwar die Zahl der akustischen Instrumente, fügte aber mit der E-Gitarre eine neue Farbe hinzu, die mit Saxofon oder Flöte spannende Verbindungen einging. Entscheidend war, dass die Differenzierung der Bewegungs- und Such- und Ruhefelder erhalten blieb, mit denen Ammann das Stück verschlungen und doch heftig vorantreibt.