INTERNET: Unser aller Senf: Eine Typologie von Leser-Kommentatoren

Unter den Artikeln von Online-Medien tobt ein wortstarker Kampf um Meinungshoheit. Hier der Erklärungsversuch eines Experten und ein nicht ganz ernst gemeinter Versuch einer Typologie von Leser-Kommentatoren.

Julia Stephan
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Wie und wann jemand seinen Senf dazugibt, ist eine Typenfrage. Die Möglichkeit dazu hat heute jeder Leser. (Bild: Getty)

Wie und wann jemand seinen Senf dazugibt, ist eine Typenfrage. Die Möglichkeit dazu hat heute jeder Leser. (Bild: Getty)

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

«Die Zeiten werden schwierig für Vernunftbegabte in einer postfaktischen Welt», sagte Dieter Nuhr kürzlich in seinem Jahresrückblick. Der deutsche Komiker brach das Drama, das sich derzeit in den Leser-Foren von Online-Medien oder in Talkshows abspielt, auf eine einfache Rechenaufgabe herunter. Und die geht so: Der postfaktische Mensch behauptet: «Eins plus eins ist drei.» Worauf der vernunftbegabte Mensch korrigiert: «Nein doch, zwei!» Der Erstere fühlt sich bestätigt: «Sehen Sie, man darf ja nichts mehr sagen heute.» Und der zuhörende Dritte reibt sich die Augen und staunt: «Da gibts offensichtlich eine öffentliche Diskussion. Scheint ja ein strittiges Thema zu sein.»

Man kann diesen nummerischen Taschenspielertrick auch wieder auf grössere Formate hochrechnen. Dann erst wird deutlich, dass wir im normalen Leben ständig auf ihn reinfallen: etwa, wenn ihn Politiker in Talkshows verwenden. Woche für Woche geben sie dort ihre radikalen Meinungen kund mit dem Vorwurf, man dürfe seine Meinung nicht mehr sagen. Auch Journalisten nutzen diese Methode, wenn sie in zweistündigen Spezialsendungen das Privatleben von Terroristen durchleuchten und dabei nicht müde werden, zu behaupten, man wolle Terroristen keine Plattform bieten.

Meinung als Währung der Aufmerksamkeit

Ein Ort, an dem besonders verhaltenskreativ an Fakten vorbeigeredet wird, sind die Foren der Online-Medien. Und nicht nur das. Meinungen werden dort impulsiv und unter Missachtung jeglicher sozialer Verhaltensregeln kommuniziert.

Ursprünglich hatten die Medienhäuser diese Leserforen aus ökonomischem Kalkül eingerichtet. Denn die Währung der Aufmerksamkeit besteht heute aus Lesermeinungen und Likes. Und es ist ja auch erst einmal begrüssenswert, in einer Demokratie viele Stimmen zu einem Thema zuzulassen. Doch Studien zur Frage, wie Lesermeinungen die Wertung eines Artikels beeinflussen, stellen dieses System wieder in Frage. «Schon nach wenigen Tagen können Leser einen Artikel und die Lesermeinungen dazu nicht mehr voneinander unterscheiden», sagt Kommunikationswissenschaftler Christian von Sikorski von der Universität Wien. Kommt hinzu, dass eine emotionale Kommentierung Leser für neue Argumente weniger empfänglich mache. Stattdessen beharren sie noch stärker auf ihrer bestehenden Haltung zum Thema.

Da stellt sich die Frage, ob alterna­tive Versuche, mit der Leserschaft in Kontakt zu treten, nicht sinnvoller wären. Denn Journalisten verlieren aufgrund der Leserbeiträge ausgerechnet bei denjenigen weiterhin an Glaubwürdigkeit, die ohnehin schon das Vertrauen in die Medien verloren haben. «Solche Leser vertrauen lieber den Zeilen eines normalen Mannes», sagt von Sikorski. Da Leserbeiträge, anders als Artikel, keine Qualitäts­sicherung durchlaufen, entbehren sie ­ironischerweise genau jener faktischen Grundlage, welche diese Menschen der «Lügenpresse» zum Vorwurf machen.

«Wir sind das Volk?» – «Nein, ich habe nachgezählt»

Gegen Wahrnehmungsverzerrungen ­ankämpfen müssen auch Journalisten. «Wer Online-Kommentare liest, glaubt, er habe die öffentliche Meinung vor sich», sagt von Sikorski. Dabei vergesse er, dass sich hier eine Minderheit von Menschen zu Wort melde. Die vertrete oftmals extreme Ansichten und sei von einer emotionalen Negativität getrieben.

Hilfreich wäre, grundsätzlich einmal zu klären, was diese Leserforen bezwecken sollen. «Nicht jeder schreibt aus demselben Motiv», sagt auch von Sikorski. Er hält die Vorstellung vom interessierten Leser, der an einer ernsthaften Diskussion interessiert ist, für idealistisch. «Die Menschen sind es sich gar nicht mehr gewohnt, politische Gespräche zu führen», sagt er. Die wenigen, die an diesen Orten gerne Debatten führen würden, reden an denjenigen vorbei, die diese Orte als emotionale Mülleimer betrachten oder einfach nur unterhalten werden wollen.

Vielleicht bräuchte es einfach öfter mal einen unaufgeregten Faktencheck, wie ihn Dieter Nuhr in seinem Jahresrückblick in Bezug auf die rund 2000 «Wir sind das Volk» skandierenden Pegida-Demonstranten in Dresden humoristisch gewagt hat: «Das ist nicht das Volk. Ich habe nachgezählt.» Und eine Welt, in der in einer Talkshow-Runde offen bekundetes Nichtwissen nicht gleich publizistischen Selbstmord bedeutet.

Kreative und Stilblütenpflücker

Der Kreative hält zum Thema einen gesunden Abstand. Auf Beiträge macht sich dieser User seinen eigenen Reim («Ist man nur mit Hilfe der richtigen Daten liberal, ist das, gelinde gesagt, eher richtig suboptimal», «Spiegel online») oder kontert Meldungen über Narzissten mit «Narzis raus!»-Parolen («Die Zeit»). Humor ist sein Schutzschild zwischen den grim­migen Fronten des Internets. Unfreiwillig komisch und häufiger anzutreffen ist der Stilblütenpflücker («Die Zivilisation des Menschen ist eine sehr dünne Hautschicht», «20 Minuten»). Was will er uns wohl sagen?

Ironie- und Emoticon-Nutzer

Ironie platziert dieser Typ entweder aus Konfliktscheue oder wohlkalkuliert. Etwa, um seine Haltung gegenüber zweifelhaften Erkenntnissen aus der Wissenschaft zum Ausdruck zu bringen wie die zur intelligenzfördernden Wirkung von Gemüse («Gemüsekonzentrat, in meiner liebsten Form als Filet, erlaubt es mir, intelligente geistige Orgasmen wie diesen Kommentar zu verfassen», «Blick online»). Während die einen Ironie prophylaktisch mit zwinkernden Emoticons markieren, verbuchen die anderen die Welle der Entrüstungskommentare als persönlichen Erfolg.

Äpfel-mit-Birnen- Vergleicher

Wie eine riesige Plastiktüte mit Firmenlogo stülpt der Äpfel-mit-Birnen-Vergleicher seine Weltsicht über einen journalis­tischen Beitrag. Den Bogen von einer Staatsaffäre bis zur Öko-Katastrophe zeichnet er mühelos. Der Äpfel-mit-Birnen-Vergleicher ist ein Wiederholungstäter. Sein Sendungsbewusstsein ist riesig, seine Kreativität bei der Schaffung von Sinnzusammenhängen unerschöpflich. Die radikalsten unter ihnen wagen das, was seit Anfang der 1990er-Jahre den Fachbegriff «Godwin’s Law» trägt: Sie bringen Online-Diskussionen mit Nazi-Vergleichen zum Stillstand.

Polarisierer und Trolle

Für den Polarisierer ist die Welt entweder schwarz oder weiss, links oder rechts, richtig oder falsch. User, die den buddhistischen Weg der Mitte gehen, werden von diesem Typ mit alttestamentarischen Wortkaskaden abgestraft. Seine Lieblingsvokabeln: «endlich», «radikal», «wieder einmal», «absolut». Ginge es nach dem Polarisierer, müsste man mit der Planierraupe alle Staatsorgane dieser Welt plattmachen. Die emotionsgetriebene Radikalität ist ein gefundenes Fressen für Internettrolle. Diese sorgen mit gezielten Provokationen dafür, dass die Wut zum Flächenbrand wird.

Verschwörungstheoretiker und Anspielungskünstler

Im postfaktischen Zeitalter muss sich der Verschwörungstheoretiker nicht mehr fürchten, kollektiv ausgelacht zu werden. Bei Flugzeugabstürzen, Geheimdienstskandalen und Terrormeldungen kommt er richtig in Fahrt. Fakten hält er für überbewertet, und alle, die Fakten wertschätzen, hält er für naiv. In diese Gruppe gehört auch der Anspielungskünstler. Er schreibt über Staats- und Firmenvertreter Sätze wie «Wer ihn besser kennt, weiss, was ich meine». Um die Exegese solcher Aussagen kümmern sich dann meistens – Sie ahnen es? – die Verschwörungstheoretiker!

Medienskeptiker und Rechercheure

Die Medien beschimpft er als «Lügenpresse». Dennoch oder gerade deshalb ist der Medienskeptiker ein leidenschaftlicher Medienkonsument. Mit dem digitalen Rotstift sucht er Beiträge täglich auf Realitätsbeschönigungen ab. Nervös wird er bei Terrormeldungen und Beiträgen zur Ausländerkriminalität. Ihm konstruktiv zur Hand geht der Rechercheur. Er fischt alternative Statistiken aus dem Internet und arbeitet sich durch den medialen Blätterwald. Mit seinen Pressespiegeln und Zahlenexperimenten bringt er neuen Schwung in die Debatten.

Philosophen und Nacherzähler

Der Philosoph nutzt das Fragezeichen inflationär. Ob der Verfasser den richtigen Ton getroffen hat? Was kümmerts ihn! Dieser Typ hat das grosse Ganze im Blick und stellt Fragen zur Fortsetzungsgeschichte der Menschheit. Dass er gar keine Antworten erwartet, wird vom Rest der Community oft nicht verstanden. Den sicheren Weg geht der Nacherzähler. Er gibt Artikelinhalte beinahe wortgetreu wieder. Das Wiedergekäute liegt dann wie ein Kuhfladen in der Kommentarspalte. An­dere User eilen mit grossen Schritten darüber hinweg.

Insider und Aus-dem- Nähkästchen-Erzähler

Als Betroffener liefert der Insider Journalisten wertvolle Hinweise. Er will nicht mitdiskutieren, sondern neue Fakten liefern. Ob der Artikel deshalb umgeschrieben werden soll, überlässt er anderen. Der Aus-dem-Nähkästchen-Erzähler unterscheidet hingegen gar nicht zwischen persönlicher Geschichte und gesellschaftlicher Relevanz. Auf Studienergebnisse über Einsamkeit reagiert er mit Geständnissen, die anderen Usern Tränen in die Augen treiben («Ich, 21-jährige Frau, fühle mich sehr einsam. Ich hatte auch noch nie Freunde», «20 Minuten»).

Nichtleser und Oberlehrer

Schlagzeilen dienen dem Nichtleser lediglich zur Anregung seiner Fantasie. Dass andere ihn wegen seiner Wissenslücken offen angreifen, tut seinem Selbstbewusstsein keinen Abbruch. Dieser Typ hat verstanden, dass sich Kompetenz mit der richtigen Performance mühelos ausgleichen lässt. Sein grösster Widersacher ist der Oberlehrer alter Schule. Er drückt mit Vorliebe auf den Antwortbutton und weist andere User mit Sätzen wie «Haben Sie den Artikel gelesen?» und «Sie haben den Artikel nicht ansatzweise verstanden» («Die Zeit») in ihre Schranken.

Vermittler und Streithähne

Der vom Aussterben bedrohte Vermittler verwendet mindestens so viel Zeit für den sorgfältigen Ausbau seiner jedes Reizwort umschiffenden Argumentation wie für deren Relativierung. Was ihn vor Frontalangriffen der wachsenden Population der Streithähne, die er so sehr fürchtet, allerdings auch nicht schützt. Der Streithahn wendet sich an seine Opfer meistens unverschämt direkt: «Wie beschränkt muss man denn sein, dass man solchen Käse von sich geben kann?» (User, «20 Minuten») «Sie gehören zu den Realitätsverweigerern!» («Die Zeit»)