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INTERVIEW: Autorin Susanna Schwager: «Ich mag mutige Frauen und Männer»

Susanna Schwager findet Alice Schwarzer einzigartig und hält den Tag der Frau durchaus auch für eine Beleidigung. Wir sprachen mit der Autorin über die Geschlechter und deren Gemeinsamkeiten. Und über Mexiko.
Susanne Holz
Elegant in Sprache und Stil: Susanna Schwager im Innenhof des Landesmuseums. (Bild: Stefan Kaiser (Zürich, 23. Februar 2017))

Elegant in Sprache und Stil: Susanna Schwager im Innenhof des Landesmuseums. (Bild: Stefan Kaiser (Zürich, 23. Februar 2017))

Interview: Susanne Holz

Susanna Schwager, kommenden Mittwoch, am 8. März, ist der Tag der Frau. Da passt es, dass dieser Tage Ihr Buch «Das halbe Leben – Junge Frauen erzählen» erscheint. Im Klappentext zum Buch ist von «Heldinnen des Alltags» die Rede. Wann ist eine Frau für Sie eine Heldin?

Oh, jede Frau ist für mich eine Heldin. (lacht) Aber Männer haben es auch nicht leicht. Wir alle nicht. Weil das Leben hart ist. Für viele Frauen ist der Alltag aber durch die Vielfalt ihrer Rollen und die zunehmende Selbstbeanspruchung härter geworden. Doch genau genommen mag ich die Zuordnung in Frauen und Männer nicht – ich sehe eher Menschen.

In Ihrem Buch lassen Sie aktuell die jungen Frauen zu Wort kommen – im vorangegangenen Buch waren es die jungen Männer.

Junge Frauen tragen die Zukunft in sich. Ohne sie geht nichts weiter auf der Welt. Ich möchte sie würdigen. Kinder zu bekommen, ist eine grosse Verantwortung und eine riesige Investition an Ressourcen. Natürlich sind im Privaten zunehmend auch die Männer Mit-Motoren. Aber ein grosser Anteil der sogenannt weichen und unbezahlten Aufgaben wird immer noch von Frauen geleistet. Die Krux ist: Die Frauen ziehen sich zunehmend aus diesen Bereichen zurück. Für die nicht quantifizierbaren Gebiete des Gemüts und des Gefühls ist in unseren durchrationalisierten Zeiten immer weniger Raum. Gefühle passen aber nicht in vorgegebene Zeitfenster. Das spüren alle.

Wollen Sie damit sagen, dass Frauen zurück an den Herd sollen?

Nein, wie käme ich dazu, das würde ich ja selber nicht wollen. Das Konzept des Heimchens am Herd ist übrigens eher neu und von Männern erfunden. Aber ich fürchte, dass die Vielfalt der Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die Frauen heute übernehmen wollen, sie irgendwann erdrückt. Bei meiner Recherche zum Buch hat es mich umgehauen, wie vielen jungen Frauen es nicht gut geht. Den jungen Männern ging es sichtlich besser. Ich glaube, Frauen stehen heute auch unter verschärfter Beobachtung, bedingt durch Social Media und die ­riesigen eigenen Ansprüche.

Setzen sich die Frauen also auch selber unter Druck?

Klar – sie möchten alles unter einen Hut bekommen, alles machen, alles können, alles haben, alles sein. Der Preis des multi­optionalen Lebens ist für Frauen sehr hoch. Was die Frauen in meinem Buch betrifft, möchte ich betonen: Ich bilde sie ab. Ich werte nicht. Ich zeichne Menschenporträts mit Sprache.

Würden Sie sich eigentlich als ­Feministin bezeichnen?

Ich wurde in den Siebziger- und Achtzigerjahren sozialisiert, damals war viel los, und es war nötig. Man stelle sich vor, das Frauenstimmrecht kam hier mit Ach und Krach erst 1971! Ich habe mich jedoch immer um diesen Begriff gedrückt. Sagen wir: Ich bin keine Feministin, aber voller feministischer Überzeugungen. Ich bin gegen Doktrinen und würde mich, wenn schon, am ehesten als Anarchistin sehen. Ich bin aber den Feministinnen sehr dankbar für ihre Arbeit.

Brauchen wir heute einen neuen Feminismus?

Wir brauchen unbedingt einen neuen Humanismus. Gemeinsam sind Männer und Frauen doch unschlagbar. Nach Geschlechtern zu trennen, ist überholt. Was wir brauchen, sind Menschen, die nicht nur an sich und den eigenen Vorteil denken. Meine Tochter, sie ist 23, findet die ganzen feministischen Ansätze veraltet. Sie findet das meiste, was die heutigen Frauen betrifft, selbstverständlich. Ich kann verstehen, dass für sie das Thema ältlich ist, aber ich habe meine Zweifel, wie selbstverständlich die feministischen Errungenschaften sind, wenn ich mir die Welt so anschaue. Rückschritte passieren oft schnell und leise.

Wie sehen Sie den Tanz der ­Geschlechter?

Aus irgendeinem Grund gibt es wohl diese zwei Menschenvarianten. In ihrer Verbindung entsteht etwas Neues über die beiden Einzelteile hinaus. Frauen und Männer brauchen einander, um auf etwas Besseres Drittes ausserhalb sich selbst zu kommen. Um Hoffnung zu zeugen. Ich glaube, es braucht einen Schub in Richtung Menschlichkeit, und es braucht ihn dringend zusammen mit den Männern. Die heutigen Probleme sind nicht an einer Frauenfrage festzumachen, sondern sie sind in meinen Augen eine Schichtfrage. Die Kluft zwischen Arm oder Normal und Superreich nimmt bedrohlich zu. Was leider meistens die Frauen zuerst zu spüren bekommen ...

... und was neue Feministinnen auf den Plan rufen wird.

Mir scheint, Frauen sind von Natur aus eher an friedlichen Lösungen interessiert. Aber ich fürchte, heute braucht es wieder mehr Kampfgeist. Insofern vielleicht auch neue Feministinnen, kämpferische. Ich selber mag Kämpfe nicht, sie schliessen Kommunikation aus. Ich glaube nicht an die positive Kraft von Kriegen. Es muss sich inwendig, in den Einstellungen und im Setting, etwas ändern. Und das geht nur langsam.

Braucht es den provokativen Feminismus einer Alice Schwarzer noch?

Ach, Alice Schwarzer, sie geistert immer noch herum. Ich meine das nicht herablassend, sie ist einzigartig, sehr temperamentvoll, und sie schiesst mit Lust übers Ziel. Ich mag sie in ihrer ganzen Ambivalenz. Ich mag mutige Frauen und Männer.

Was haben Sie gelernt aus den Lebensgeschichten Ihrer jungen Interviewpartnerinnen?

Es ist viel in Bewegung, aber es wird noch einiges brauchen, bis Frauen und Männer wirklich auf Augenhöhe sind und frei entscheiden können, wie sie leben möchten. Es hat mich erstaunt, wie wenig sich eigentlich geändert hat in den Beziehungen und Bedürfnissen, und wie sehr die vermeintlichen Möglichkeiten explodiert sind. Wir sollten auch nie vergessen, dass Europa eine kleine und fragile Kulturinsel ist. Die frauenverachtenden, nein, die menschenverachtenden Kräfte rundherum sind riesig und schrecklicher­weise im Aufwind.

Und was nahmen Sie mit aus den Lebensgeschichten Ihrer Grosseltern, die Sie in Ihren Büchern «Fleisch und Blut», «Die Frau des Metzgers» und «Ida – Eine Liebesgeschichte» verarbeitet haben?

Grosse Dankbarkeit. Sie haben so vieles gut gemacht, und sie waren sehr mutig und sehr tapfer. Wenn man genauer hinsieht, lief es doch seit Generationen auf ein Ja hinaus, damit es mich überhaupt geben konnte.

Sind Sie ein Familienmensch?

Ich bin beides, Familienmensch und Einsiedlerin. Ich bin extrem gern mit der Familie und Freunden, aber auch gern allein. Immer in Gesellschaft zu sein, würde ich nicht aushalten, immer allein zu sein, eher – vorausgesetzt, ich hätte Bücher und Papier zur Verfügung. (lacht) Lassen Sie es mich so formulieren: Ich bewege mich auch gern ausserhalb von Bindungen.

Ein paar Jahre Ihres Lebens haben Sie mit Mann und Tochter in Mexiko verbracht. Wie hat es Ihnen dort gefallen?

Es war fantastisch und anstrengend. Mexiko ist ein unglaublich vielschichtiges, intensives, kulturreiches, rätselhaftes, brutales und liebenswürdiges Land mit einer grossen Geschichte. Die Gegensätze sind nah beieinander, das macht es abenteuerlich. Heute ist Mexiko leider in den Händen böser Kräfte – die Narcos, also die Drogenkonzerne und jegliche Art von Mafia, wuchern nicht nur im Norden. Zuletzt war ich vor zwei Jahren dort, und es war sehr erschütternd.

Wie erlebten Sie das Land vor zwei Jahren?

Brutalität und mörderische Banden durchziehen das Land. Die Angst ist allgegenwärtig. Allerdings nicht in der Hauptstadt, Mexiko-Stadt ist weit sicherer als früher – dies, glaube ich, dank der Gentrifizierung, sprich der sozioökonomischen Aufwertung, und dank kluger Massnahmen der notabene linken Stadtregierung. Die Probleme haben sich aber einfach nur an die Peripherie verschoben. Man muss sich das vorstellen: Die ehe­malige Kindergärtnerin unserer Tochter fährt in einer biederen Kleinstadt morgens mit dem Bus zur Arbeit. Der Bus fährt unter einer Autobahnbrücke hin- durch – und dort baumeln drei Leichen. Das ist keine Filmszene, das ist real. Die Mafia ist allgegenwärtig. Auf europäische Dimensionen übertragen ist das so, wie wenn ganz Westeuropa in den Händen der Mafia wäre. Das ist alarmierend.

Was sagen Sie zu Donald Trump, der eine Mauer zwischen den USA und Mexiko errichten will?

Ausgehend davon, was man so von ihm zu hören bekommt, ist Trump für mich vor allem ein gerissenes und hoch neurotisches Grossmaul. Die Mexikaner können gut umgehen mit Grossmäulern, das haben sie historisch geübt. Trump überspannt den Bogen hoffentlich so schnell, dass sich früh vernünftige Kräfte zusammenraufen und ihm einen Riegel vor die Mauer schieben. Donald Trump wirkt auf mich hoch gefährlich, manipulierbar und manipuliert. Ich fürchte, da ist – ohne jetzt Verschwörungstheorien bemühen zu wollen – ein noch üblerer Hintergrund mit im Spiel. Leider lehrt die Geschichte, dass man die Wahnsinnigen und deren Sex-Appeal immer wieder unterschätzt. Man lacht, nimmt die Gefahr nicht oder zu spät wahr. Was wir jetzt brauchen, sind Synthesen, Verbindungen des Humanen, des echt Freiheitlichen, Aufgeklärten, Menschenwürdigen, und keine Aufspaltungen in eitle Kleingrüppchen, die alle ein bisschen Recht haben wollen. Ich glaube, es eilt.

Stichwort Synthese. Das führt mich noch zu einem ganz anderen Thema. Sie definieren Ihr Schreiben als einen Vorgang des Komponierens, des Rhythmisierens. Ist Sprache für Sie Musik?

Absolut. Sprache ist Klang. Sie ist vielschichtig und löst Gefühle aus und Einsichten. Das richtige Wort am richtigen Ort zur richtigen Zeit kann viel bewegen.

Sie bezeichnen Ihre Bücher als «dokumentarische Literatur». Verspüren Sie den Wunsch, auch mal einen Roman im herkömmlichen Sinn zu schreiben?

Ich habe kein Bedürfnis, erfundene Geschichten zu Papier zu bringen. «La réalité surpasse la fiction», ist eine alte Weisheit. Und letzten Endes schöpft jeder aus dem Leben, woraus denn sonst. In der Selbstbeschränkung auf die Sätze, die mir von anderen geschenkt werden, liegt für mich ein Abenteuer: Es geht vielleicht darum, in der Geschichte der anderen die eigene Spur zu finden. Selbstbeschränkung führt manchmal zu Reichtum. Und manchmal zu Selbsterkenntnis.

Was macht den Erfolg Ihrer Bücher aus?

Wenn man das wüsste! Ich setzte mich zeit meines Lebens mit Sprache auseinander. Es gibt zum Glück kein Rezept. Aber wenn Junge und Alte, Gebildete und wenig Lesende meine Bücher mögen, ist das für mich die grösste Wertschätzung.

Sie haben viele Gespräche geführt, mit jungen wie alten Frauen, mit jungen wie alten Männern. Was unterscheidet die Jungen von den Alten, was die Frauen von den Männern?

Erstaunlich wenig. Wir gleichen uns weit mehr als wir glauben. Uns alle eint das Bedürfnis nach Wärme, Treue, Freude, Anerkennung, Abwechslung, Sicherheit.

Braucht es da überhaupt einen Tag der Frau am 8. März?

Wirtschaftlich gesehen mögen solche Tage förderlich sein. (lacht) Natürlich ist es toll, wenn sich mein Buch an diesem Tag gut verkauft. Doch im Grunde genommen empfinde ich den Tag der Frau auch ein bisschen als Beleidigung. Tag der Frau, des Hundes, der bedürftigen Minderheit?

Wie viel Stress bringt die Gleichstellung der Frau für die Frauen mit sich, Stichwort Doppelbelastung?

Das Leben ist halt einfach ein Krampf und viel Arbeit. Wir dachten lange, wir seien auf dem Weg zu grösserem Wohlbefinden. Aber Wahlfreiheit bedeutet auch Stress und Überforderung. Die allgemeine Beschleunigung reisst stärker an den Frauen, weil sie oft in Sphären tätig sind, die keine Beschleunigung vertragen.

Wie dieses Dilemma lösen?

Wir sollten realisieren, dass man im Leben nicht alles haben kann und auch nicht alles haben muss. Wir können taugliche neue Lebensmodelle nur zusammen mit den Männern finden. Auch die Politik ist gefordert. Die Gesellschaft sollte Kinder- und Altenbetreuung sowie Elternarbeit besser honorieren. Die Firmen und ihre Shareholder sollten die Arbeitnehmenden auf Händen tragen und ihnen ein würdiges Leben zugestehen. Statt die Gewinne nur für untätige Aktionäre abzuschöpfen. Aber Lamentieren nützt nichts. Wir müssen fordern.

Welchen Einfluss haben Social Media auf die Beziehung der Geschlechter?

Wir befinden uns immer häufiger auf einem rauen Marktplatz – in ungenügender Bekleidung. Und realisieren allmählich, dass wir vorsichtig sein müssen. Man verliert sich schnell im Gewimmel. Alle rufen, und man hört sich nicht mehr. Das hat Konfusion und Verlorenheit zur Folge. Natürlich ist da auch die andere Seite der Medaille: Es entsteht Neues, wie immer auf Marktplätzen. Aber man muss gewappnet sein für diesen verrückten Markt.

Im Vorwort zum neuen Buch zitieren Sie Cees Nooteboom: «Wenn auf dieser Welt etwas zu begreifen war, dann musste das auf dem Weg über die Frauen geschehen». Begreifen Frauen die Welt besser?

Mir gefällt das Wort «begreifen». Ich denke, dieses Wort hat viel mit Frauen zu tun, mit Nähe, mit Verbindlichkeit. Und, ja, nach 58 Jahren auf dieser Welt bin ich – gegen meinen Willen – zur Vermutung gelangt: Frauen begreifen die Welt etwas besser, etwas umfassender. Aber sie erzählen zu wenig machtvoll davon.

Hinweis
Susanna Schwager liest am 27. April, 20 Uhr, im Zürcher Theater Rigiblick aus dem neuen Buch. Mit Bluesrock-Stimme Nadja Zela. Tickets: www.theater-rigiblick.ch oder Tel. 044 361 80 51.

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