INTERVIEW: «Ich bin kein Gegenwartsautor»

Michael Fehr ist einer der drei neuen Haus­autoren des Luzerner Theaters. Im Gespräch erklärt er, warum Literatur ohne Sarkasmus keine Literatur ist.

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Michael Fehr, neuer Hausautor am Luzerner Theater. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Michael Fehr, neuer Hausautor am Luzerner Theater. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Julia Stephan

Michael Fehr, Sie erfüllen gerade ein Autorenklischee.

Michael Fehr: Dabei bin ich gar kein Autor.

Kein Autor? Letztes Jahr erhielten Sie am Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt zwei Preise. Etwas muss doch dran sein an dieser Etikettierung.

Fehr: Sagen wirs anders: Ich denke, dass ich kein Gegenwartsautor bin. Die Literatur unserer Gegenwart beschreibt oft Zustände, im besten Fall seelische. Ich glaube aber, dass wir auf solche Zustände keinen Zugriff haben. Leben ist Bewegung, eine Geschichte muss handeln.

Das müssen Sie mir erklären. Gegenwärtige Prosatexte sind doch nicht handlungsarm.

Fehr: Ich will damit sagen: Meine Geschichten sind keine Erfahrungen von mir selbst, wie ich im Bus sitze, einen Freund treffe. So etwas langweilt mich.

Was ist für Sie eine wirkliche Geschichte?

Fehr: Märchen zum Beispiel! Märchen haben das Potenzial, über sich selbst hinauszugreifen. Eine Geschichte muss für mich total fantastisch sein und eindeutig im Sinn von starker Handlung, starken, überzeichneten Figuren. Figuren, die mehr einen Charakter an sich darstellen als einen Charakter in persona: etwa die Bosheit, die Liebe, die Wut.

Das klingt sehr barock – und damit tatsächlich etwas aus der Mode. Warum werden solche Geschichten nicht mehr geschrieben?

Fehr: Wir sind heute zu vielen Einflüssen ausgesetzt. Was es verunmöglicht, in völliger Isolation eine Nacht lang zu brüten. Schauen Sie sich ältere Texte an: Die sind nicht nur älter. Die sind schlicht besser als das, was wir heute sprachlich zu Papier bringen. Weil die Autoren ihre Sprache kultiviert haben. Wir nehmen uns zu wenig Zeit.

Wollen Sie sich für Ihr nächstes literarisches Projekt ganz zurückziehen?

Fehr: Ja. Noch weiss ich nicht, wo das sein wird. Es müsste ein Ort sein, an dem ich die Erde und ihren Wandel spüre. Weil das nun mal der Boden ist, auf dem unsere Existenz gründet. Und es müsste ein Ort sein, wo man die Belebtheit und Beseeltheit von allen Dingen wahrnimmt.

Gibt es Autoren, mit denen Sie dieselben literarischen Vorlieben teilen?

Fehr: Ja, zum Beispiel mit Michael Bulgakow (1891–1940). Ab und zu verweigere ich mich Leseempfehlungen und bemerke Jahre später: Das Buch ist wirklich brillant! So erging es mir mit Bulgakows «Der Meister und Margarita». In manchen Passagen bewegt man sich in einer fantastischen Welt, die aber nie überhandnimmt, sodass sie eine Ausstrahlung von Zugänglichkeit hat, die höchst verhängnisvoll ist. Daraus entsteht eine grosse Komik im Sinne eines sarkastischen Sich-Erhebens über die Kläglichkeit des Daseins. Für mich ist dieser Sarkasmus ein Grund, warum es mich so hinzieht zu den fantastischen, spirituellen, mystischen Leuten. Weil sie sich im besten Fall in einer Art Belustigung über das Leiden erheben.

Weil sie nicht in der Sentimentalität feststecken bleiben ...

Fehr: Genau. Das würde mir nicht reichen. Das heisst nicht, dass ich finde, man müsse sich über Gefühle hinwegsetzen. Man sollte sie nur kultivieren, sie nicht gar zu ernst zu nehmen. Gefühle sind eine wundervolle Dimension des Menschseins, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Wenn sie überhandnehmen, fangen sie an zu schaden. Literatur ohne Sarkasmus ist keine Literatur.

Sarkasmus ist für mich ein Weg der Distanzierung. Aber ist er auch ein menschlicher?

Fehr: Mann kann behaupten: Sarkasmus hat Biss, Schärfe, Härte. Sarkasmus ist für mich aber tatsächlich definiert als ein belustigtes Sich-Erheben über die Kläglichkeit. Kläglichkeit besteht aus Unvermögen, Angst, Verletzung und Sterben. Eine Geschichte zu erzählen, gelingt nur, wenn es auch gelingt, sich davon zu distanzieren. Das ist Glück. Damit es aber Glück ist, darf bei aller Distanzierung das Prinzip der Liebe nicht verloren gehen. Sonst kommt diese Härte, die nicht gut ist.

Ist Ihnen dieses Mitgefühl auch im eigenen Leben wichtig?

Fehr: Pure unbegründete Zuneigung zu geben, fällt mir nicht schwer, sie entspringt einem Gefühl. Hingegen pure, unbegründete Zuneigung zu bekommen, fällt mir nicht leicht. Ich möchte immer wissen, warum. Das ist aber ein Begehren, das in einem sehr unlustigen Sinn ins Nichts führt.

Michael Fehr

Lesung jst. Der Autor, Performer und Musiker Michael Fehr (33) hat in Biel literarisches Schreiben studiert. Fehr spricht seine Texte aufgrund seiner Sehbehinderung direkt in ein Diktiergerät. Beim Luzerner Verlag «Der gesunde Menschenversand» erschienen «Kurz vor der Erlösung» und «Simeliberg», eine ungewöhnliche Detektivgeschichte, für die er 2014 am Bachmann-Wettlesen zweimal ausgezeichnet wurde. Fehr ist Träger des Berner Literaturpreises und Schweizer Kurator des Projekts Babelsprech zur Förderung junger Gegenwartslyrik. In der Spielzeit 2015/16 ist er Teil des Hausautorenkollektivs am Luzerner Theater.

Hinweis

Literaturhaus Zentralschweiz (Liz) in Stans, heute Sa, 22. 8., 19.45 Uhr: Saisonauftakt mit Michael Fehr, Manuel Troller, Nora Gomringer, Philipp Scholz.

Öffentliche Proben des AutorInnenkollektivs des Luzerner Theaters: Michael Fehr, Ariane Koch und Dominik Busch. Südpol, 18. 9. und 25. 9., 20 Uhr.