Interview

Jane Birkin ist mit neuem Album zurück: «Heute habe ich niemanden mehr, auf den ich eifersüchtig sein könnte»

Nach dem Tod ihrer Tochter zog sich Jane Birkin zurück. Die Sängerin erklärt, wie sie den Schicksalsschlag verarbeitet hat und wie Corona ihren Alltag verändert.

Interview: Steffen Rüth
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Jane Birkin: Ein Leben voller Hochs und Tiefschläge.

Jane Birkin: Ein Leben voller Hochs und Tiefschläge.

Bild: Angela Weiss/AFP

Mehr Ikone geht nicht. Ob als Schauspielerin («Blow Up») oder als Sängerin des Kultsongs «Je t’aime ... moi non plus» mit ihrem damaligen Partner Serge Gainsbourg. Die Engländerin mit Wahlwohnsitz Paris ist seit über 50 Jahren eine der schillerndsten Persönlichkeiten des Showgeschäfts.

Aber die 74-Jährige kennt auch das Leid. Vor sieben Jahren starb ihre älteste Tochter Katy Berry bei einem Sturz aus dem Fenster. Lange verstummte Jane Birkin nach dem Schicksalsschlag, doch nun hat sie zum ersten Mal seit 2008 wieder ein Album mit eigenen Liedern aufgenommen. «Oh! Pardon tu dormais . . .» heisst es, melancholisch und textlich schonungslos intim.

Trauer spielt in Ihren neuen ­Liedern eine wichtige Rolle. Sie sprechen zum ersten Mal über den Tod Ihrer Tochter Kate. Fiel es schwer?

Jane Birkin: Nein, aber Kates Tod ist ein Schmerz, der mich immer begleiten wird. Ich denke ständig an sie. Ich schrieb die Worte vor Jahren in mein Tagebuch.

Ihr letztes Werk war eine sinfonische Neubearbeitung der Songs, die Serge Gainsbourg für Sie schrieb.

Serge hat mich immer aufgemuntert und ermutigt, meine eigene Stimme zu finden. Natürlich habe ich während unserer gemeinsamen Zeit in erster Linie seine Emotionen interpretiert, aber er war ein besonderer Mann. Ich habe das gern getan. Serge war oft traurig, das hört man in seinen Chansons. Ich bin dankbar, dass wir nach dem Ende unserer Liebe befreundet geblieben sind. Vielleicht sogar besser und enger befreundet als in den Jahren, in denen wir zusammen waren.

Wie kam es zu «Oh! Pardon tu dormais . . .»?

Mit den Liedern von Serge tourte ich mehrere Jahre um die Welt. Ich hatte nicht vorgehabt, ein weiteres Album zu machen. Aber mein Freund Etienne Daho hat nicht aufgehört, mich zu beknien, und schliesslich hat er mich zu dem Projekt überredet. Etienne sagte, er liebe mein Theaterstück «Oh! Pardon tu dormais . . .», das später zu einem Film verarbeitet wurde. 20 Jahre ist das schon her, wenn nicht noch länger. Ich zog mich zum Schreiben meist in unser Familienhaus in der Bretagne zurück. Etienne mochte meinen lyrischen Ansatz.

Ist Ihnen Eifersucht bekannt?

Eifersucht ist die dunkle Seite der Medaille. Du bist furchtbar verliebt und furchtbar glücklich, und im selben Augenblick bist du furchtbar eifersüchtig. Ich kenne das schreckliche Gefühl sehr gut. Aber Gott sei Dank ist das vorbei. Heute habe ich niemanden mehr in meinem Leben, auf den ich eifersüchtig sein könnte.

Ist Ihnen die Eifersucht abhandengekommen, weil die romantische Liebe fehlt?

So ist es. Die Liebe ist ein Delirium. Ich blicke zurück auf die eifersüchtige Frau, die ich einst war, und ich sehe ein wenig schmeichelhaftes Bild von mir. Die Person, die das Theaterstück «Oh! Pardon tu dormais . . .» geschrieben hat, ist nicht mehr die Person, die ich heute bin. Verzweifelte Liebe und Angst, jemanden zu verlieren, das alles ist nicht mehr Teil meines Lebens. Ich bin nicht mehr verzweifelt im wirklichen Leben. Nur auf diesem Album, da bin ich sehr verzweifelt.

Sie haben eine Liebesbeziehung einmal mit einer Sucht verglichen.

Ich hatte unglaublich bereichernde, aber eben auch unvorstellbar dramatische Liebesverbindungen. Ich muss das nicht mehr haben. Einige der Menschen, die ich liebte, sind Freunde geblieben. Ich habe es gut erwischt, ich empfinde Zufriedenheit und Dankbarkeit. Doch ich muss zugeben: Wenn ich alte Paare sehe, die auf der Strasse Händchen halten, dann werde ich neidisch und denke: Oh, wie süss! In diesen Momenten wünschte ich, das wäre ich. Aber ich war einfach nie die Art von Person, die es dauerhaft geschafft hat, zu lieben. Ich bin sogar Serge davongelaufen. Was soll ich sagen? Meine Lieben hielten nie.

Wissen Sie, woran das lag?

Damit eine Ehe oder eine Beziehung funktioniert, musst du immerzu Kompromisse machen. Das lag mir nicht. Meine Schwester kann das. Linda ist so ein glückliches Mädchen. Nie scharf auf Dinge, die andere haben. Glücklich mit dem, was sie hat. Sie liebt ihren Ehemann noch immer. Linda ist ein Mensch, mit dem jeder gern verheiratet wäre. Dagegen ich? Wirklich nicht!

Ihre jüngste Tochter Lou lebt in Paris, Charlotte wohnt mit ihrer Familie seit vielen Jahren in New York. Oft gesehen haben Sie Ihre Familie im letzten Jahr vermutlich nicht, oder?

Der zweite Lockdown ist nicht so schwer. Ich treffe mich weiter mit den alten Ladys, die ich liebe. Wir sind ein grosser Freundeskreis. Ich habe auch meine Kinder gesehen. Ich habe gar nicht gelitten. Aber beim ersten Lockdown war es schlimm. Ich liebe es, unter Menschen zu sein, mehr als alles brauche ich Gesellschaft. Aber ich war brav und klatschte jeden Abend den Krankenschwestern Beifall von meinem Balkon aus.

Sind Sie in Paris geblieben?

Ja. Ich sass zu Hause, war einsam und wartete auf einen Anruf von Charlotte oder Lou. Charlotte meldete sich fast jeden Tag, und Lou machte lustiges Zeug auf Instagram. Aber alle waren weg, raus aufs Land gefahren. Während ich doof war und in der Stadt ausharrte. Ich dachte, das macht mich irgendwie solidarischer. So nach dem Motto: Wir halten jetzt alle hier zusammen aus. Aber habe ich etwas Spannendes erlebt? Nein. Man hockt herum wie im Spital, ist gelangweilt und null kreativ und wartet darauf, dass sie einen wieder rauslassen.

Immerhin hatten Sie Ihren Hund Dolly.

Oh, Dolly. Meine süsse Bulldogge. Der Lockdown hat sie das Leben gekostet. Sie wurde so traurig und niedergeschlagen, weil ihr niemand mehr ein «Hallo, Dolly» zurief und sie auf der Strasse auch nicht mehr getätschelt wurde. Dolly war depressiv, und dann starb sie.

Das tut mir leid. Bei Ihnen hört man aber einen Hund.

Das ist Bella. Sie ist noch ein Welpe. Mein Bulldoggenmädchen. Wenn du allein lebst, brauchst du einen Hund. Sonst ist es zu trist. Bella sieht Dolly ganz ähnlich, ist jedoch vom Charakter das komplette Gegenteil. Dolly war ein Engelchen, Bella ist ein Biest.

Sie sind in den freizügigen Swinging Sixties in London gross geworden und seit dem Mystery-Thriller «Blow Up» 1966 im Showgeschäft erfolgreich. Was denken Sie über Feminismus oder MeToo?

Es ist interessant, dass Sie das ansprechen. Meine beste Freundin war gerade für zwei Tage zu Besuch. Wir sassen hier und haben stundenlang über diese Fragen gesprochen. Wir hatten uns einen Dokumentarfilm angeschaut über Jeffrey Epstein. Was für ein Monster! Ich dachte nur: Danke, lieber Gott, dass MeToo existiert und dass diese Gräuel nach und nach ans Licht kommen. Das Grossartige ist, dass sich diese Frauen heute auch mit viel Geld und guten Anwälten nicht mehr zum Schweigen bringen lassen.

Haben Sie jemals etwas Vergleichbares erleben müssen?

Nein, nicht annähernd. So war es nicht bei uns. Es gab diese kriminelle Energie nicht. Wir kannten keine Männer, die uns auf Inseln bringen und vergewaltigen wollten. Es war nicht so böse, niemand hat uns Angst gemacht.

Fehlt Ihnen auf der anderen Seite das unbeschwerte Flirtverhalten der Menschen von früher?

Ich weiss nicht, ob ich das wirklich vermisse. Ich bin fast 75 Jahre alt. Mich baggert keiner mehr an. Manchmal denke ich: leider. Aber es kneift mir glücklicherweise auch niemand mehr ungebeten in den Hintern.