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INTERVIEW: Julia Jentsch brilliert im Fernsehen

Man kennt sie aus Filmen wie «Die fetten Jahre sind vorbei». Nun brilliert Julia Jentsch im Fernsehen. Wir sprachen mit der Wahlschweizerin über Dreharbeiten, die Tücken der Provinz und gut gespielte Emotionen.
Susanne Holz
Kommt aus Berlin und lebt seit einigen Jahren in der Schweiz: Julia Jentsch. (Bild: Nadia Schärli (Zürich, 19. September 2017))

Kommt aus Berlin und lebt seit einigen Jahren in der Schweiz: Julia Jentsch. (Bild: Nadia Schärli (Zürich, 19. September 2017))

Interview: Susanne Holz

Sie ist die erste Fernseharbeit des 52-jährigen Filmregisseurs Hans-Christian Schmid («Nach fünf im Urwald», «Crazy», «Requiem»), und sie erntete viele Vorschusslorbeeren: die Krimiserie «Das Verschwinden». Nachdem sie diesen Juni beim Filmfest München uraufgeführt worden war, waren die Kritiker voll des Lobs für die achtteilige Miniserie, die das Fernsehen nun in vier Teilen zeigt. Die «Süddeutsche Zeitung» sprach von einem grossen Wurf und nicht weniger als einer Sensation, die «Welt» von existenzieller Wucht. Wir trafen Hauptdarstellerin Julia Jentsch in Zürich zum Gespräch – über die grossen Themen, die auch die Serie behandelt: Jugend und Provinz, Drogen und Heimlichkeiten, das Unglück der Jungen und die Ohnmacht der Älteren. Jentsch (39) spielt die alleinerziehende Mutter Michelle Gra­bowski, deren 20-jährige Tochter Janine spurlos verschwindet.

Julia Jentsch, was hat Sie an der Rolle der Michelle Grabowski fasziniert, einer Frau, die eigentlich immer nur drauf bekommt vom Leben und das eigene Glück schon lange aus den Augen verloren hat?

Nun, zunächst habe ich mich auf meine erste Zusammenarbeit mit Hans-Christian Schmid gefreut. Seine Filme wie «23» oder «Crazy» fand ich toll. Schmids Filme sind die Filme meiner Generation, und sie sind glaubhaft und überzeugend. Nach der Einladung zum Casting war ich neugierig und voller Vorfreude.

Und die Figur Michelle Grabowski?

Ich empfinde sie nicht als glücklos gescheitert. In ihrem Leben ist sicher nicht alles nach Wunsch verlaufen. Aber sie ist nicht am Leben verzweifelt. Ihr Beruf in der Pflege ist völlig in Ordnung: Sie hat ausreichend Geld, um für sich und ihre zwei Töchter zu sorgen. Sie hat sich gut eingerichtet. Ich habe mir beim Spielen vorgestellt, dass sie auch mal ausgeht, Dinge für sich macht. Wir haben uns am Set die Frage gestellt, ob man das zeigen sollte. Und haben beschlossen: Das braucht es nicht, weil die Handlung auf die Suche der Tochter fokussiert ist.

Sie spielen diese verwundete Frau reduziert, was den Charakter aber umso glaubwürdiger macht. Ist das Ihre persönliche Art zu spielen?

Das mit der Reduktion habe ich schon öfter gehört. (lacht) Ich kann dazu nicht viel sagen, ich nehme mir das nicht bewusst vor. Es ist wahrscheinlich meine Art und wird wohl so wahrgenommen. Ich versuche stets, eine Figur zu durchdringen, sie zu verstehen. Was sind ihre Konflikte? Wie das rauskommt, ist mir egal. Wenn ich das Gefühl habe, heftiger spielen zu müssen, spiele ich heftiger.

Hatten Sie eine Regieanweisung, sich zurückzunehmen?

Nein. Solche Anweisungen gibt es im Prinzip sowieso nicht. Man redet über die einzelnen Emotionen, darüber, ob man sie zeigt oder nicht. Und darüber, ob die Figur grade stark oder schwach ist.

Es gibt ein paar wenige, sehr berührende Szenen, in denen Sie weinen müssen. Weint man da richtig?

Früher hatte ich extreme Angst vor solchen Szenen, fand sie extrem schwierig. Ich hab mich aufgerieben aus Angst, die geforderte Emotion nicht zu haben. Sie zu haben, hat mit Vertrauen und Loslassen zu tun. Es gibt viele Möglichkeiten, starke Emotionen zu zeigen. Es muss nicht immer der grosse Heulkrampf sein – das ist nicht immer die stärkste Variante. Ich frage mich jeweils: Was empfindet die Person? Was habe ich Ähnliches erlebt? Im Idealfall erzeugt der Moment die Emotion.

Wie spielt man überhaupt?

Ich sammle Infos über die jeweilige Figur, die ich verkörpern soll. Dazu dienen mir Drehbuch wie die Gespräche mit den Kollegen. Das macht total Spass, zu erfahren, wie andere die Person sehen.

Der Dreh hat von August bis Dezember 2016 stattgefunden – wächst man da richtig rein in die Figur?

Ich hab schon gemerkt, dass ich immer vertrauter werde mit Michelle Grabowski. Auch interessant: Die Figur hat sich während des Drehs weiterentwickelt.

Sind Sie zufrieden mit Ihrer Performance?

Um das zu beurteilen, muss ich mir die Serie erst noch einmal anschauen – mit etwas Abstand. Sachen verschieben sich. Plötzlich findet man vielleicht ganz andere Momente emotional. Über die bisherige positive Resonanz bin ich froh, weil diese Serie aus dem Leben erzählt. Hans-Christian Schmid möchte Beziehungen aufschlüsseln. Nach den Szenen hat er uns oft gesagt: «Ich hab das Gefühl, das war jetzt auf den Punkt.»

Viele Zuschauer leben wie die Protagonisten dieser Kriminalgeschichte in der Provinz, haben Kinder, kennen die gezeigten Probleme. Ein hoher Wiedererkennungseffekt?

Filme von Hans-Christian Schmid haben grundsätzlich diesen Wiedererkennungseffekt, das hat mich immer an seiner Arbeit fasziniert. Er erzählt von Menschen und Orten. Und hat ein extrem gutes Gespür dafür.

Die Serie spielt in der bayerischen Provinz. Schmid ist auch von dort?

Ja.

«Das Verschwinden» ist zugleich Sozialkritik, Krimi, Drama, Coming-of-Age-Story – was hat Ihnen am Drehbuch am besten gefallen?

Mich hat die Krimi-Line fasziniert – wie dieser Fall gelöst wird. Dann die Familiengeflechte – was alle miteinander zu tun haben. Wer lügt, wer sagt die Wahrheit? Das finde ich total spannend.

Im Zentrum steht mit Ihrer Figur eine alleinerziehende Mutter. Froh über diesen Beitrag, eine Lanze für Alleinerziehende zu brechen?

Manche Figuren der Serie werfen Michelle Grabowski vor, nicht perfekt zu sein – dabei sind sie selber nicht so perfekt, wie es nach aussen den Schein haben soll. So etwas aufzuzeigen, finde ich schön. Aber es war nicht meine Absicht, eine Lanze für Alleinerziehende zu brechen, als ich die Rolle annahm.

Das Schönste an der Serie ist doch: Wirklich keiner ist hier perfekt.

Ja, das finde ich auch. Klar, alle sehen die verzweifelte Situation dieser Mutter, deren Tochter über Nacht verschwunden ist, und sie denken: Diese Frau ist gescheitert. Ich kenne im realen Leben aber viele alleinerziehende Mütter, die sehr gut zurechtkommen. Für mich ist das etwas Vertrautes – heute ist das nichts Besonderes mehr.

Michelle Grabowski hat auch einfach sehr viel Pech.

Das mag sein, ich wollte jedoch keine gescheiterte und glücklose Alleinerziehende zeigen. Weil ich das nämlich anders kenne und bewundere.

Sie haben eine sechsjährige Tochter. Half das mit, eine Mutter zu spielen?

Ich denke, es hat mir in gewissen Situationen geholfen, die Selbstverständlichkeit einer Mutter-Kind-Situation spürbar zu machen. Aber mehr noch als vom eigenen Muttersein hängt dieses Gelingen vom Partnerkind ab. Die Kleine, die meine jüngere Tochter spielt (Anne-­Marie Weisz als Evi Grabowski; Anm. d. Red.), war grossartig. Sie hatte eine tolle Eigenständigkeit. Wenn sie wollte, war sie voll in der Situation – ein Geschenk.

Beschäftigt es Sie bereits, ob Ihre Tochter Ihnen später mal entgleitet?

Im Moment ist es eher so, dass ich meine Mutter besser verstehe. Früher fragte ich mich oft: Wieso fragt sie das jetzt, wieso will sie das wissen? Das verstehe ich jetzt besser. Meine Tochter wird auch schon ein bisschen eigenständiger, obwohl sie noch klein ist. Seinem Kind zu vertrauen, ist wichtig. Es loslassen zu können, auch.

Die Eltern in der Serie wollen alle das Beste für ihre Kinder, schaffen es aber nicht. Ist das auch tröstlich?

Tröstlich fand ich, dass die Handlung aufzeigt, den anderen Ehrlichkeit zumuten zu müssen – die eigenen Schwächen anderen zumuten zu dürfen, sie zugeben zu sollen. Hier macht der Film Mut.

Nach so einem Dreh mit derart komplexer Handlung ... Begreift man hinterher das Leben besser?

Da die Geschichte in der bayerischen Provinz spielt, an der Grenze zu Tschechien, bin ich in letzter Zeit öfter gefragt worden: «Julia, warst du überrascht, dass da nicht alles idyllisch ist?» Oder: «Siehst du, in der Provinz ist es kaum auszuhalten ...» Ich kann mir diese Geschichte aber auch in der Grossstadt vorstellen. Dort gibt es noch mehr Drogen. Nur ohne die Grenze zu Tschechien.

Die Heimlichkeiten der Figuren, sind die nicht typisch Provinz?

Die gibt es in der Grossstadt auch. Was ist denn das Spezifische an der Provinz?, frage ich mich.

Ist es vielleicht die kleinere Auswahl an Menschen?

Das wollte ich grade sagen. Die Ratlosigkeit der Jugend gibt es aber überall.

Sie sind in Berlin aufgewachsen. Wie war es da?

Als ich Teenager war: Manche wollten nur weg, manche nicht, manche suchten lange nach ihrem Weg.

Ein grosses Thema der Serie ist die Lüge. Ich finde aber auch: der Mangel an Liebe. Von Eltern zu Kindern, von Mann zu Frau, Frau zu Mann.

Ich denke, das hängt alles zusammen. Wo viel Lüge und Heimlichkeit ist, ist die Beziehung gestört, und dann ist auch die Form der Liebe gestört. Menschen merken das vielleicht gar nicht, sie denken: Ich liebe diese Person ja. Aber sie sehen nicht, was sie braucht, wie es ihr geht.

Regisseur Hans-Christian Schmid musste den Überblick haben ... Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

Sie hat mir sehr gefallen. Seine Behutsamkeit, wie er an die Texte ranging, sie mit uns aufgeschlüsselt hat, wie er bis in den Dreh hinein offen und neugierig blieb – das alles hat einen Raum aufgemacht, um sich wohl zu fühlen.

Sind sich die Schauspieler näher­gekommen?

So nah, wie es gut für die Arbeit war. (lacht) Ich habe manche sehr ins Herz geschlossen und hoffe, dass ein Kontakt erhalten bleibt. Es waren sehr viele tolle Leute dabei, schauspielerisch wie menschlich.

Sie leben in der Schweiz. Wie lange schon?

Seit 2008 oder 2009. Ich bin wegen der Liebe hergezogen – ich hatte einen Schweizer kennen gelernt, in den Ferien. Daraus wurde etwas Festes. (lächelt)

Wie gefällt es Ihnen hier?

Bis jetzt fühle ich mich sehr wohl – es gefällt mir extrem gut. Zürich wird immer mehr meine Stadt, das war am Anfang nicht so. Aber nun entdecke ich vieles. Die Stadt wächst für mich. Und ich liebe die Natur, die Berge, die Seen, das ist superschön.

Sie sind sehr sportlich?

Es gab an meiner Schule sehr viele Sportarten. (schmunzelt) Ich bewege mich gerne. Ob Schwimmen, Wandern, Tanzen, ich mag gerne Unterschiedliches. Aber unregelmässige Arbeit erschwert regelmässigen Sport.

Waren die Szenen im Schwimmbad auf Sie zugeschnitten?

Nee, die waren einfach da.

Wie leicht konnten Sie sich als Berlinerin in das Leben in der Provinz hineinversetzen?

Ich fand die Herausforderung spannend und war neugierig. Doch ich hatte nie das Gefühl, das überhaupt nicht zu kennen. Es ist ja nicht so, dass ich noch nie in der Provinz war.

Im realen Leben – stellen Sie Mentalitätsunterschiede zwischen Ihrem Schweizer Mann und sich fest?

Unterschiede gibt es natürlich schon, aber mir liegt die Schweizer Mentalität im Prinzip. Das Ruhige, Zurückhaltende entspricht mir total.

Sie sind also nicht die typische Berlinerin, so wie man sie sich vorstellt – frech und forsch?

Wahrscheinlich nicht. (lacht) Obwohl ich mich gerne als Berlinerin sehe.

Blödes Klischee, oder? Oder ist was dran an den selbstbewussten Berlinern?

Ich bin da aufgewachsen, ich mag die grosse Direktheit. Der Berliner ist ehrlich. Ich kann damit umgehen, auch wenn er manchmal vielleicht nicht so höflich ist.

Sie spielen Theater, drehen Filme. Mögen Sie beides gleich gerne?

Beides, ja. Beides ist bereichernd. Es gibt Unterschiede und Ähnlichkeiten. Gerade habe ich Sehnsucht nach dem Theater, ich stand länger nicht auf der Bühne. Das Theater bietet die Chance, eine Figur immer wieder zu spielen, sie sich entwickeln zu lassen über die Jahre – das gibt es nur im Theater. Das ist ein Geschenk, etwas Besonderes.

Sie spielten – im Film – Effi Briest, Sophie Scholl. Sind Sie offen für jeden Frauentyp?

Es gibt an vielen Charakteren etwas, was mich interessiert. Es kommt auch gar nicht auf den Typ an, sondern auf die Art, wie man ihn spielt.

Zurück zum «Verschwinden»: Die «Süddeutsche» nannte die Serie eine Sensation. Freut Sie das?

Ich habe schon die unterschiedlichsten Erfahrungen mit Aussenwahrnehmung gemacht. Manchmal ist es schmerzhaft, wenn ein Film nach fünf Tagen schon wieder aus dem Kino raus ist, obwohl man ihn toll findet. Und der Regisseur diesen Film Jahre vorbereitet hat, und dann findet kein Austausch statt (das passiert manchmal einfach) ... Deshalb finde ich es sehr schön, wenn etwas wahrgenommen wird. Von daher ja, das freut mich.

Hinweis

Die vierteilige Serie «Das Verschwinden» (Deutschland/Tschechien 2017) wird die ARD jeweils von 21.45 bis 23.15 Uhr senden. Teil 1: «Janine», am 22. Oktober. Teil 2: «Weil wir euch lieben», am 29. Oktober. Teil 3: «Zwei Mütter», am 30. Oktober. Teil 4: «Eine Familie», am 31. Oktober.

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