Interview
Interview mit dem Tenor Mauro Peter: «Luzerner Liebespaar» in Salzburg

Der international erfolgreiche Tenor Mauro Peter über die Virus-Krise, grosse Premieren und eine Klassik ohne Frack.

Urs Mattenberger
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Zwischen Amsterdam und Wien jetzt im KKL: Der Luzerner Tenor Mauro Peter (33).

Zwischen Amsterdam und Wien jetzt im KKL: Der Luzerner Tenor Mauro Peter (33).

Bild: Corinne Glanzmann

Wir haben uns trotz Corona-Virus mit einem Händedruck begrüsst. Müssen Sie als Sänger mit vielen internationalen Terminen nicht strikt auf Abstand achten?

Mauro Peter: Nein, ich fühle mich diesbezüglich nicht in einer besonderen Situation. Und gerade meine Aufenthalte im Ausland zeigen mir, wie unterschiedlich die Massnahmen wegen des Corona-Virus in den einzelnen Ländern sind. Die Schweiz, würde ich sagen, ist da auf der sehr vorsichtigen Seite, wenn jetzt sogar Veranstaltungen ab 200 Personen verboten würden. Klar, in Mailand hat die Scala alle Vorstellungen abgesagt. Aber in Wien, wo ich gerade herkomme, laufen die kulturellen Veranstaltungen weiter, als wäre nichts geschehen.

Für Sie persönlich haben die Corona-Massnahmen bisher also keine Konsequenzen?

Nein, ich wasche meine Hände sowieso mit einer gewissen Regelmässigkeit, das gehört bei mir zur Grundhygiene (lacht). Jetzt mache ich das wohl noch konsequenter. Aber klar, bei Flügen wie jetzt von Wien nach Zürich merkt man schon, dass weniger Betrieb ist. Und wenn Veranstaltungen auf längere Zeit abgesagt würden, könnten die ausgefallenen Gagen auch Musiker und Solisten finanziell in Bedrängnis bringen.

Da dürfte von Vorteil sein, dass Sie im Ensemble der Zürcher Oper sind. Wie wichtig ist diese Erfahrung im Ensemble seit 2013 – und wie verträgt es sich mit Ihren Engagements in Amsterdam, Berlin oder Salzburg, wo Sie demnächst auftreten?

Grundsätzlich finde ich Ensembles sehr wertvoll nicht nur für die Sänger, sondern auch aus Sicht der Häuser. Diese schaffen damit eine lokale Verankerung, die allein mit Gästen nicht zu erreichen ist, und bauen junge Sänger auf. Aber das Opernhaus Zürich wusste schon zu Beginn, dass ich internationale Anfragen hatte. Damit ich solche annehmen kann, sind im Vertrag bloss zwei bis drei Produktionen in Zürich vorgesehen, wobei das Opernhaus in der Planung den Vorrang hat. Für mich ist das eine tolle Zusammenarbeit, für die ich sehr dankbar bin.

Nächste Woche singen Sie in Luzern den Evangelisten in Bachs Johannespassion, als Liedsänger widmen Sie sich Schubert oder Schumann. Aber in Zürich blieben Sie bisher vor allem der Mozart-Tenor. Was ist hier der nächste Schritt?

In der kommenden Spielzeit singe ich den Nemorino in Donizettis «Elisir d’ Amore». Auch das ist zwar eine Rolle für einen lyrischen Tenor und entspricht damit meiner Stimme, aber es ist ein wichtiger erster Schritt in die Stilistik der italienischen Oper. Da bin ich gespannt, wie sich das entwickelt. Ich bin zwar nicht übervorsichtig, aber will solche Repertoireerweiterungen auch nicht forcieren. Natürlich wird sich meine Stimme weiter entwickeln und wäre es schön, in weiter Ferne vielleicht auch mal den Lohengrin zu singen. Aber die Frage ist auch, was man dann nicht mehr singen kann, Mozart oder Liedrezitals zum Beispiel. Das wäre wohl ein zu hoher Preis.

Neu ist jetzt auch die Rolle des Evangelisten in der Johannespassion. Nur Rezitative zu singen – ist das attraktiv für einen Opernsänger?

Natürlich warten da viele Hörer vor allem auf schöne Arien oder Choräle. Auch ich schätze diese Arien und habe jene für Tenor oft gesungen. Aber die Rezitative des Evangelisten bieten viele, auch lyrisch-sensible Gestaltungsmöglichkeiten, ähnlich dem Lied, das ich sehr schätze. Deshalb war es schon lange mein Wunsch, in einer Bach-Passion den Evangelisten zu singen. Kürzlich hat es mit der Matthäuspassion unter Trevor Pinnock geklappt. Und jetzt bin ich froh, dass ich im KKL mit einem Luzerner Ensemble den Evangelisten in der Johannespassion singen kann.

Gehen sie den Evangelisten wie eine Opernrolle an?

Nein, aber man kann diesen Evangelisten unterschiedlich gestalten – als eher nüchternen Erzähler, als Kommentator oder als emotional beteiligten Zeugen des Geschehens. Als ich den Dirigenten Javier Illán fragte, in welche Richtung er sich das vorstellt, wehrte er zwar opernhafte Theatralik ab, und ich konnte ihn beruhigen, dass ich den Text ohne Handchoreografie und nur aus der Stimme heraus interpretiere (lacht). Aber Bach greift bei der Schilderung der Geisselung oder der Kreuzigung auch zu musikalisch drastischen Mitteln. Da darf man schon spüren, dass etwas Grosses passiert, das auch den Erzähler angreift. Als Evangelist beziehe ich ohnehin immer die Position von Jesus, obwohl ich gar nicht gläubig bin.

Als Ungläubiger den Evangelisten zu singen: Ist das doch eine Rolle wie in der Oper?

Nein, hier wie dort sind ja meine privaten Überzeugungen gar nicht gefragt. Meine Aufgabe als Sänger ist es, eine Figur aus der Musik heraus so überzeugend und lebendig wie möglich darzustellen. Und dass ich aus der Kirche ausgetreten bin, hat sowieso mehr mit politischen Aspekten der Religion zu tun. Den Ausschlag gaben Bischof Huonder und Äusserungen von ihm, die für mich schlicht und einfach homophob waren.

Inwiefern ist für Sie persönlich die Johannespassion von Bach dennoch ein spirituelles Werk?

Der Ort und die Art, wie Menschen heute Spiritualität erleben, ist ja individuell sehr verschieden, für viele ist es die Religion, für andere die Natur. Für mich ist das die Musik und speziell jene von Bach. Sie gehört für mich definitiv nicht in die Kategorie, wo man sich am Schluss eines Konzerts sagt: Das war nett – und wo gehen wir jetzt essen?

Sondern?

Bach geht mir sehr nahe und wirkt lange nach. An der Passion berührt mich besonders, dass Jesus von Anfang an weiss, dass es ganz schlimm kommt, dass er für die Menschen dieses grosse Opfer bringen und Leid auf sich nehmen muss. Die Mischung von Verklärung und Melancholie, die sich daraus ergibt, ist für mich gar nicht so weit weg von der romantischen Sehnsucht und unerfüllten Liebe in Liedern von Schubert oder Schumann.

Mit Ihnen und Regula Mühlemann machen zwei Sänger aus der Schweiz international Karriere, die beide aus Luzern stammen. Ist das Zufall oder sind hier die Voraussetzungen speziell?

Die Kinder- und Jugendchöre, die heute in der Kantorei fusioniert sind, garantieren natürlich keine Karriere, bilden aber schon eine gute Grundlage. Das zeigen neben Regula und mir viele andere Sänger, die zudem – wie ich auch – zum Teil im Chor Molto Cantabile gesungen haben. Sie haben vielleicht nicht diese Medienpräsenz, aber machen spannende, individuelle Karrieren. Speziell im Fall von Regula und mir ist, dass wir an den Salzburger Festspielen erstmals gemeinsam auf der Bühne stehen: Dass das Liebespaar in der «Zauberflöte» – sie als Pamina, ich als Tamino – aus Luzern kommt, ist doch eine besondere Premiere.

Veranstalter versuchen, für ein junges Publikum das Image der Klassik aufzufrischen. Sie wären dafür mit ihrem spontanen Temperament ein idealer Botschafter!

Das mache ich auch gerne! Wenn ich Schulklassen eine Einführung zu einer meiner Vorstellungen gebe, staunen die coolen Jungs, dass da einer in Sneakers und nicht im Frack erscheint. Die Klassik soll sich zwar nicht zwanghaft cool und hip geben – da hat sie gegen Justin Bieber keine Chance. Aber wir müssen jungen Menschen zeigen, wie aufregend klassische Musik selber ist. Und dass sie, wenn sie heute gespielt und gesungen wird, nicht verstaubt und uralt ist, sondern Musik von heute. Bilder auf Instagram gehören zwar heute selbstverständlich mit dazu. Aber weit vorne kommt an erster Stelle diese tolle Musik.

KKL

Das Konzert findet statt

Mauro Peter singt den Evangelisten in der Aufführung von Bachs Johannespassion durch die junge Accademia Barocca Lucernensis. Das Barockorchester und 16-köpfige Vokalensemble hat sich in Kirchen und auf CD («Sacred Music for Dresden Cathedral») mit historischer Aufführungspraxis profiliert und tritt unter Javier Ulises Illán erstmals im KKL auf. Die Vorstellung erfüllt die Auflagen der Behörden und findet als einziges Konzert bis zum 15. März statt. Nicht zugelassen sind Besucher, die sich in den 14 Tagen vor dem Konzert in Risikoländern aufgehalten haben. (mat)

Donnerstag, 12. März 2020, 19.30, KKL, Konzertsaal, Luzern