INTERVIEW: Sänger Ed Sheeran: «Niemand kauft meine Musik, weil ich so gut aussehe»

Der Brite Ed Sheeran ist längst zum neuen King of Pop aufgestiegen. Seine Konzerte werden immer grösser und sind trotzdem stets ausverkauft. Jetzt kommt sein drittes Album «÷».

Reinhold Hönle
Drucken
Teilen
Seine Konzerte sind stets ausverkauft: Sänger Ed Sheeran. (Bild: PD)

Seine Konzerte sind stets ausverkauft: Sänger Ed Sheeran. (Bild: PD)

Ed Sheeran, Ihr Album beginnt mit dem Song «Eraser». Was aus der Vergangenheit möchten Sie auslöschen?

Alles, was ich bisher erlebt habe, positiv oder negativ, hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. Daher möchte ich keine Erfahrung missen. «Eraser» ist vielmehr ein Loblied auf alles, was Schmerzen lindert – wie Musik, Bier und Freundschaft. Es geht also vor allem darum, Trost in den Dingen zu finden, die gut sind. Wenn ich jedoch etwas aus meinem Leben tilgen könnte, wären es unangenehme Menschen.

Sie wurden in der Schule gemobbt. Was raten Sie Jugendlichen, die Ihr Schicksal teilen?

Ich kann sie trösten: Sobald du aus der Schule bist, hilft es dir, wenn du deine Individualität auslebst. Und je mehr es dir gelingt, desto mehr kannst du erreichen, denn es macht keinen Sinn zu versuchen, jemand anders zu sein.

Wie haben Sie sich behauptet?

Ich bin nach der Schulzeit richtig aufgeblüht und habe gesehen, dass plötzlich die Leute, die mich gemobbt hatten, das schlechtere Leben führen. Am Ende gewinnt also, wer sich selbst bleibt.

Wie hat Ihre Freundin reagiert, als Sie ihr die Liebeserklärung «Perfect» zum ersten Mal vorgespielt haben?

Ich weiss nicht, ob sie in Tränen ausbrach. Ich habe ihr das Demo per Mail geschickt, da sie ein Jahr in New York lebte. Eine Weile haben wir die kleine Wohnung, die praktisch nur aus einer Matratze auf dem Boden bestand, geteilt.

Erhalten Sie Rückmeldungen von Ex-Freundinnen, die sich in Ihren autobiografischen Texten wiedererkennen?

Dauernd! Das Beste war, als ich ein paar Lieder über die Beziehung mit der Sängerin Nina Nesbitt geschrieben hatte und sie kurz darauf ein Album veröffentlichte, das sich fast nur um mich drehte. Ich freute mich und dachte: Cool, jetzt sind wir quitt! Endlich muss ich kein schlechtes Gewissen haben, weil mich eine Frau zu Songs inspiriert hat.

Sie schwärmen in Ihrem Hit «Shape Of You» von den Formen einer Frau. Wie sehen Sie sich selbst?

Ich bin keiner, der sagt, «Hey, sei so wie ich». Manchmal bin ich sogar sehr unsicher betreffend meines Aussehens. Ich hatte auf jeden Fall noch nie ein Sixpack. Ich bin mir bewusst: Niemand kauft meine Musik, weil ich so gut aussehe.

Müssen Männer nicht auch höheren Erwartungen entsprechen?

Ich glaube, die meisten Frauen bevorzugen einen Mann mit etwas Speck am Knochen, der mit ihnen auch mal eine Pizza essen und ein Bier trinken geht.

Sie sind der King und Adele ist die Queen of Pop. Was verbindet Sie?

Wir haben beide tiefe Wurzeln, kommen von ganz unten und ­haben uns live hochgearbeitet. Ich habe Adele erlebt, als sie 17 war. Sie spielte Bass und sang eine halbe Stunde. Danach waren alle sprachlos. Adele ist jedoch eine viel klassischere Sängerin – ich würde sie mit Shirley Bassey vergleichen. Mich selbst eher nicht.

Sie scheinen Gesellschaft zu mögen. Weshalb treten Sie trotzdem weiter solo auf?

Momentan fühle ich mich noch nicht so sicher, dass ich mich aus meiner Komfortzone heraus­wagen möchte. Wenn man weiss, dass man allein das Wembley-Stadion bespielen kann, setzt man sich nicht leichtfertig einem direkten Vergleich mit Kollegen wie Bruce Springsteen, John Mayer oder Taylor Swift aus, die schon seit Jahren mit Band auftreten.

Woher nehmen Sie das Selbstvertrauen, um allein vor vollen Arenen bestehen zu können?

Ich habe es erworben, als ich jeden Abend in irgendwelchen Pubs aufgetreten bin, welche die Leute nicht besucht haben, um mir zuzuhören, sondern einfach, um eine gute Zeit zu haben. Wenn du ihre Aufmerksamkeit trotzdem zu gewinnen vermagst, spielt es keine grosse Rolle mehr, ob es 5, 5000 oder 50 000 Leute sind, vor denen du spielst. Vor allem, wenn sie deine Musik lieben.

Interview: Reinhold Hönle

kultur@luzernerzeitung.ch