Interview
«Sind Jass-Karten rassistisch? Klar!»: Der Schweizer Nationalsport gerät in Erklärungsnot

Die deutsche Kulturwissenschaftlerin Susan Arndt über die Bedeutung von historischen Spielsujets, die sexistischen Folgen davon im Alltag - und Morddrohungen aus der Schweiz, die sie wegen ihrer Kritik am «Winnetou»-Glacé erhielt.

Benjamin Weinmann
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Susan Arndt, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin der Universität Bayreuth.

Susan Arndt, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin der Universität Bayreuth.

Bild: Zvg

In den USA gibt es neuerdings Spielkarten mit mehr weiblichen Figuren. Sind Schweizer Jasskarten sexistisch?

Susan Arndt: Leider ja. Sie sind sexistisch, so wie die meisten historischen Spielkarten. Der König ist mehr wert als die Damen, so wie im Wort Herr die Idee von Herrschaft anklingt. Zudem steht die Hierarchie, die Adelstiteln am meisten Wert einräumt, für eine längst vergangene politische Ordnung und deren gesellschaftliche Realität.

Sie sagen es: Es sind historische Karten, und als solche könnte man diese ja akzeptieren.

Natürlich darf man das. Doch wenn man sie als historisch akzeptiert und weiterhin damit spielt, muss man sich auch aktiv damit auseinandersetzen und sich fragen: Wofür steht diese Geschichte? Und finde ich das gut? Falls nicht, dann kann auch nichts gegen Neuerungen bei den Sujets sprechen.

Wofür steht denn die Geschichte?

Für die Dominanz des weissen, heterosexuellen Mannes. In dessen Normsetzung sind Menschen anderer Geschlechter sowie People of Colour einfach ausgeblendet, nicht repräsentiert. Die royalen Hierarchiestufen widerspiegeln zudem einen extremen Klassismus, der sich mit antiquierten Begriffen wie «Bube» oder «Under» auch gegen Männer richtet. Obwohl diese Begriffe nicht mehr zu unserem aktiven Wortschatz gehören, repräsentieren sie ein Weltbild, mit denen manche Menschen nicht brechen möchten. Und das drücken sie dann exemplarisch aus im Kampf für veraltete Kartenvisualisierungen.

Die Produzenten sagen, man wolle die Tradition dieser historischen Sujets bewahren.

Vielleicht scheint es manchen einfach, mit dem Argument «Es war schon immer so» längst überfällige Diskussionen auszubremsen. Doch am Ende geht es darum, eine tradierte Machtkonstellation zu erhalten, die weisse Männer als überlegene Norm setzt.

Wie meinen Sie das?

Sie sagen: «Dieser Zustand ist normal. So war es, so ist es, und so wird es auch in Zukunft sein.» Damit kultivieren sie die Huhn-oder-Ei-Frage. Sie möchten die Deutungshoheit über den Wandel in der Gesellschaft behalten, schliesslich haben sie nach wie vor am meisten Macht. Interessant ist doch auch, dass die Menschen bei neuen Medien flexibel sind. Der Wechsel von der CD zu Spotify, von der DVD zum Streaming? Kein Problem. Aber die Modernisierung von veralteten, diskriminierenden Spielkarten? Auf keinen Fall!

Sind die Karten auch rassistisch?

Klar. Es geht hier ja nicht nur darum, wer wie gezeigt wird, sondern wer überhaupt nicht repräsentiert ist. Und das sind Menschen, die nicht weiss sind. Die Hersteller gehen wohl davon aus, dass ihr Zielpublikum weiss sei. Doch die Gesellschaft umfasst viel mehr als weisse Männer.

Ein anderes, oft gehörtes Argument bei solchen Themen: Haben wir keine grösseren Probleme auf der Welt?

Ich halte es für falsch, verschiedene Transformationsprozesse gegeneinander auszuspielen. Letztlich muss vieles parallel und miteinander verändert werden. Eine der wichtigsten Herausforderungen ist es, dass sich viele Menschen nicht eingestehen möchten, dass Rassismus und Sexismus in der heutigen Gesellschaft nach wie vor existieren, oft auch im eigenen Unterbewusstsein und Handeln. Viele anerkennen zwar den Rassismus in den USA, nicht zuletzt im Zuge der «Black Lives Matter»-Debatte. Doch wenn es darum geht, die eigene Einstellung kritisch zu hinterfragen, kommt rasch eine extreme Abwehrhaltung hervor. Auch in der Schweiz.

Woran denken Sie?

Ich hatte mich vergangenen Sommer in dieser Zeitung kritisch über die Verwendung des «Winnetou»-Namens für den Glacé-Verkauf geäussert. Dies, nachdem im Land wochenlang über den «Mohrenkopf» debattiert wurde. Ich erhielt danach Morddrohungen aus der Schweiz.

Nur weil Sie den «Winnetou»- Namen kritisiert haben?

Ja. Auf der einen Seite sagen die Leute «Wir haben grössere Probleme auf der Welt», aber wenn es um die Lösung dieses angeblich unbedeutenden Problems geht, schreien sie Zeter und Mordio. Sagen zu können «Mich stört das nicht und ich finde das nicht rassistisch» ist eines der mächtigen, weissen Privilegien. Und um bei den Spielkarten zu bleiben: Es geht ja nicht darum, nur noch Figuren zu verwenden, die Frauen zeigen. Das wäre nicht inklusiv. Aber es geht um eine gleichberechtigte Darstellung. Nicht mehr und nicht weniger.

Andererseits: Wir sprechen hier bloss von Spielkarten. Weshalb ist eine Modernisierung da so wichtig?

Weil ihre Botschaft eben nicht harmlos ist. Und die lautet: Frauen haben weniger Wert, weniger Bedeutung in der Gesellschaft – und nicht-heterosexuelle Personen oder schwarze Menschen müssen gar nicht berücksichtigt werden. Solche Bilder verfestigen sich in unserem Unterbewusstsein. Und das hat Folgen bis in unseren Alltag hinein – bei der Unterrepräsentierung von Frauen in der Geschäftswelt, bei der Diskriminierung von People of Colour. Repräsentation ist extrem wichtig. Sei es durch eine schwarze Frau im Weissen Haus, oder eben nur schon auf einer Spielkarte. Das eine bedingt das andere.