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INTERVIEW: «So sieht Theater in seiner Urform aus»

Schauspieler Bruno Cathomas (52) erklärt, warum er während der Fasnacht keine Lust auf Maskerade hat und als Wilhelm Tell wie ein Hamster aussieht. Der Bündner inszeniert am Luzerner Theater demnächst Shakespeares «Sommernachtstraum».
Julia Stephan
Bruno Cathomas in dem zum Globe-Theater umgebauten Zuschauerraum des Luzerner Theaters. (Bild: Eveline Beerkircher (14. Februar 2018))

Bruno Cathomas in dem zum Globe-Theater umgebauten Zuschauerraum des Luzerner Theaters. (Bild: Eveline Beerkircher (14. Februar 2018))

Interview: Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Bruno Cathomas, Sie haben in Luzern die Chance, die Shakespeare-Komödie «Ein Sommernachtstraum» in einer Nachbildung des historischen Globe-Theaters zu inszenieren. Stand das schon immer auf Ihrer To-do-Liste?

Als ich sehr jung war, habe ich einmal Shakespeares Geburtsstadt Stratford-upon-Avon besucht und mir im Royal Shakespeare Theatre vorgestellt, wie es wäre, dort einen Shakespeare zu inszenieren. Ich hatte damals noch nicht mal eine Schauspielausbildung absolviert. Ich finde diese Raumsituation grossartig. So sieht Theater in seiner Urform aus: Man sitzt im Kreis, einer tritt in die Mitte und beginnt zu erzählen.

Welche Herausforderungen stellen sich für die Schauspieler, wenn das Publikum quasi im Feenwald steht?

Szenen, bei denen die Figuren nah beieinanderstehen, funktionieren nicht. Selbst die intimste Liebesszene muss auf Distanz gespielt werden.

Sie haben einen multiperspektivischen Blick auf den «Sommernachtstraum». Einmal haben Sie das Stück auf Rätoromanisch inszeniert, mehrere Male wirkten Sie als Schauspieler mit. Welche Figur ist Ihnen am nächsten?

Während meiner 25-jährigen Karriere bin ich Elfenkönig Oberon gewesen, habe Oberons Hofnarr Puck gespielt sowie Edelmann Lysander und Zettel. Bevor ich am Thalia-Theater in Hamburg den Oberon gab, war ich überzeugt, dass das Elfenpaar Titania und Oberon Scheissdreckrollen seien.

Das müssen Sie mir erklären!

Weil die das bunte Treiben im Wald nur beobachten. Ich lernte erst als Oberon, dass die zwei nicht nur stolz durch den Wald spazieren, sondern auch mit sich selbst kämpfen. Seither gibt es für mich keine Scheissdreckrollen mehr. Die Elfen vielleicht, aber die werden eh gestrichen.

Muss so ein Stück für einen selbst ein Rätsel bleiben, damit man so lange dranbleibt wie Sie?

Auf jeden Fall! «Macbeth» etwa habe ich einmal inszeniert. Zweimal war ich der Macbeth höchstpersönlich. Richtig verstanden habe ich das Stück deshalb bis heute nicht. Und auch beim «Sommernachtstraum» tut sich ständig Neues auf! Es ist ein schönes Märchen für Erwachsene. Das, was für unsere Tage Luc Bessons Science-Fiction-Film «Das fünfte Element» oder der Film «Matrix» sind. Es geht um Liebe, Schmerz, Verlustängste und Theater im Theater.

Was hält Sie so lange an diesen Themen fest?

Ich brauche Zeit, um in die Tiefe zu kommen. Für einen Künstler ist Zeit Luxusware. Früher hatten wir am Theater acht bis neun Wochen Probenzeit, heute fünf. Unter Zeitdruck kommst du in der Kunst nur auf ein Mittelmass. Warum haben wir im 21. Jahrhundert plötzlich keine Zeit mehr?

Welchen Figuren aus dem «Sommernachtstraum» würden wir im 21. Jahrhundert am ehesten begegnen?

Den Liebespaaren! Die sind in unserer Inszenierung überkandidelte, superreiche Städter – das Klischee der Zürcher Jeunesse dorée. Ein Milieu, in dem man sich vor lauter Geld und Geschmack in einer Attitüde verliert. Die kommen dann im Wald zu sich selbst.

Luzern hat gerade den Fasnachtsrummel hinter sich. Was ist gefährlicher, die Fasnacht oder das Schauspiel?

Alle drei Tage sitze ich in der Maske, damit ich in Köln den «Wilhelm Tell» spielen kann. Mit diesen roten Haaren und dem Bart sehe ich dann aus wie ein Biber. Da vergeht einem die Lust auf Maskerade. Ich bin während der Fasnacht aber hier gewesen und habe gestaunt, wie die sonst so zurückhaltenden Luzerner mich plötzlich auf der Strasse ansprachen. Einmal aus sich herausgehen und jemand anders sein ist eine tolle Psychohygiene. Als Berufsschauspieler versuchst du das gerade zu vermeiden. Du bleibst, wenn möglich, ganz bei dir.

Sie waren an der legendären Berliner Volksbühne sechs Jahre (1992–1998) unter dem ehemaligen Intendanten Frank Castorf engagiert. Wie stehen Sie zu dem Drama, den sein Rücktritt ausgelöst hat?

Ich finde es lächerlich. Ich war bei den Anfängen 1992 dabei. Wir verbuchten einen Zuschauerschwund von 90 Prozent. Man hat uns damals auch zum Teufel gewünscht. Jedenfalls habe ich die Lust verloren, auf diesem Niveau mitzudiskutieren.

Sie sagen, Sie würden bei jeder neuen Inszenierung als Schauspieler durch die Hölle gehen. Hat man es als Regisseur einfacher?

(Lacht.) Ich führe ja gerade Regie, damit ich als Schauspieler ein bisschen ruhiger werde. Als Regisseur muss ich cool sein, damit ich die Hysterie der Schauspieler besser auffangen kann. Man sollte sich auf der Suche nach seiner Figur auch verlieren dürfen.

Hinweis

«Ein Sommernachtstraum».

Luzerner Theater. Premiere: 23. 2. www.luzernertheater.ch

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