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INTERVIEW: «Unabhängigkeit ist uns wichtig»

Das Genfer Künstlerinnenkollektiv LGG$B veranstaltete seine erste Ausstellung in einer leer stehenden Genfer Wohnung. Im Vorfeld ihrer Ausstellung im Luzerner Kunstraum Sic! ein gemeinsames Nachdenken darüber, was es bedeutet, ein Kollektiv zu sein.
Julia Stephan
Von links: Loren Kagny, Gaia Vincensini, Sabrina Röthlisberger und Giulia Essyad im Sic!. (Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 9. Februar 2018))

Von links: Loren Kagny, Gaia Vincensini, Sabrina Röthlisberger und Giulia Essyad im Sic!. (Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 9. Februar 2018))

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Loren Kagny, Gaia Vincensini, Giulia Essyad und Sabrina Röthlisberger. Fast hätten wir mit Ihnen ein Fotoshooting während der Luzerner Fasnacht gemacht. Wäre das eine gute Idee gewesen?

Giulia Essyad: Auf jeden Fall! Man kommt an der Fasnacht mit Traditionen und Symbolen in Berührung, die in einer Kultur seit Jahrhunderten weitergegeben werden. Das hat etwas Grenzüberschreitendes. Für mich ist die Fasnacht eine Art Gruppentherapie. Man arbeitet sich als Gemeinschaft durch Themen hindurch. Ein äusserst spannender Prozess.

... den Sie als Kollektiv gut kennen! Wie haben Sie sich kennen gelernt?

Loren Kagny: Zunächst waren nur Giulia und ich miteinander befreundet. Auch Sabrina und Gaia verband eine enge Freundschaft. Erstmals begegnet sind wir uns dann im Jahr 2014. Wir fanden uns sofort, weil wir alle vier dieselbe Obsession mit ausgefallenem Make-up und Kleidern teilen.

Für die erste Ausstellung als Kollektiv haben Sie in Genf eine leer stehende Wohnung besetzt. Gabs in Genf keinen Offspace, der Sie ausstellen wollte?

Gaia Vincensini: Wir hatten keine Lust mehr zu warten. Also haben wir die Türen leer stehender Gebäude aufgebrochen. Von denen hat es während der Genfer Immobilienkrise sehr viele gegeben. Sabrina Röthlisberger: Wir haben vom Treppenhaus bis in die einzelnen Wohnräume hinein ganze Wände bemalt und auf dem Balkon Barbecues veranstaltet.

Ging damit auch die Er­findung eines neuen Ausstellungsformats einher?

Gaia Vincensini: Dass wir bei dieser ersten Zusammenarbeit die komplette Kontrolle über die Präsentationsform hatten, hat, so scheint es mir, die Art und Weise, wie wir heute mit Menschen aus dem Kunstfeld interagieren, doch sehr geprägt. Unabhängigkeit ist uns sehr wichtig. Uns ist sehr bewusst, dass diese Freundschaft und Zusammenarbeit, die wir pflegen, unter visuellen Künstlern ziemlich selten ist.

Wie reagiert das Umfeld?

Loren Kagny: Vor allem viele Männer sagten am Anfang: «Seid ihr verrückt?» Das sei doch schlecht für die Karriere. Auch an den Kunsthochschulen fehlte da lange die nötige Sensibilität.

Giulia Essyad: Wir nehmen auch vermehrt wahr, dass neue Kollektive entstehen. Vielleicht ist es ein Bedürfnis unserer Generation? Sabrina Röthlisberger: Unsere heutige vierjährige Zusammenarbeit beweist, dass es ein bereichernder Prozess ist. Für mich hat sie auch eine heilende Kraft. Man überwindet Unsicherheiten viel leichter. Man ist weniger individualistisch, fokussiert sich nicht nur auf seine Künstlerkarriere. Und man wird politischer. Was bedeutet es, ein Kollektiv zu sein, das sich aus vier Frauen zusammensetzt?

In Luzern zeigt ihr unter dem Ausstellungstitel «Swiss Witch» Arbeiten im Kunstraum Sic!. Die Frakturschrift eures Flyers löste bei mir zunächst Irritation aus. Sie erinnert an faschistische Propagandaflugblätter.

Giulia Essyad: Wir verwenden gerne Dinge, die durch ihre ­vielfache Verwendung in der ­Geschichte mehrdeutig sind.

Gaia Vincensini: Es geht uns dabei um die Rückaneignung von Dingen, die lange von einer Ideologie überfrachtet waren. Wir sind uns als Künstlerinnen sehr bewusst, dass verschiedene politische Strömungen zu allen Zeiten auch die visuelle Bildsprache beeinflusst haben. Taucht man da mehr ein, wird einem bewusst, wie auch die heutige Ästhetik von unserem politischen System beeinflusst wird. Wir sollten das als Künstlerinnen unbedingt reflektieren.

Giulia Essyad: Der kubanische Künstler Félix González-Torres hat einmal gesagt: «Wenn du denkst, du könntest etwas tun, das keinerlei politische Bedeutung hat, irrst du dich. Ideologie ist überall. Du kannst still sein. Aber selbst diese Stille wird sich mit Bedeutung auffüllen.»

Hinweis

LGG$B, «Swiss Witch». Sic! Raum für Kunst, Neustadtstrasse 29,

Luzern. Öffnungszeiten: Do/Fr, 15 bis 19 Uhr; Sa, 14 bis 17 Uhr. An der Finissage am 10. 3. findet das Künstlerinnengespräch «We want to talk» statt (Beginn: 18 Uhr).

www.sic-raum.ch

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