Konzert im Neubad: Irgendwo zwischen Lebensfreude und Herzschmerz

Musikalische Kontraste im Neubad: Freie Improvisation im Trio und orchestrales Songprogramm waren Pool-Menu übers Wochenende.

Pirmin Bossart
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Pierre Omer und The Night Cruisers.

Pierre Omer und The Night Cruisers.

Bild: PD

Seit seinem Ausstieg bei The Dead Brothers hat ihr Mitbegründer Pierre Omer vielfältig von sich hören lassen: mit eigenen Alben, einer Swing Revue, als Produzent von Mama Rosin oder als Soundtrack-Komponist. Am Samstagabend stellte der Genfer mit den achtköpfigen The Night Cruisers sein neues Album im Neubad vor.

«Let me tell you about the silence of cruisin’», hebt er im ersten Song an und gibt damit einen Vorgeschmack auf ein Dutzend Stücke, die sich darin ähneln, dass sie irgendwo zwischen Lebensfreude und Herzschmerz sanfte Wirkung entfalten. Young Gods-Schlagzeuger Bernard Trontin gibt dem Orchester in der hallenden Akustik ein gut kalkuliertes Rückgrat. Nicht zu heftig, eher laid-back, immer wieder prägnant.

Atmosphärisch dunkler Folk, US-Musik mit weissen Wurzeln und Morricone-Western-Sphären durchziehen die Songs. Manchmal sind Spuren von südosteuropäischer Volksmusik auszumachen. Lee Hazelwood-Schmalz, eine tänzerische Swing Nummer, gar ein Cover von Bob Dylans «Love Minus Zero» wärmen das gute Bauchgefühl. Eine Hawaiigitarre gehört ebenso zum Klangbild, wie die drei Streicher, die Back-Sängerin und Gitarristin Maude Steiner oder das Banjo von Christian Aregger (Blind Butcher). Er hat das neue Album «Time Flies» miteingespielt.

Der Pool ist locker besetzt, die Atmosphäre ist feierlich dunkel. Ein Ambiente für diese alte Seelenmusik zwischen Wehmut und Heiterkeit, die perfekt in die surreale Coronagegenwart passt, aber gerade deswegen noch ein wenig Schrägheiten und Punk vertragen würde.

Ein experimentierfreudiger Soundtrack entsteht am Abend zuvor, am gleichen Ort: Christoph Erb (Saxofon), Magda Mayas (präparierter Flügel) und Gerry Hemingway (Drums) spielen frei. Während 45 Minuten entwickeln sich monochrome Klangteppiche mit Ostinati, repetitiven Patterns und mikrotonalen Verfärbungen. Das Trio spielt das erste Mal zusammen, seine Energie erreicht trotz hohem Level an Soundkultur noch nicht Bezwingendes.

Erb fokussiert sich in überraschender Konsequenz auf lange Klänge und die Feinheiten des Sounds. Wie alle im Trio, vermeidet er jeden Jazz und jedes Solo. Mayas generiert mit Holzstäben und Metallteilen im präparierten Flügel sowie ihrem glockenartigen Tastenspiel eine karge und geheimnisvolle Soundwelt. Hemingway unterstützt und kreiert mit zugleich vitalen und sensiblen Spiel das Entstehende.

Die Musik sucht in der Reduktion ihre Entfaltung. Das führt zu einer kontemplativen Textur feinster Regungen. Mit dem letzten Stück wendet sich das Blatt: Jetzt gewinnt die Musik plötzlich an Ausdruckskraft, regte sich Austausch, werden Leidenschaft und Lockerheit spürbar, was zuvor zu kurz gekommen ist – Musik, die man gerne mit nach Hause nimmt.