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«Cybercity»: Ist es wirklich das, was ich will?

Das Jugendprojekt «Cybercity» des Luzerner Theaters bespielt eine visionäre Welt. Im multimedialen Wirrwarr der Viscosistadt muss sich jeder Besucher seine eigene Geschichte bilden. Doch die düstere Grundrichtung lässt einem wenig Wahlfreiheit.
Roman Kühne
Ist die Zukunft schon da? Szene aus «Cybercity», selbst fotografiert von jemandem aus dem jungen Ensemble. (Bild: Luzerner Theater, März 2019)

Ist die Zukunft schon da? Szene aus «Cybercity», selbst fotografiert von jemandem aus dem jungen Ensemble. (Bild: Luzerner Theater, März 2019)

Ist die Frau, die an der Türe steht eine Zuschauerin, oder spielt sie schon mit? Der Mann an der Bar? Ist sein Bier seine virtuelle Realität, oder trinken sie gar zusammen? Und die Frau, die am Seil Akrobatik macht, ist sie es wirklich? Oder doch nur Projektion und Zwang von anderen?

Realität oder Fiktion, er oder ich, heute oder morgen? Die Grenzen zerstäuben. Es ist eine ferne Fantasterei aus Maschinen, Menschen und ihren elektronischen Traumgebilden. Wie ein surreales Bild entblättert sich «Cybercity» in den ehemaligen Fabrikhallen der Viscosistadt.

Es ist nach «No Future Forever» das zweite grosse Jugendprojekt des Luzerner Theaters. Über mehrere Monate probten, werkten und arbeiteten über 30 Jugendliche und Studierende der Hochschule Luzern an einer, nicht mehr ganz so fernen Zukunftsvision des perfekten, digitalen Lebens (vergleiche Ausgabe vom letzten Montag).

Die Zukunft ein Trödelladen?

An der Premiere am Samstag durfte das Publikum in diese erfundene (?) Welt eintauchen, öffneten sich die Tore zum Disneyland der Selbstbefreiung. Oder wohl eher zum London Dungeon, dem berühmten Museumskerker mit all seinen Attraktionen. Denn was sich hier in den Fabrikhallen entfaltet, ist mehr das diabolische Augenleuchten eines Dr. Mabuse als heile Mickey-Welt.

Dies beginnt bei der Ausstattung. Eine wilde Lumpen­wirtschaft kreiert Dickicht und ­Beklemmung. Überall hängen Kabel. Die Bildschirme flimmern und erzählen. Netze verdunkeln, ein Teddybär baumelt von der Decke, ein Arm liegt auf der Bar. Maschinen, ein Operationsraum, Perücken, aufgebaute Treppen, Tische mit Texten und Büchern, Kommandozentralen, Chemietabellen – die Masse an Material erschlägt und fasziniert in einem.

Der Dachraum ist als gigan­tisches Geflecht gestaltet. Ein Netz, aus dem die Figuren sich in ihre neue Unterwerfung geben. Die Regie von Mirko Borscht folgt hier der typischen «Kunst»-Lesart unserer Zukunft. Ob im Film «Ready Player One», der letztes Jahr im Kino lief, oder auch seine eigenen Produktionen, wie beim Schauspiel «Auftrag» am Gorki- Theater Berlin, wo die Kritik von «futuristisch, kalt und aseptisch» schrieb: Fast immer wird die Zukunft negativ dargestellt.

Nicht überraschend, aber gut erzählt

Auch die Handlung von «Cybercity» folgt dem düsteren Setting. Wobei es eher Momentaufnahmen sind. Das Publikum ist frei, sich durch die Säle und Geschosse zu bewegen. Die gemeinsame Einleitung zum Stück vor der grossen Leinwand gibt – vielleicht etwas plakativ – die Denkrichtung vor. Eine Welt, in der Fantasie und Lüge das Reale bilden. Eine in die Zukunft verlegte Gegenwartskritik. Cyberreality und Avatare als Grundexistenz.

Die Zuschauer, die «Auserwählten», werden einzeln aus dem Saal geführt, in hintere Räume geleitet und sich selber überlassen. Jeder kann und muss sich sein eigenes Theater bilden. Durch Räume schlendernd, gelangt man oft eher zufällig an eine Handlung. Im Kommandoraum herrscht kurzzeitig helle Aufregung. Cyborgs sind ausser Kontrolle! Sie haben einen Menschen dazu gebracht, sich umzubringen. Cheftechniker «Red» weiss nicht weiter. Die Cyborgs haben den Computercode in eine ihm unbekannte Sprache transformiert.

Nicht überraschend, aber gut erzählt. Die zehn zufällig anwesenden Zuschauer lauschen gebannt. Nach fünf Minuten ist der Spuk vorbei, alle Schauspieler wieder verschwunden. Wie kurze Selfies reihen sich Eindrücke aneinander. Die jungen Schauspieler agieren überzeugend, bewegen sich geheimnisvoll durch Raum und Zeit. Es ist ein stetes Bewegen, Kommen und Gehen.

Mittelalterlicher Sühnezug

Wenige Male wird die Masse zum Gesamtbild vereint. Wie in einem mittelalterlichen Flagellatenzug singen Gäste und Spieler «Halber Mensch … halber Mensch … halber Mensch». Wobei der Singsang erst medial unterstützt zur Grosskundgebung anschwillt. Überhaupt sind es live geschnittene Filmsequenzen und schattige Einspielungen diverser Geschehnisse, die dem Stück Zusammenhang und Spannung verleihen.

Die Grossleinwand im Begrüssungssaal, Projektionen an Motten-Netze, Bildschirme und Kameras ziehen sich wie ein roter Faden durch das Geschehen. Den Klang zur düsteren Utopie liefert ein Septett aus Streichern, Bläsern, Synthis und Drum. Sphärisch abgehoben oder sarkastisch kurz werden flackernde Handlungslichter ausgeweitet. Es sind drei Stunden Abenteuer, ein Fall aus Zeit und Gegenwart.

«Cybercity» in Viscosistadt, ­Emmenbrücke: Acht weitere Vorstellungen bis zum 18. April. Infos: www.luzernertheater.ch

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