Revue-Hit
«James Bond» lebt hier nicht mehr: Zwei Bühnenstars wetzen ihre feministischen Krallen

Die rote Zora des Theaters, Fabienne Hadorn und die Kommissarin aus «Der Bestatter», Barbara Terpoorten drehen auf: Die Bühnenshow «Der neue Prinzenspiegel» ist ein irrer Mix aus «Cats», einer Lachnummer mit Hanna Arendt und «James Bond».

Daniele Muscionico
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Tango infernale mit Fabienne Hadorn (links) und Barbara Terpoorten. Die Gruppe Mass & Fieber zeigt auf einer Tournee durch die Schweiz ihr Stück «Der neue Prinzenspiegel» .

Tango infernale mit Fabienne Hadorn (links) und Barbara Terpoorten. Die Gruppe Mass & Fieber zeigt auf einer Tournee durch die Schweiz ihr Stück «Der neue Prinzenspiegel» .

Ariane Pochon

Das ist die ultimative Show für Bond-Fans, die darauf warten, dass der nächste 007 weiblich ist: Denn um einiges schneller als Hollywood reagiert die Schweizer Autorin Brigitte Helbling. Ihr Coup «Der neue Prinzenspiegel oder Fanny und Isabella sind tot» ist etwas vom Irrsten, was derzeit auf einer Frauenpower-Bühnen geschieht. Die Gruppe Mass & Fieber war auch während Corona an der Arbeit und zeigt eine Agentinnen-Geschichte mit Gstaader Stallgeruch.

Mit «Fanny» (der Walliser Barbara Terpoorten) und «Isabelle» (Fabienne Hadorn) bekommt das Schweizer Theater die zeitgeistigen Schwestern von «Hanni und Nanni» geschenkt. Doch der Sister Act nach Art von «Mass & Fieber» löst keine Internatskrimis auf; Frau hat ihr Wirkungsfeld erweitert und berät die globale Machtelite in strate­gischer Auftrittskompetenz.

Macht macht munter

Man wird den Plot zwar kaum durchschauen, tant pis. Er ist um Kopfhöhen das Mittelmass überragend, literarisch vom allerfeinsten, doch um einige Armlängen zu ambitioniert. Helbling hat eine Zwei-Personen-Revue aus «Bond»-Allüren und Musicalelementen geschrieben, in deren Zentrum die beiden Businessladys und ihr Buch stehen, ein Leitfaden, wie man mit allen Mitteln alle Macht erreicht: «Der neue Prinzenspiegel (auch für Prinzessinnen geeignet)». Die Buchver­nissage ist Anlass der Bühnenshow, und Niklaus Helblings Regie ist ein Highlight an Personenführung.

Das ist klug gedacht und witzig gemacht, doch man muss wissen: Der fiktive Ratgeber kolportiert Machiavellis «Fürstenspiegel», jene frühe Regierungsanleitung, von der wir heute vor allem das verkürzte Zitat kennen: «Der Zweck heiligt die Mittel.» Machiavelli ist der Urvater der alternativen Wahrheiten und der temporären Amoral, deren sich bis heute Machthaber zu gerne bedienen.

Die Stunde der Jacqueline Brel

Kurz gesagt, hart geurteilt: Helblings Stück, ihr Rückgriff auf Machiavelli und andere Geistesgrössen ist ein Klugscheisser und eine Rampensau. Es hievt an Fussnoten ganze Philosophieseminare auf die Bühne: Und nicht jede Fracht ist so erfrischend wie das Lachen der Hanna Arendt, die hier hell ab Band schallt.

Und trotzdem ist der Abend pures Glück. Denn er lebt davon, dass sich die Schauspielerinnen mit allen Fasern zur Verfügung stellen. Sie tun das mit ihrem Können (Singen) und mit ihrem Wollen (Tanzen): Barbara Terpoorten (aus «Der Bestatter») juckt es stets im falschen Moment in den Musicalbeinen. Fabienne Hadorn wiederum ist mit der Schnulze «Ne me quitte pas» die überzeugendste Jacqueline Brel.

Überhaupt Fabienne Hadorn, die rote Zora des Schweizer Theaterschaffens. Man kann sich an ihr nicht sattsehen. Ungestüm und leidenschaftlich mischt sie seit Jahren mit ihrer Energie das freie Theater der Schweiz und die Institutionen auf; und dass sie auch eiskalt-manierlich sein kann, bewies sie im Luzerner «Tatort»-Team. Mit Kollegin Terpoorten auf der Bühne hat ihr Helbling eine Rolle auf den Leib geschrieben, die passgenauer nicht sein kann.

Bis 5. Juni Vorstellungen an der Winkelwiese in Zürich, dann in Aarau, Baden, Basel und weiteren Orten.

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