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JAZZ: Ein Besessener und Getriebener

Der Schweizer Stimmakrobat Andreas Schaerer reiht Erfolg an Erfolg. Im Dokfilm «Der Klang der Stimme» ist er jetzt auch im Kino zu bestaunen. Sein neustes Bandprojekt ist ein erster Höhepunkt im noch jungen Jazz-Jahr.
Stefan Künzli
Andreas Schaerer lässt Weltstars wie Bobby McFerrin alt aussehen. Bild: Fotosolar (Bild: Fotosolar)

Andreas Schaerer lässt Weltstars wie Bobby McFerrin alt aussehen. Bild: Fotosolar (Bild: Fotosolar)

Stefan Künzli

kultur@luzernerzeitung.ch

«Das ist Zirkus. Das gehört nicht in ein seriöses Studium», sagte der Dozent zum jungen Musikstudenten Andreas Schaerer, als dieser mit seiner Stimme eine Trompete imitierte. Doch der Student liess sich glücklicherweise nicht entmutigen. Weil es keine gängige Literatur gab, entwickelte er einfach ein eigenes ­Vokabular, eigene Stimminstru- mente für seine eigenen Kompositionen. Eigentlich hat er immer ausserhalb der Norm gesungen. Schon als kleiner Knopf habe er die Struktur des ‹Plättlibodens seiner Tante› besungen», erzählt Andreas Schaerer im Dokfilm «Der Klang der Stimme» von Bernhard Weber, der bei den ­Solothurner Filmtagen den Prix public für den beliebtesten ­Publikumsfilm gewann.

Der 41-jährige Andreas Schaerer ist ein Stimmwunder, ein Vokalakrobat, der mit seiner Stimme in neue Universen vordringt und den Zuhörer in Staunen versetzt. Ständig ist er daran, sein Vokabular zu erweitern. Momentan übt er Klick- und Schnalzrhythmen, erzeugt dazu mit den Backenmuskeln ein Pfeifgeräusch und singt darüber aus der Nase. Alles gleichzeitig! Ohne Tricks und technische Hilfsmittel. Wie macht er das bloss?

Der Mainstream klopft an

In der Schweizer Jazzszene hat er längst seine Spuren hinterlassen. Als Musiker, Komponist, Lehrer, Antreiber, Impulsgeber, Vorbild, Aushängeschild und Leitfigur ­ für den jungen, aufstrebenden Schweizer Jazz. Vor zwei Jahren wurde er in Deutschland mit einem «Echo» in der Kategorie für den besten internationalen Jazzsänger ausgezeichnet. Seither reissen sich Veranstalter aus aller Welt um den Wundersänger aus der Schweiz. Schaerer musiziert in der Champions League des europäischen Jazz und lässt seine einstigen Idole wie Bobby McFerrin alt aussehen.

Und plötzlich klopft sogar der Mainstream an Schaerers Tür. Das SRF-«Regionaljournal» interessiert sich für ihn, und vor kurzem war er zu Gast bei «Aeschbacher». Erstaunlich für einen Neutöner und Avantgardisten wie Schaerer. Oder vielleicht gerade nicht: Denn bei aller Experimentierlust hat Schaerers Kunst auch einen hohen Unterhaltungswert. Und er selber wirkt nicht abgehoben, ist ein umgänglicher, unkomplizierter Typ.

Und jetzt verblüfft er seit zwei Wochen auch die Kinobesucher in der Schweiz. Schon über 4500 Besucher haben den Film gesehen, der in den Kinocharts von letzter Woche sogar «Papa Moll» hinter sich gelassen hat.

Auftragswerk für die Sinfonietta Basel

Schaerer ist ein Besessener, ein Getriebener. Ein Arbeitstier auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Sein letztjähriges, gefeiertes Werk «The Big Wig» führte ihn zu europäischen Grossorchestern, in die Hamburger Elbphilharmonie und zu weiteren Kompositionsaufträgen, zum Beispiel für die Sinfonietta Basel. Das Werk wird zur Eröffnung des Casinos Basel 2020 uraufgeführt.

Ebenfalls im letzten Jahr ist ein Album mit einer veritablen Superband des europäischen Jazz erschienen. «Out Of Land» mit den Überfliegern Emile ­Parisien (Sax), Vincent Peirani (Akkordeon) und Michael Wollny (Klavier). Und in diesen Tagen folgt schon der nächste Streich: «A Novel Of Anomaly» ist das dritte Album innerhalb eines Jahres auf dem ambitionierten deutschen Label ACT des bekannten Produzenten Siggi Loch. Kern ist das Duo mit dem Schweizer Schlagzeuger Lucas Niggli, erweitert um den Gitarristen Kalle Kalima und den Akkordeonisten Luciano Biondini. Als sich das basslose Quartett Ende 2015 zum ersten Mal zur Probe traf, funkte es sofort. «Es war Liebe auf den ersten Ton. Alles entwickelte sich ganz selbstverständlich und natürlich», erzählt Schaerer.

Der Sänger ist der symbolische Leader der Band, doch das Quartett versteht sich als «verschworene Einheit» ohne Hierarchien. «Out Of Land» ist ein Projekt von vier Individualisten, A Novel Of Anomaly eine wirkliche Band. Ein Quartett, das das Leben zelebriert. Es atmet italienische Poesie, ist aber sehr rhythmisch und groovy. Italianità trifft auf die afrikanischen Erfahrungen von Kalima und Niggli. Schärer jodelt und vertritt den alpinen Kulturraum. Dem Sänger ist es wichtig, dem Klang der Muttersprache jedes Musikers Platz zu geben. «Fiore Salino» ist italienisch, «Laulu Jatkuu» finnisch und auf «Swie Embrie» singt Schaerer in seiner ersten Muttersprache Walliserdeutsch. A Novel Of Anomaly spielen eine atemberaubende, emotionale und unglaublich reiche Musik. Es ist eine europäische Jazzband der absoluten Spitzenklasse und der erste Höhepunkt im noch jungen Jazzjahr.

Verrückt! Schaerers Terminkalender ist prallvoll. «Ich habe gar nicht die Zeit, um mit allen Projekten intensiv zu touren», sagt er. Aktuell ist er in Israel, danach in Mexiko und inzwischen sind selbst Veranstalter aus dem Herkunftsland des Jazz auf den Stimmvirtuosen aufmerksam geworden. «Die USA standen für mich bisher nicht im Fokus meines Interesses», sagt Schaerer und hat die Anfragen aus den USA vorerst abgelehnt. Schaerer ist in der komfortablen Lage, die Auftritte gezielt auswählen zu können. Er hat sich eine Limite von maximal 100 Konzerten pro Jahr gesetzt. Seine Familie mit der Sängerin Brigitte Wullimann und den beiden Kindern spielt in dieser Überlegung eine wichtige Rolle: «Es ist mir wichtig, dass unsere Familie genug Raum hat.»

Hinweis

«Der Klang der Stimme» mit Andreas Schaerer und Regula Mühlemann läuft noch bis Mittwoch, 7. März, im Kino Bourbaki (Luzern).

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