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JAZZ FESTIVAL WILLISAU: Ein stummes Orchester gab zu reden

Es muss nicht immer zeitgenössischer Jazz sein: Das haben die beiden Konzertabende am Donnerstag und Freitag gezeigt. Und dabei die Flexibilität des Publikums durchaus herausgefordert.
Das Insub Meta Orchestra scheint vor Ort zahlreiche Facetten der Musik neu zu definieren. (Bild: PD/Marcel Meier, Jazzfestival Willisau (31.08.2017))

Das Insub Meta Orchestra scheint vor Ort zahlreiche Facetten der Musik neu zu definieren. (Bild: PD/Marcel Meier, Jazzfestival Willisau (31.08.2017))

Nach dem starken Jazzauftakt am Mittwoch zogen am Donnerstag und Freitag neue Töne in Willisau ein und sorgten für Gesprächsstoff. Wer am Donnerstag mit dem Insub Meta Orchestra eine kühn musizierende Grossformation erwartete, wurde enttäuscht. Das Set war kühn, aber es wurde nicht musiziert, zumindest nicht im vertrauten Sinne.

Die Aufführung war eher eine Sound-Installation in radikal gedimmter Lautstärke und eine Meditation zum Thema Klang und Raum, wobei die Festhalle die zahlreichen Mikrofasern des Klangteppichs nur bedingt zu Gehör bringen konnte. Kunststück, dass die Radikalität dieser Performance für kontroverse Diskussionen sorgte. Die Haltung des Orchesters beeindruckte. Ebenso die Konsequenz, Hörwartungen selbst bei denjenigen zu unterlaufen, die doch nur darauf warten, dass sie Neues und Abenteuerliches hören.

Es war trotzdem ungewohnt, wie sich diese reich instrumentierte Grossformation bewusst zum Hungerkünstler machte. Keine Nahrung für jene, die das klangfarbenreiche Spektrum eines Orchesters auskosten wollten! Selbst für den erkenntnistheoretischen Widerspruch, den das Unternehmen evozierte (Stille/Klang), hätte es nicht so viel Aufwand gebraucht. Nur: Hätte das Orchester farbiger und dynamischer musiziert, wären wir, zurück in dieser Herkömmlichkeit, glücklicher geworden?

Ruf einer Kultband dank eigener Klangsprache

Auf gewohnte Jazz-Narrative verzichten musste das Publikum auch im zweiten Teil des Abends. Hier stand eine Musizierweise auf dem Prüfstand, welche The Necks seit 30 Jahren entwickelt und sich damit den Ruf einer Kultband eingehandelt haben. Solche Attribute sind immer zwiespältig. The Necks haben sich mit Minimal-Ästhetik, Jazz-Interaktion und Ambient-Wohlklang schlicht eine eigene Sprache geformt. Mag sie auch zu einer Masche geworden sein, sie bleibt herausfordernd.

Aus süffigen Wohlklang-Patterns schuf das Piano-Bass-Drum-Trio einen Sog, der zunehmend dichter wurde. Faszinierend war, wie stoisch und multiflexibel Schlagzeuger Tony Buck die Energie am Vibrieren hielt. Wer es verpasst hatte, sich vom hypnotischen Flow reinziehen zu lassen, klatschte am Ende vielleicht aus Erleichterung, dass es vorbei war.

Mit Sam Amidon stand am Freitag ein US-Folkmusiker auf der Bühne, der Gitarre, Violine und Banjo spielte und mit seiner wehmütigen Stimme (meist) ebensolche Lieder interpretierte. Mit Ben Goldberg (Klarinette) und Shahzad Ismaily (Drums, Bass) verwandelten sich traditionelle Balladen in kammermusikalisch-jazzige Tracks. Trotz der andachtsvollen, oft etwas schwermütigen Tonalität vermochte das sympathische Trio das Publikum bei der Stange zu halten.

Anschliessend enterte mit Michael Flury and The Nuborn ein Projekt die Bühne, aus dem man nicht schlau wurde, das aber mit seinem Wundertüten-Charakter immer wieder bezirzte. Die Sängerinnen Andrina Bollinger und Sarah Palin, Pianist Ephrem Lüchinger, die Schlagwerker Lionel Friedli und Roman Bruderer sowie Michael Flury an der Posaune inszenierten eine Art Revue mit süffigen Popsongs und viel perkussivem Tingeltangel.

Das Konzert startete fulminant, getragen von Flurys unwiderstehlichem Posaunengroove und den zwei kecken Frauenstimmen. Danach wurde spürbar, dass der Feinschliff und vor allem die Spielerfahrung fehlte. Vieles wirkte noch fragil. Dennoch hatte das Set eine erfrischende Wirkung. Hier erklang das Potenzial für eine Bühnenshow, in der die Schranken zwischen Jazz und Populärmusik zum Verschwinden gebracht würden.

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Das Jazz Festival Willisau geht heute zu Ende. Es spielen noch Anna Högberg Attack und das Andrew Cyrille Quartet (14 Uhr).

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