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JAZZ FESTIVAL WILLISAU: Viel Schub mit Kontrast und Ergänzung

Reich an Highlights ist gestern das 42. Jazz Festival zu Ende gegangen. Es bot Elektronik mit Stil, erneuerte Jazztraditionen und viel Power.
Pirmin Bossart
Jazz-Star John Zorn (am Saxofon) bot musikalische Intensität in einer guten Mengendosierung. (Bild: Jazz Festival Willisau/Marcel Meier)

Jazz-Star John Zorn (am Saxofon) bot musikalische Intensität in einer guten Mengendosierung. (Bild: Jazz Festival Willisau/Marcel Meier)

Unaufhaltsam mausert sich Willisau (wieder) zum Festival, das man als Liebhaber von Jazz und seinen Entwicklungen besuchen muss. Im Zentrum steht ein Programm, das Tradition und Erneuerung in Beziehung bringt und Experimente wagt. Das Publikum honorierte die Kontinuität von Arno Troxlers Handschrift mit einem Rekordaufmarsch.

Mit einem überraschend fulminanten Konzert des Joachim-Kühn-Trios ist das Festival gestern zu Ende gegangen. Der 72-jährige deutsche Pianist bewies mit einer jungen und knackigen Rhythm-Section, wie kraftvoll aktuell Piano-Jazz sein kann, wenn er derart mit Erfahrung, Spielfreude und Respekt gespiesen wird.

Das Trio interpretierte schmissige Eigenkompositionen und hatte auch keine Mühe, Ornette Coleman und «The End» von The Doors zu verweben, unterlegt von glasklaren Tastenzaubereien und einem harten Beat. Zuvor bot das Duo des Bratschisten Mat Maneri und des Schlagzeugers Randy Peterson eine Reise, die kammermusikalische Feinheiten, mikrotonale Improvisationen und energetische Exploits zu wunderbaren Bögen fügte.

Verdaubarer Marathon

Dass John Zorn nur noch im Multipack für Konzerte anreist, lässt man sich gerne gefallen, wenn das Programm so kompakt über die Bühne geht, wie das am Samstag zu erleben war. Je drei Konzerte von gut 35 Minuten, verteilt auf zwei Blöcke am Nachmittag und am Abend: Das war in Anbetracht der musikalischen Intensität gerade richtig, um nicht irgendwann erschlagen abzuhängen, sondern satt davon zu werden.

Den nahrhaftesten Eindruck hinterliessen die akustischen Projekte (Masada Quartet, Julian Lage/Gyan Riley). Was nicht heisst, dass die elektrisierten Hardcore-Bands enttäuscht hätten. Sie waren wuchtig und liessen die Körper vibrieren. Alle Bands interpretierten ausschliesslich Kompositionen aus John Zorns Klezmer-Repertoire. Der New Yorker Music-Maniac hat Hunderte von Stücken geschrieben, die von jiddischen Volksliedern und Tanzstücken mit ihrer orientalischen Harmonik geprägt sind.

Bei allen stilistischen Unterschieden gab es klare Gemeinsamkeiten. Ob filigran oder auf Powerschub, ob akustisch oder elektrisch verstärkt: Das kam jederzeit bis in kleinste Details präzise und virtuos, beflügelt von schnellen Schnitten, Schub und Dynamik. Zorn selber war vor allem als Impresario und Conductor beschäftigt. Er machte knappe Ansagen und dirigierte die Bands mit seinen unmissverständlichen Gesten.

Weltklasse-Gitarren

Als Urformation von Zorns Klezmer-Mania ist und bleibt das Masada Quartet unerreicht. Greg Douglas (tp), Greg Cohen (b), Joey Baron (dr) und John Zorn (as) inkorporierten das Material mit schwindelerregenden Läufen, blitzschnellen Wechseln und furiosem Unisono-Spiel. Die Band des Perkussionisten Cyro Baptista setzte die Akzente auf Groove, melodischen Fluss und viel Gerassel- und Gezwitscher-Krimskrams aus des Bandleaders Zauberkiste.

Ganz und gar akustisch packte das Duo mit den beiden Gitarristen Julian Lage und Gyan Riley. Wie die beiden komplexeste Linien und Akkordfiguren meisterten, einander umspielten, solierten, unisono harmonierten, emotional akzentuierten und trotzdem nicht in ihrem Virtuosentum erstickten: Es war Weltklasse und geradezu unheimlich.

Unter den elektrischen Formationen war ausgerechnet die Metal-Band Cleric die harmloseste. Zwar gefiel das Konzept, liebliche Masada-Melodien mal durch den Growl-Schlund zu schreddern, doch waren die Powerplays der Bands Asmodeus und Sepulcrum mindestens so konsequent. Asmodeus bekamen mit den Gitarrenexkursionen von Marc Ribot eine psychedelische Rocknote, während Sepulcrum mit John Medeski an der Hammondorgel das Hardcore-Prog-Rock-Territorium durchpflügten.

Zu viel Textballast

Ein gutes Händchen hatte Festivalleiter Arno Troxler mit den Konzert-Paarungen, wie das bereits der Eröffnungsabend offenbart hatte. Am Donnerstag musizierte das Trio der französischen Pianistin Eve Risser verführerisch aus einer Textur der Stille heraus, die mit präpariertem Klavier-Minimalismus und interaktiver Feinst­arbeit zunehmend aufgebrochen und dynamisiert wurde. Die einzige Enttäuschung des Festivals war das anschliessende Kaspar von Grünigen Bottom Orchestra, das mit zu viel Textballast zum Thema Arbeit seine potenzielle Musikalität selber schachmatt setzte.

Kontrast und Ergänzung bot auch die Paarung Trio Heinz Herbert/David Murray Quartet mit dem Spoken-Word-Künstler Saul Williams. Die wunderbar verspielten und zugleich hoch konzentriert agierenden Zürcher Musiker Ramon Landolt, Dominik Landolt und Mario Hänni legten mit ihrem akustisch-elektronischen Instrumentarium, elaborierten Soundgebilden und rhythmisch-dramaturgischen Bögen eine erfrischende Jazz-Ästhetik für die Zukunft.

Aus der Vergangenheit stammt der afroamerikanische Jazz, wie er in Weiterführung von Ayler und Coltrane von David Murray dargeboten und mit dem dunklen Rap-Flow von Saul Williams nahtlos ins Heute transportiert wurde. Einzig David Murray solierte im Vergleich zu seiner früheren Vehemenz etwas unfokussiert. Dafür liess die fantastische Rhythm-Section mit Jaribu Shahid (Bass) und Hamid Drake (Drums) keine Wünsche offen.

Viele Einheimische

Die 42. Ausgabe des Jazz Festival war die erfolgreichste der letzten Jahre. Das lag nicht nur am John-Zorn-Marathon, der besonders viel Publikum anzog, sondern auch an der Qualität der übrigen Konzerte. Arno Troxler zeigte sich gestern sehr zufrieden: «Wir haben nochmals zugelegt, die Reaktionen stimmen zuversichtlich, die Stimmung war gut. Erfreulicherweise haben sich dieses Jahr auch viele Einheimische auf dem Festivalgelände getummelt.»

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