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Jazz-Interaktion und Impro-Radikalität mit Daniel Schenker

Daniel Schenker bringt ein starkes Jazzalbum heraus. Zwei weitere Veröffentlichungen führen an den Rand von Noise.

Pirmin Bossart
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Der Zürcher Trompeter Daniel Schenker

Der Zürcher Trompeter Daniel Schenker

Bild: PD

Geschmeidiges Spiel mit komplexen Rhythmen, Melodien, wunderbaren Bläserlinien, lockerem Interplay, Feeling und Freude: Das ist der Jazz, mit dem uns der Zürcher Trompeter Daniel Schenker auf seinem neuen Album «Times Of Innocence» beglückt. Der Leiter des Zurich Jazz Orchestra hat sein langjähriges Quartett mit dem amerikanischen Saxofonisten Chris Cheek ergänzt.

Schenker sucht keinen Neutöner-Sound, der seiner Zeit voraus sein will. Seine Musik setzt eine Traditionslinie fort, die den neueren Jazz in seinem Kern definiert: Das schwerelose Zusammenwirken von Komplexität und Leichtigkeit, Struktur und Improvisation, Melodie und Emotion. «Times Of Innocence» ist ein schönes Beispiel dafür. Besetzungsmässig erinnert man sich an einige grosse Hard-Bop-Alben mit den Duo-Gespannen Miles Davis/John Coltrane, Eric Dolphy/Booker Little oder Dexter Gordon/Woody Shaw. Doch Schenkers Quintett ist fern davon, den tighten Sound dieser virtuosen Instrumentalisten und ihrer «battles» zu imitieren, auch wenn der «spirit» stimmt und Schenker und Cheek sowie Pianist Stefan Aeby ein paar wunderbare Solis zum Besten geben.

Ein bestens eingespieltes Quintett

Nebst dem Interplay-Aspekt hätten ihn vor allem die kompositorische Vielfalt von Möglichkeiten interessiert, für zwei Melodieinstrumente und Klaviertrio zu schreiben, sagt Schenker. Die neun Tracks entwickeln in all ihren Verschiedenheiten eine souveräne Eleganz. Das Quintett ist bestens eingespielt und handhabt die ungeraden Metren ebenso leichtfüssig wie den melodischen Fluss zwischen balladesker Emotion und swingendem Drive. Ein Album für Jazzliebhaber und alle, die es werden wollen.

Radikal anders klingt die neue Scheibe des Luzerner Saxofonisten und Bassklarinettisten Christoph Erb. Der erfahrene Improvisator und Labelbetreiber (Veto Records) improvisiert mit dem Bratschisten Frantz Loriot und dem japanischen Cellisten Yasumune Morishige, dass sich die Ohren biegen. Die sieben Tracks bilden ein Kontinuum von faszinierenden Klangverwebungen und Sound-Attacken. Unzählige Mikropartikel und Fraktalbewegungen schwirren im freien Raum und werden mal impulsiver mal besonnener zu Klangereignissen gebündelt, die die Schönheit improvisierter Musik ans Tageslicht befördern.

Mit 15 Stücken zwischen 38 Sekunden («Thousand Flowers») und 5:44 Minuten («Rêve de Clarinette») halten Joke Lanz und Jonas Kocher unsere Ohren in Fahrt. Ihre «Abstract Musette» ist ein verdrehtes Stop-and-go Soundwerk, in dem «abstract» das milde Vorwort und «musette» die ferne Fata Morgana ist. Der in Berlin lebende Turntable-Künstler Joke Lanz alias Sudden Infant unterhält mit dem Bieler Akkordeonisten Jonas Kocher seit 2015 ein Duo. Das ist ihre erste Veröffentlichung. In ihren blitzschnellen Ping-Pong-Aktionen reagieren die beiden aufeinander. Das rasante «instant composing» speist sich gleichermassen aus virtuosem Handwerk und Intuition. Die Dynamik spreizt ihre Intervalle, manchmal pfeilen die Klänge, Samples und Sprachfetzen wie Geschosse aus den Hirnköchern, dann wieder breitet sich Space aus und klingen die Pausen zwischen den Dingen.

Hinweis: Daniel Schenker Quintet feat. Chris Cheek: Times Of Innocence, TCB; Erb/Loriot/Morishige: Dry, veto-records/exchange 017; Joke Lanz & Jonas Kocher: «Abstract Musette» (Corvo Records)