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Jazz ist die Rettung für die Musikszene

Rock und Pop befinden sich in einer Kreativitätskrise. Jetzt soll es der Jazz richten. Eine neue Generation von Musikern denkt ­stilübergreifend und setzt frische, abenteuerlustige Impulse. In den USA, in Europa und in der Schweiz.
Stefan Künzli
Der amerikanische Musiker Kamasi Washington an einem Konzert im Astra in Berlin. (Bild:Frank Hoensch/Redferns)

Der amerikanische Musiker Kamasi Washington an einem Konzert im Astra in Berlin. (Bild:Frank Hoensch/Redferns)

Jazz ist die Hitparaden-Sensation des Sommers. Wir reiben uns die Augen. 51 Jahre nach seinem Tod hat Saxofon-Gigant John Coltrane die internationalen Charts gestürmt. Mit seinem wiederentdeckten «Lost Album» von 1963 reiht sich der Jazz-Avantgardist mitten in die aktuelle Pop-Prominenz wie Drake, Ed Sheeran oder Taylor Swift. In den amerikanischen Billboard-Charts war er noch nie so gut platziert, in Grossbritannien hat er die Top 20 geknackt, in der Schweiz erreichte er Platz 4, in Deutschland sogar Platz 3.

Dabei ist Coltrane kein Einzelfall. Schon eine Woche zuvor ist das neue Album «Heaven and Earth» von Kamasi Washington in den internationalen Top 10 eingestiegen. In der Schweiz auf Platz 8, in Deutschland auf Platz 4.

Es ist so etwas wie die Wiedergeburt eines Genres. Die Rückkehr des Jazz aus der Anonymität.

Jazz war immer die Musik der Erfindung, prägte das 20. Jahrhundert und wirkte befruchtend und inspirierend auf Pop wie klassische Musik. Jazz war bis in die 1960er-Jahre eine sprudelnde Quelle der Innovation und Musiker wie John Coltrane und Miles Davis die ersten Taktgeber, die Heerscharen von Musiker beeinflussten. Mitte der 60er-Jahre zeichnete sich der Stabwechsel ab und Pop und Rock übernahmen das Zepter mit frischen und neuen Ideen. «Jazz isn’t dead, it just smells funny», sagte Frank Zappa damals und traf den Nagel auf den Kopf.

Nicht mehr nur verstaubte Musik von alten Männern

Rein spieltechnisch wurden durchaus neue Standards gesetzt, doch Ideologen der reinen Jazz-Lehre und Archivare wurden zu Wortführern. Statt den Blick in die Zukunft zu richten, orientierte man sich an der grossen Tradition, am Jazz vergangener Tage. Jazz wurde gelehrt, verwaltet, katalogisiert und archiviert. Galt entweder als verstaubte Musik von alten Männern für alte Männer oder dann als abgehoben, verkopft, elitär, unzugänglich und publikumsfeindlich. Der Imageschaden war immens und lang anhaltend.

Jetzt hat der Wind wieder gedreht. Das hat auch mit der akuten Kreativitätskrise von Pop und Rock zu tun. Popmusik tritt seit Jahren am Ort, pflegt die Nostalgie und ist gefangen in der Sackgasse der ökonomischen Zwänge. Und Rock, diese einst rebellische Gattung der Anarchie, orientiert sich schon lange an den glorreichen Zeiten der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre. Ganz anders der Jazz: «Der alte Zombie Jazz bewegt sich wieder ganz munter im Jetzt», heisst es im «Rolling Stone». Jetzt soll Jazz den Weg aus der Sackgasse weisen. Jazz ist die Rettung.

Kein Goodwill-Projekt für arme Jazz-Musiker

Interessant ist, dass das wiedererwachte Interesse an Jazz aus Popkreisen kommt. Ausgerechnet einige der angesagtesten, hippsten Pop-Labels haben Jazz in ihren Katalog aufgenommen. Die Preservation Hall Jazz Band aus New Orleans zum Beispiel, die sich dem Erhalt der Jazztradition verpflichtet hat, erscheint auf dem Label «Sub Pop», das Bands wie Nirvana oder Soundgarden gross machte. Wie Autor Wolf Kampmann im Deutschlandfunk ausführt, geht es den Labels darum, «neue Nischen aufzustossen». Man will aufgeschlossenen Pop-Hörern, die mit der aktuellen Pop- und Rockmusik nichts mehr anfangen können, das Universum des Jazz eröffnen. Es handelt sich dabei also nicht um ein Goodwill-Projekt für notleidende Jazzmusiker. Vielmehr sind handfeste kommerzielle Interessen im Spiel. Die Trendlabels sehen im Jazz ein Potenzial für ihre Hörer.

Das prominenteste Beispiel für die neue Liebe des Pop für den Jazz ist Kamasi Washington. Er war zunächst beim Elektro-Label Brainfeeder von Flying Lotus (ein Nachfahre der Coltrane-Familie) und wechselte dann zum noch breiter aufgestellten Trend-Label «Young Turks», das mit The XX, Sampha und FKA Twigs einige der spannendsten Pop-Acts der letzten Jahre herausgibt. Bemerkenswert ist, dass Kamasi Washington keinen leicht bekömmlichen Soft-Pop-Jazz spielt, sondern radikalen Jazz ohne Bindestrich. Der Saxofonist orientiert sich am Jazz von Coltrane der 60er-Jahre. Der Hüne mit dem imposanten Afro eignet sich vorzüglich als neuer Vorzeige-Jazzer für ein interessiertes Pop-Publikum.

Jazz wird mit Mitteln der Popindustrie gefördert und belebt. Die Jazzgemeinde selbst ist misstrauisch, doch die Strategie funktioniert. Kamasi Washington ist nicht nur in den Hitparaden präsent, sondern schmückt auch das Cover der Juli-Ausgabe des Pop-Magazins «musikexpress».

Erfahrungen gesammelt bei Snoop Dogg

Geholfen haben Washington auch die Erfahrungen, die er in der Hip-Hop-Szene bei Snoop Dogg und Kendrick Lamar gesammelt hat. «Ich höre Musik mit Hip-Hop-Ohren,» sagt er. Obwohl in seiner Musik nichts davon zu hören ist, nutzt er geschickt seine Hip-Hop-Credibility, um seine Musik einer Generation zu erschliessen, die mit Jazz bisher nichts am Hut hatte. Dabei ist Washington nicht allein. Er arbeitet mit einer Reihe von hoch talentierten Musikern, die vom lokalen Underground von Los Angeles aus die Musikwelt erobern.

Es ist ein loses Kollektiv von Musikern wie Thundercat, Cameron Graves, Miles Mosley und Ronald Bruner Jr., die den Jazz von Grund auf gelernt haben, aber keine stilistischen Berührungsängste kennen. Einige von ihnen haben schon mit Rapper Snoop Dogg, dem Electro-Avantgardisten Flying Lotus gearbeitet oder bei Kendrick Lamars Meilenstein «To Pimp A Butterfly» mitgewirkt. Mit ihren eigenen Projekten zwischen Jazz, Pop, Rock, Funk und Electro bespielen sie nun die Popclubs dieser Welt.

Neue Impulse durch den Jazz

Auf dem Terrain des Hip-Hop bewegen sich auch Robert Glasper und Terrace Martin. Sie kommen ebenfalls aus dem kreativen Umfeld von L.A. und machen eine Musik, die Jazz mit dem Gefühl von Hip-Hop spielt. «Monk ist der erste Hip-Hop-Pianist», sagt Glasper und zieht eine direkte Linie vom Jazz zum Hip-Hop. Und für Terrace Martin ist Jazz und Hip-Hop sogar dasselbe. Gerade ist er dabei, das kommende Album von Herbie Hancock zu produzieren und Hancock auf die Höhe der Zeit zu hieven. Das Ziel ist klar: Die afro-amerikanische Jugend, die sich in den letzten Jahren vom Jazz abgewandt hat, soll wieder erreicht werden.

Die Liaison zwischen Jazz und Hip-Hop ist nicht neu. In den 90ern haben Bands wie US3, DJ Premier, A Tribe Called Quest, Digable Planets oder Nas Jazz gesampelt. Heute gilt das Interesse nicht nur der Jazz-Tradition, vielmehr sollen aktuelle Jazzmusiker inspirieren und zu neuen Impulsen verhelfen. «Der Jazz war im Hip-Hop ja schon immer präsent», sagt Rapper RZA vom Wu-Tang-Clan, «heute hört man das bei Leuten wie Kendrick Lamar und Chance The Rapper wieder deutlich. Als Musiker will man sich weiterentwickeln. Und dem Jazz liegt eine sehr vorwärtsgewandte Einstellung zugrunde.»

David Bowie wusste es

Trendsetter David Bowie hatte es wieder einmal geahnt. So war es kein Zufall, dass er sein Vermächtnis «Black Star», sein letztes Album vor seinem Tod im Januar 2016, in die Hände von Jazzmusikern wie Donny McCaslin, Mark Guiliani und Jason Lindner legte. Die beiden Vorreiter, Saxofonist McCaslin und Keyboarder Lindner, basteln seit einiger Zeit an einer neuartigen, unerhörten Musik, die den meditativen Rausch der elektronischen Tanzclubs mit ekstatischer Jazzimprovisation kombiniert. Jazzästhetik trifft Ambient und rockt die Clubs.

Jetzt bläst McCaslin mit dem Sänger Jeff Taylor zum Sturm auf die Popbastion. Zwei Songs mit dem Sänger Jeff Taylor verkünden die Botschaft des kommenden Albums «Blow» (10. Oktober) und von berauschendem Kunst-Rock mit ekstatischen Saxofon-Salven. Vielleicht sogar noch innovativer als die Kollegen aus dem Ursprungsland des Jazz sind Jazzmusiker aus Europa – und der Schweiz. Das hat möglicherweise damit zu tun, dass hier die Jazz-Tradition (Swing und Be-Bop), anders als in den USA, weniger stark verwurzelt ist. Inspiration beziehen die Europäer vielmehr aus der klassischen Musik oder wie etwa Emile Parisien, Vincent Peirani (Frankreich), Tigran Hamasyan (Armenien) oder Elina Duni (Albanien/Schweiz) aus der Volksmusik ihrer Herkunftsländer. Oder sie beschreiten ganz neue Wege. Bands, die die ausgetretenen Pfade des Jazz ausweiten oder gar verlassen.

Starke Schweizer Musiker, die man sich merken sollte

Tradition kann auch hemmen. «Sie kann auch ersticken. Ich kenne viele Musiker, die nicht aus der Tradition herauskommen», sagt Nik Bärtsch, der mit seiner Band Ronin jenseits aller Stile einen ganz eigenen Dialekt, eine ganz eigene Sprache entwickelt hat und damit weltweit gefeiert wird. Der Zürcher Pianist empfindet es als Vorteil, wenn man als Musiker keiner Tradition verpflichtet ist:

«Wenn du keine Tradition hast, kannst du eigentlich alles entwickeln.»

Davon kann auch der mehrfache Echo-Preisträger Sänger Andreas Schaerer ein Lied singen: Weil es für seine Vokalakrobatik keine gängige Literatur gab, entwickelte er einfach ein eigenes Vokabular.

Einen ganz eigenen, unverkrampften Umgang mit der Jazztradition pflegt Lucia Cadotsch. Die in Berlin lebende Schweizer Sängerin spielt zwar Jazzstandards, interpretiert sie mit ihrem Trio ohne Harmonieinstrument (Otis Sandsjö und Petter Eldh), aber auf eine ganz spezielle, noch nie gehörte Art und steckt die altehrwürdigen Songs in ein ganz neues, zeitgemässes Gewand.

Doch trotz Imagewandel und erstaunlichen kommerziellen Erfolgen wird Jazz wohl nie die Musik für eine breite Masse sein. Dazu ist sie in ihren besten Momenten zu abenteuerlich, experimentierfreudig, avantgardistisch und unbequem. Aber viel wichtiger ist, dass sich der Jazz wieder neu erfindet, eine neue Generation von offenen Geistern Debatten auslöst («Ist das noch Jazz?») und damit wieder relevant wird. Als Impuls- und Taktgeber einer aktuellen Musik auf der Höhe der Zeit.

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