JAZZ: Kampf und Trost von einer Stimme aus schwarzem Samt

Gregory Porter verkauft Millionen von Platten und ist der neue Jazzsänger-Star. Am Samstag wurde er mit seiner Band im KKL Luzern gefeiert.

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Als Sideman seiner selbst fast zu sehr im Hintergrund: Gregory Porter mit Band im KKL-Konzertsaal. (Bild: Roger Grütter)

Als Sideman seiner selbst fast zu sehr im Hintergrund: Gregory Porter mit Band im KKL-Konzertsaal. (Bild: Roger Grütter)

Die schwarze Ballonmütze ist sein Markenzeichen, nicht minder ist es seine Stimme, die das geneigte Publikum weltweit begeistert. «Einen solch kometenhaften Aufstieg hat es im Jazz noch nie gegeben. Heute spielt er in den grössten Hallen der Welt, und seine Konzerte sind immer ausverkauft», wurde er vom Konzertveranstalter am Samstagabend angekündigt. Und selbstverständlich hat Gregory Porter auch das Luzerner/Schweizer Publikum zu Seufzern und Freudenschreien gerührt.

Jazz-Basis

«When Did You Learn» von seinem zweiten Album «Be Good» eröffnete ein Konzert, das gut anderthalb Stunden dauerte und die Soul- und Jazzpalette dieses Sängers angenehm und fast etwas diskret im Weissen Saal vibrieren liess. Zumindest seine Stimme hätte nach unserer Auffassung im Soundmix markanter und lauter in Erscheinung treten dürfen. So wurde Gregory Porter fast etwas zum Sideman seiner selbst, obwohl er stets im Mittelpunkt blieb.

Die Band mit dem neuen Saxofonisten Tivon Pennicott, Chip Crawford (Flügel), Jahmal Nichols (Kontrabass) und Emanuel Harrold (Schlagzeug) war in Schwung. Crawford variierte mit seinen glasklaren Linien, und Pennicott blies sogar einige ausufernde Soli in den Soundsog hinein. Es war schnell klar, dass sich hier kein trendiger Popsänger mit einer schicken «Jazz»-Band schmückte, sondern ein Black Soulman seine Roots nahtlos mit Jazz verschmolz. Was ihn nicht daran hinderte, den gospelig-funkigen Titelsong «Liquid Spirit» in ein rhythmisches Mitklatschen zu führen.

In der langen Linie der Black Music

Die Natürlichkeit, mit welcher Porter fest verankert zwischen Gospel, Blues, Soul und Jazz schwebt, ist erfrischend in einem Mainstream-Musikbusiness, wo vieles ausprobiert, aber weniges glaubwürdig vermittelt werden kann. Soul Music, die vorher auch Rhythm and Blues, Gospel und Blues war: Porter macht mit seiner Musik die lange Linie der Black Music zurück in der Zeit bewusst.

«Viele Leute möchten eigentlich solche Musik hören. Es gibt Hunger und Durst danach», sagte er in einem Interview. Aber vielfach würden sie mit anderem gefüttert. Auch sein Song «Musical Genocide» handelt davon: Die Liebe und der Schmerz von Blues, Gospel und Soul, sind sie musikalisch am Aussterben? «I do not agree, this is not for me», hält er dagegen. «No, musical genocide, I will not commit, nor will I submit.»

Gregory Porter macht eine gepflegte Black Music, die so süss und romantisch wie kämpferisch und politisch ihre Töne anschlägt. Schön sind die schlichten Settings, wenn nur Gesang und Piano erzählen. Dann wird Porters Bariton zu schwarzem Samt, und endlich hört man seine Stimme richtig. In balladesken Songs wie «Hey Laura» oder «Wolfcry» findet Porter zu seiner Nestwärme und wird zum Seelentröster, zum «soulful Reverend» des zeitgenössischen Soul-Jazz.

Handkehrum erinnert er in «1960 What?» an die rassistisch geprägten Unruhen und Morde in Detroit 1967. Der schwarze Junge, der von einem Polizisten erschossen wurde, der Mord an Martin Luther King auf dem Balkon des Lorraine-Motels: Das Stück kommt gut aufgekratzt daher und hat diesen unruhigen Puls. Phasenweise erinnern Porters Gesang und seine gleitenden Phrasierungen an den (unterschätzten) 1970er-Jazzsänger Leon Thomas.

Souveräne Präsenz

Gregory Porter ist ein Musiker der feinen Art. Mit seiner stattlichen Figur und seinem überlegten Gestus strahlt eine souveräne Präsenz aus, jenseits von euphorischem Getue, von Arroganz oder Anbiederei. Sein Gesang ist extrem beruhigend, die Aura sofort entschleunigt. Die Baritonstimme erblüht manchmal so innig, dass der Schmelzfaktor nahe­rückt oder – wie unserer fremden Sitznachbarin – tiefe Seufzer entlockt.

Dann reisst es das Publikum hoch zu Standing Ovations. Stress mit Soul! Als Zugabe spendiert Porter allen Ladys ein emotionales «Be Good».

Pirmin Bossart