JAZZ: Mario Hänni – Ein Musiker auf hundert Abwegen

Er ist ein Meister der Vielseitigkeit und hat das Feeling für Musik: Mario Hänni (31) gehört zu den gefragten Schlagzeugern der Schweiz – jetzt auch in Shakespeares «Romeo und Julia» am Luzerner Theater.

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«Eine Mega-Chance»: Schlagzeuger Mario Hänni im Luzerner Theater. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 18. Januar 2017))

«Eine Mega-Chance»: Schlagzeuger Mario Hänni im Luzerner Theater. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 18. Januar 2017))

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

 

Beim Namen Mario Hänni nicken viele, die sich in der aktuellen Pop- und Jazzszene auskennen. Ja, sagen sie dann, ein cooler Musiker, unglaublich, was er alles macht und kann. Hänni setzt nicht nur sein Schlagzeug stilistisch breit als Groove- und Sound-Maschine ein. Er spielt auch Gitarre und Bass, macht eigene Popsongs und singt.

Jetzt sitzt er da, die blonden Haare zum Wuschelknopf hochgebunden, und erzählt, wie alles begann mit seinem Musiker­leben. Zurzeit probt er im Luzerner Theater mit dem Trio Jon Hood (Joan Seiler, Martin Schenker), das in der Inszenierung von Shakespeares «Romeo und Julia» die Musik spielt.

Experimentieren im Paradies

Die Anfrage des Luzerner Theaters kam zur richtigen Zeit. Das Trio Jon Hood bereitet gerade Songs für ein erstes Album vor. «Mit der Mitarbeit am Theaterstück können wir intensiv als Band wachsen. Das ist eine Mega- Chance.» Die Inputs im neuen Umfeld zwingen sie oft, anders zu denken als in den üblichen Gewohnheiten. Das passiere auch mit dem englischen Berner Musiker Merz, der ihr Album produziere, grinst Hänni. «Er schält unsere Identitäten weg und pusht uns, die Musik nicht einfach aus dem Ärmel zu schütteln.»

Hänni ist offen für solche Prozesse, die einen in Frage stellen und weiterbringen. Zwar hat er 2013 seine Jazz-Masterausbildung an der Musikhochschule Luzern abgeschlossen, aber er ist kein «Jazzer». Selbst mit dem Trio Heinz Herbert, das am letzten Jazz Festival Willisau für einen Höhepunkt sorgte, umschwirrt er die reine Jazzlehre auf hundert Abwegen und packt doch mit der Energie, die dem Jazz eigen ist. Mit Pablo Nouvelle mixt er mit an Soul, Pop und Tanzmusik, und mit Hanreti sorgt er für den Kitt in Popsongs, die das Prädikat «herausragend» verdienen.

Und da ist noch quasi ein Jugendbandprojekt von ihm, Mnevis aus dem benachbarten Aargau, die nach zehn Jahren demnächst ihr erstes Album veröffentlichen. Die Band entstand in der Szene von Reinach AG, wo der im benachbarten Beinwil aufgewachsene Hänni regelmässig verkehrte. «Es gab dort einen Proberaum mit allem, was es zum Musikmachen brauchte. Es war ein Paradies für mich.» Dort nahm er Songs auf und experimentierte mit Spielweisen quer durch die Stile. Auch später, an der Jazzschule, blieb dieser Unterschlupf wichtig für ihn. «Das war meine versteckte Welt, wo ich mir meine Unbeschwertheit erhalten und die Kreativität und den Entdeckergeist herauslassen konnte.»

Schon als Kind war Hänni von Musik umgeben. Seine Eltern spielten selber in einer Band. «Wir hatten ein Musikzimmer, wo viele Instrumente herumstanden. Es war völlig normal, mit ihnen herumzuspielen. Das war ein riesiges Glück.» Er kannte nie Berührungsängste, Klang zu machen und auszuprobieren. Ach ja, acht Jahre lang hat der ehemalige Steiner-Schüler auch Violine gespielt.

Die weite Welt der Sounds

Hänni sucht die magischen Momente, in denen eine Band abhebt, weil jeder nur das tut und es so macht, dass Musik wird. Mit dem Schlagzeuger-Dozenten Hanspeter Pfammatter lernte er die Leichtfüssigkeit der Wucht kennen. Bei Gerry Hemingway entwickelte er sein Bewusstsein für die Welt der Sounds weiter. «Aber ich lerne auch von Musikerkollegen. Oft sind es kleine Sachen, die mich inspirieren. Davon lasse ich mich lieber überraschen als von einem Crack, bei dem ich eh ungefähr weiss, wie er spielt.»

Aufgewachsen mit Trip-Hop und Radiohead und auch inspiriert von zeitgenössischem R ’n’ B wie D’Angelo oder Frank Ocean, war Hänni stets mit Elektronik konfrontiert. «Auch eiskalte Technogrooves haben eine Qualität, die ein Schlagzeuger so nicht herstellen kann.» Als Schlagzeuger versuche er, diese Klangwelt mit seiner instrumentalen Herangehensweise zu mischen. So kann er im Trio Heinz Herbert mit dem unscheinbaren Piezo-Tonabnehmer den Klang unerwartet hochfahren, verändern und auch «extrem leise Schlagzeug-Sounds spielen, die man an einem Gig sonst nicht hören würde».

Zu Hännis Schlagzeug-Weggefährten gehören Leute wie Julian Sartorius, Domi Chansorn, Vincent Glanzmann oder Emanuel Künzi, alles klinwgende Namen der Schweizer Szene. Freundschaften sind wichtig, Gemeinschaft erzeugt Musik. Wohl fühlt sich der Aargauer, der in Zürich in einer WG lebt, im Luzerner «Studio Vom Dach», mit dem Hanreti-Clan oder im Kollektiv um das Luzerner Label Red Brick Chapel, auf dem gerade das Trio- Heinz-Herbert-Album «Phiii» veröffentlicht wurde. Demnächst erscheint auf Intakt Records «The Willisau Concert», ein Live-Mitschnitt von Radio SRF 2.

Wen wundert es, dass der gefragte Musiker in den letzten Jahren ständig auf Achse war. «Es gab Zeiten, da fühlte ich mich eher als eine Marionette meiner Agenda oder andern Leuten, die etwas von mir wollten.» Sein gewonnenes Selbstvertrauen und die gewachsene Kompetenz helfen ihm inzwischen, besser Entscheidungen zu fällen. Und, meint Hänni, «es fühlt sich erst noch gut an».

Irgendwann haut er dann vielleicht doch noch ein paar Monate ab nach Montreal, seiner Wunschdestination. «Ich habe keine konkreten Gründe, warum gerade Montreal. Es ist mehr eine romantische Fantasie.» Auch Fantasien haben Klänge. Die eines Tages hörbar werden.

 

Hinweis

«Romeo und Julia», mit Musik der Band Jon Hood; Donnerstag, 26. Januar, Luzerner Theater (Premiere); www.luzernertheater.ch

Rio (Soloprojekt): Montag, 30. Januar, Neubad Luzern

Trio Heinz Herbert:«Phiii», Red Brick Chapel (digital release), www.redbrickchapel.ch

Trio Heinz Herbert: The Willisau Concert, Intakt Records (erscheint im März 2017)