JAZZ: Spiel mit Gegensätzen glückte

Nicht nur das Wetter stimmte: Auch musikalisch hat das diesjährige Jazz Festival Willisau mit einem gelungenen Kontrastprogramm überzeugt.

Pirmin Bossart
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Im Vergleich zu anderen Formationen schon fast beschaulich: Chris Lightcap’s Bigmouth mit dem Bandleader am Bass. (Bild Corinne Glanzmann)

Im Vergleich zu anderen Formationen schon fast beschaulich: Chris Lightcap’s Bigmouth mit dem Bandleader am Bass. (Bild Corinne Glanzmann)

Pirmin Bossart

«Eine runde Sache» bilanzierte gestern ein entspannter Arno Troxler die siebte Ausgabe des Jazz Festivals Willisau unter seiner Leitung. Mit 4500 Besuchern hat der fünftägige Anlass publikumsmässig den Level der zwei letzten Jahre halten können. Das prächtige Wetter trug zur entspannten Stimmung auf dem Festivalgelände bei. Musikalisch hat das Festival nochmals zugelegt. Es war ein ausgezeichneter Jahrgang.

Bewährte Namen wie Peter Brötzmann, John Abercrombie, Dave Douglas oder Ellery Eskelin sorgten für Zugkraft beim Publikum, und in dem meisten Fällen auch für musikalische Qualität. Wie ein Naturereignis bricht Brötzmann auch nach 50 Jahren mit seinen Hörnern in die Trends der Zeit ein. Da stand und blies er, unerschütterlich. Daneben gab es Bands, die mit neuen Spielauffassungen kontrastierten. Als Trumpfkarte erwies sich das junge Luzerner Trio Schnellertollermeier, das am Samstag Abend eine Musik von der Bühne powerte, die so gut wie nichts mehr mit Jazz zu tun hat. Aber es gab trotzdem eine Verbindung zur langen Free-Jazz-Tradition in Willisau: die Energie.

Hardcore-Poesie

Wie dieses Trio seine scharf geschnittenen Patterns und elektronisierten Klangereignisse über die Bühne brachte, war packend. Kraft, Präzision, ausgeprägte Dynamik, Konzentration und Spielfreude wirkten wie aus einem Guss. In dieser Musik steckten Aggression und Zärtlichkeit, Askese und Ausbruch, Mathematik und Poesie. Prägend war eine ausgeklügelte rhythmische Struktur, die wie ein Uhrwerk tickte und andererseits mit metrisch vertrackten Überlagerungen arbeitete. Dass dieser Hardcore-Minimal-Rock von den sehr ergrauten Konzertreihen eines klassischen Jazzpublikums mit Begeisterung aufgenommen wurde, spricht für sich. Respektive für die Dringlichkeit, die da von der Bühne fegte.

Im Vergleich zu diesem Trio wirkte die vorangegangene Musik von Chris Lightcap’s Bigmouth bei all ihrer Klasse eher beschaulich. Die Musik gefiel mit ihrem mini-orchestralen und warmen Sound, den beiden unterschiedlichen Sax-Stimmen (Tony Malaby, Chris Cheek) und dem souveränen Schlagzeuger Gerald Cleaver. Aber sie war auch etwas gar gefällig und über das Ganze wenig herausfordernd. Die aktuellen Stücke dieser New Yorker Band waren alle von New York inspiriert. Ironischerweise hätte man an diesem Abend eher Schnellertollermeier mit dem Innovationenschmelzpunkt New York assoziiert.

Kontrasthaltungen

Ausgeprägter als auch schon offenbarte sich dieses Jahr jeder Konzertblock als eine Packung der Kontraste und meistens auch der spielerischen Haltungen: Hier die kammermusikalische Text-Musik-Performance des Schweizer Trios Anna Trauffer/Tim Krohn/Philipp Schaufelberger; dort das solide funkelnde Elektro-Projekt von Dave Douglas. Hier der Torpedo-Free-Jazz der Dicken Finger mit Peter Brötzmann; dort der countryesk angehauchte Instrumental-Rock des Jim Campilongo Trios. Hier die avantgardistisch gehämmerte Textur des Genfer Pianisten Michel Wintsch; dort der lyrisch sich entfaltende Jazz des John Abercrombie Quartets.

Es sind solche Kontraste, die dem Festival Willisau sein Profil geben. Wer das gängige Material am laufenden Band konsumieren will, muss einen anderen Anlass besuchen. Im besten Falle können solche Kontrastprogramme, in denen nicht immer klar ist, wie «jazznah» diese oder jene Band ist, zu Entdeckungen führen. Bei Sons of Kemet und dem Jim Campilongo Trio waren die Meinungen gespalten, auch wenn es nicht an musikalischer Qualität mangelte. Nur das Los Dos Orchestra fiel ab. Oder wie es ein kundiger Konzertbesucher bemerkte: «Der Schuss in diesem Western-Soundtrack ging schon lange vorher ab.»

Highlight Eskelin Trio

Einen herausragenden Höhepunkt setzte Ellery Eskelin mit seinem «New York»-Trio. Der Tenorsaxofonist hat einen umwerfenden Sound, der aus der Wärme und latenten Widerborstigkeit der Jazztradition steigt. Dazu kommt eine geläuterte improvisatorische Kraft, die sich durch Eskelins jüngste Auseinandersetzung mit dem alten Jazzsound ergeben hat. Das Set bestand aus zwei längeren Passagen, in denen mehrere Standards verwoben wurden: Wie schwerelos tauchten sie aus einem feinnervigen Improvisationskontinuum auf und verschwanden wieder darin.

Mit Gary Versace (Hammond) und Gerry Hemingway (Schlagzeug) traten die Qualitäten von zwei Musikern ins Spiel, die so roots-betont (Versace) wie freigeistig-dezent (Hemingway) den Geist des Great American Songbooks integrierten. Von Anfang an war der Fokus scharf gestellt, wurde ein feiner Energielevel kreiert, der sich im Laufe des Konzerts erweiterte und intensivierte. Die Standards wurden Kerne für eine Metamorphose, in der die Jazztradition mit viel Eigensinn und Risikobereitschaft aus dem Heute reflektiert wurde.

Lyrischer Schlusspunkt

Gewöhnungsbedürftig war der Tribal-Trance-Jazz der Londoner Band Sons of Kemet. Die zwei Schlagzeuger legten einen grobmaschigen Trommelteppich. Scheinbar unabhängig davon entwickelten Shabaka Hutchings (Saxofon) und der herausragende Theon Cross (Tuba) in oft faszinierenden Verschränkungen ihre Melodiepatterns, die mit der Zeit unweigerlich selber rhythmisch Schub machten. Doch die permanente Präsenz der Rhythmusmaschinerie und der linear-repetitive Modus dieser Musik (über)forderte die Aufnahmefähigkeit.

Den Schlusspunkt unter das Festival setzten gestern Nachmittag Michel Wintsch mit einem eigenwillig konstruierten und nicht minder sensiblen Solorezital auf dem Flügel sowie das John Abercrombie Quartet: Ein lyrisch nuancenreicher Jazz, dem die traumwandlerischen Exploits von Schlagzeuger Joey Baron die heimliche Krone aufsetzten.

Chris Lightcap's Bigmouth am Samstag in Concert. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
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Chris Lightcap's Bigmouth am Samstag in Concert. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Die Kontrabssistin und Sängerin Anna Trauffer, der Gitarrist Philipp Schaufelberger von der Formation "Die vierzig Muetter Kirgistans" am Eröffnungskonzert des Festivals. (Bild: Keystone / Urs Flüeler)
Der Autor Tim Krohn steuerte den Text zur Produktion von "Die vierzig Muetter Kirgistans" bei. (Bild: Keystone / Urs Flüeler)
Der Trompeter Dave Douglas bestritt den zweiten Teil des Eröffnungsabends. (Bild: Roger Gruetter / Neue LZ)

Chris Lightcap's Bigmouth am Samstag in Concert. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)