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JAZZ: The Great Harry Hillman: Sinn für Atmosphären

Mit «Tilt» haben The Great Harry Hillman ihre Musikalität weiter verfeinert: Das dritte Album der Luzerner Band ist wohlklingend und aufwühlend.
Pirmin Bossart
Setzen sich originell in Szene: die vier Musiker von The Great Harry Hillman. (Bild: Samuel Huwyler)

Setzen sich originell in Szene: die vier Musiker von The Great Harry Hillman. (Bild: Samuel Huwyler)

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Eine Sensibilität für Klang, flächige Texturen, längere Bögen und zeitgenössische Popformate haben in den letzten Jahren den Jazz mitgeformt. Auch die Musiker von The Great Harry Hillman sind mit dieser offenen Sound- ästhetik aufgewachsen. Weder zerpflücken sie Standards noch üben sie sich im brachialen Free-Play oder zelebrieren komplexe Kopf-Tracks mit virtuosen Soli. Ihre Musik lebt von Stimmungen («moods»), die melodie- und formbewusst in Aktion gesetzt werden.

Die Band versteht sich als Kollektiv, das sich mehrmals im Jahr für mehrere Tage trifft und intensiv an ihrer Musik arbeitet. «Alle bringen Stücke oder Ideen ein, die dann gemeinsam entwickelt werden», sagt Saxofonist und Bassklarinettist Nils Fischer. Jeder sei von klaren Einflüssen geprägt, die in den Bandsound einfliessen würden. «Dass sich unsere Musik verändert hat und verändern wird, ist klar. Aber wo es uns hinführt, wissen wir nicht und machen uns auch keine Gedanken darüber.»

Mit viel Lust und Akribie

Diese offene Herangehensweise täuscht nicht darüber hinweg, dass The Great Harry Hillman mit viel Lust und Akribie an ihre Musik herangehen. Benannt nach dem amerikanischen Hürdenläufer Harry Hillman, der 1904 an der Olympiade gleich drei Goldmedaillen gewann, scheint dessen sportliche Ambition auch die vier Musiker zu stimulieren. Sie bringen ihre grossen Talente und viele Ideen mit, entsprechend sind ihre Ansprüche. Fischer: «Es sind meistens zeitintensive Prozesse, bis wir ein Stück dort haben, wo wir es wollen. Aber wir machen das bewusst so.»

2008 kam Nils Fischer aus Deutschland zum Jazzstudium an die Hochschule Luzern – Musik. Im gleichen Jahrgang studierten auch David Koch (Gitarre, Electronics), Samuel Huwyler (Bass) und Dominik Mahnig (Schlagzeug). Die vier fanden zusammen, The Great Harry Hillman machte sich schnell einen Namen. Neben ihrer musikalischen Frische zog die Band von Anfang an auch mit ihrem visuellen Auftritt (Covergestaltung, Videos) die Aufmerksamkeit auf sich. Ihre aktuelle und dritte CD «Tilt» ist in ein faltbares Cover verpackt – die Grafik stammt vom Bassisten Samuel Huwyler. Zudem wurde ein quirliger 360-Grad-Video-Clip produziert (Youtube).

Mit ihrer besonderen Mischung aus Jazz, Rock und Improvisation behaupten sich The Great Harry Hillman als eine der interessantesten Bands der jungen Schweizer Jazz-Szene. 2015 gewannen sie den renommierten ZKB Preis im Zürcher Moods. Die Band spielte regelmässig im Ausland, trat in London an einem Festival auf, tourte in Deutschland und diesen Frühling auch in Japan und in Italien. «In Italien lief es für uns ausgezeichnet. Diese kleine Tour hat uns nochmals einen tüchtigen Schub gegeben.»

Soundscapes und Minimal-Strukturen

Die meisten der neun Tracks ihres aktuellen Albums «Tilt» haben auch eine ruhige und atmosphärische Komponente, die bei allen Ecken und Kanten dem Album eine schwebende Aura verleiht. Doch es ist eine Leichtigkeit, die auf unruhigen Fundamenten gedeiht.

Neben kargen Klanggeweben («Agnes fliegt») oder modernen Jazz-Chill-Sounds mit sphärischen Architekturen («Remazing Ace») kann die Band auch quer und rockig knebeln («Strengen denkt an») oder mit funky Noise-Riffs und splittriger Gitarre vertracktere Sound- scapes generieren («How To Dice An Onion»).

Die Kompositionen bewegen sich zwischen Wohlklang und kreativer Unruhe, Rockenergie und jazziger Phrasierung, Soundscapes und Minimal-Strukturen. Von Nils Fischer stammen die atmosphärisch differenzierten Tracks, die das Album ein- und ausläuten. Zu den herausragenden Stücken gehören die Kompositionen von David Koch: «The New Fragrance» gefällt mit einer melodisch-einprägsamen Dynamik und ihrem melancholischen Grundton. «354» ist ein geisterhaftes Soundgemälde mit einem überraschenden Bassklarinetten-Exploit.

Plattentaufe im Neubad

Erschienen ist «Tilt» auf dem bekannten US-Label Cuneiform, wo auch Schnellertollermeier und Le Rex ihre letzten CDs veröffentlichten. «Das hat uns international bereits viel Aufmerksamkeit und gute Re- views eingebracht», freut sich Nils Fischer.

Die Plattentaufe in Luzern wird im Neubad Luzern an zwei Abenden gefeiert. Dazu eingeladen haben sie die befreundete, österreichische Band Edi Nulz, mit der sie in verschiedenen Konstellationen ein Programm zusammenstellen. Zwei abwechslungsreiche Abende sind garantiert.

Hinweis :The Great Harry Hillman: Tilt (Cuneiform) Albumrelease-Shows mit Edi Nulz (A): 28. und 29. September, jeweils um 21 Uhr, Neubad, 50 Tickets pro Abend. Vorverkauf unter www.neubad.org.

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