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JAZZFESTIVAL: «St. Moritz ist Fluch und Segen»

Zum zehnten Mal inszeniert Christian Jott Jenny sein Festival da Jazz in St. Moritz. Der Gründer und künstlerische Leiter lässt durchblicken, dass es künftig eine andere Richtung nehmen könnte.
Michael Hasler
Tausendsassa Christian Jott Jenny holt Weltstars nach St. Moritz. (Bild: Matthias Heyde)

Tausendsassa Christian Jott Jenny holt Weltstars nach St. Moritz. (Bild: Matthias Heyde)

Interview: Michael Hasler

Ein heisser Sommermorgen in der Zürcher Altstadt. Christian Jott Jenny trifft pünktlich zum vereinbarten Termin ein, trägt (natürlich) seine roten Mokassins und schwingt sich jugendlich-dynamisch von seinem Roller. Noch während des Abziehens seines Helms nimmt der 38-Jährige einen Anruf am Handy entgegen, lässt sich danach aber während einer Stunde auf ein entwaffnend ehrliches Gespräch ein.

Christian Jott Jenny, Sie gelten als begnadeter Netzwerker und als beharrlich. Letztes Jahr haben Sie vor dem Konzert von Diana Krall gesagt, dass Sie zehn Jahre an dieser Verpflichtung gearbeitet haben.

Ja, ich bin sehr beharrlich und ich habe wirklich etwa zehn Jahre an diesem Konzert laboriert – im Nachhinein war es leider ein Fehler. Ich fand das Konzert nicht besonders und vor allem war Diana Krall lustlos. Das hat weniger mit ihr zu tun als vielmehr mit ihrem Umfeld, dem Management. Diana Krall war für uns Zürcher zu einer gewissen Zeit das Girl von der Central Bar, wo sie regelmässig auftrat.

Management und Musiker, ist das auch im Jazz ein Problem?

Meine rückblickend grössten drei Enttäuschungen hatten immer mit Managements und mit Frauen zu tun: Diana Krall, Nathalie Cole und Eliane Elias. Nathalie Cole habe ich fast soweit gehabt, dass sie nur mit ihrem Trio auftritt. Dann hat sie doch das gesamte technische Brimborium aufgefahren und eine Show geboten, die unpassend war. Der Dracula Club hat die Magie, Künstler komplett nackt auszuziehen, weil der Rahmen so intim ist und alles sichtbar wird.

Der Dracula Club in St. Moritz besitzt 150 Plätze, ist gastronomisch schwierig, überhitzt, eng. Ist das Herz des Festivals immer noch unbestritten?

Ach ja, auf jeden Fall. Er war es, der das alles ermöglicht hatte. Ich hatte ja andere Pläne und dachte, das hier oben sei nur ein grossartiges Sommerhobby. Der Dracula Club ist so etwas wie eine Enklave, eine Art autonomes Zaffaraya (Red.: Das Freie Land Zaffaraya war ursprünglich ein Zelt- und Wagendorf auf dem Gaswerkareal im Marzili in Bern), wo gewisse Regeln nicht gelten. Es ist ohne Übertreibung ein letzter Ort der Freiheit.

Wenn ich das Festival da Jazz besuche, muss ich mich oft als Snob «beschimpfen» lassen. Müssen Sie Ihr Festival nach zehn Jahren noch verteidigen?

Nein, das Festival nicht. Was ich verteidigen muss, ist St. Moritz. St. Moritz ist Fluch und Segen, und wird es wohl bleiben. Es hat sich in den Siebzigerjahren in etwas hineinmanövriert, aus dem es nicht mehr herausfindet. Dennoch ist es der Dampfkochtopf des Engadins und der muss überlaufen. Wenn nicht einmal mehr St. Moritz überbordet, läuft hier gar nichts mehr.

Warum sind die Tickets für die quasi handverlesenen Konzerte im Dracula Club mit unter 200 Franken geradezu billig?

Das höre ich meistens anders, aber ich verstehe, was Sie meinen (lacht). Ich wollte immer schon gegen das typische Image von St. Moritz ankämpfen. Und das beginnt damit, dass ich keine Tickets für 1000 Franken verkaufen will.

Aber jemanden wie Diana Krall mit 150 Konzertgästen hören zu können, ist finanziell komplett unmöglich.

Billig und teuer ist natürlich Ansichtssache. Aber es ist etwas, Weltstars so wie bei uns zu sehen oder an einem riesigen Event mit einigen tausend Zuschauern. So gesehen finde ich auch, dass wir günstig sind. Aber wir müssen als Veranstalter zugeben, dass es für einen Konzertbesuch bei uns wegen der Anfahrt Zeit braucht und dass die meisten Gäste im Oberengadin übernachten müssen.

Ich habe einmal gelesen, dass ein Ticket ohne Subventionen und Sponsoring gegen die 1000 Franken kosten würde?

Stimmt ziemlich genau, so um die 800 bis 900 Franken. Nur, ist das in Opernhäusern anders? Sehen Sie, unsere Rechnung ist sehr einfach. Mit unseren Ticketverkäufen decken wir 20 Prozent des Budgets von rund zwei Millionen Franken ab, 17 Prozent bekommen wir von der öffentlichen Hand, die restlichen 63 Prozent decken Sponsoren ab.

Das Festival ist immer grösser geworden und bietet noch mehr Gratiskonzerte an. Soll das nun so weitergehen?

Wir wirken grösser, als wir sind. Unser Organisationsteam ist geradezu familiär. Nur deshalb funktioniert es. Und nur deshalb ist es ein so wunderbarer Spielplatz geblieben. Darüber, ob das so weitergehen soll wie bisher, bin ich unschlüssig. Wir haben unsere Wunschliste an Künstlern in den letzten Jahren abgearbeitet und das macht es auch schwierig für die Zukunft. Viele der ganz grossen Jazzstars werden in den nächsten Jahren altersbedingt von uns gehen.

Wohin geht das Festival, das als Idee startete und irgendwie zur Legende wurde?

Eine Überlegung ist ein radikaler Schnitt. Ich weiss aber nicht, ob ich dies schaffe und ob es für das Festival das Beste wäre. Das wäre dann eine Lostrennung von der Legende. Sicher ist, dass wir den Mix verändern werden, in Richtung jüngere Artisten. Wie genau, weiss ich noch nicht. Ich werde auf mein Bauchgefühl hören, das habe ich immer schon gemacht.

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